Dienstag, 27. Dezember 2011

Der Kanal von Lee Rourke

Langeweile zu haben oder gar ein Langweiler zu sein war sehr lange Zeit verpönt, es haftete an allen Menschen ein Makel, die mit Langeweile zu tun hatten. Bereits Kindern wird eingetrichtert, dass sie niemals Langeweile haben sollten, immer beschäftigt sein, immer etwas tun. Das Nichtstun, dass still sitzen und an gar nichts denken wird nur Greisinnen und Greisen zugestanden - und wenn diese agil sind, nicht einmal denen... Man musste das nicht großartig reflektieren. Doch in der gegenwärtigen Kultur bekommt die Langeweile plötzlich einen neuen Platz, sie ist en Vogue. In der Novemberausgabe des Merkur erschien ein Essay zum Thema Langeweile, der Popjournalist Simon Reynolds schrieb in seinem Buch "Retromania" darüber und auch Philipp Wüschner machte sich in "Die Entdeckung der Langeweile - Über eine subversive Laune der Philosophie" darüber Gedanken. In der taz-Ausgabe vom 13.12.2011 schrieb Aram Lintzel über dieses Kultur-Phänomen und nannte noch weitere Beispiele. Sein Untertitel lautet "Wenn das Leben ein hyperaktives Drama voller Events ist, wird Langeweile zur Exit-Strategie" - und damit könnte er recht haben... "Ich habe eines Tages aus reiner Langeweile damit angefangen, zum Kanal zu gehen..." beginnt Lee Rourke seinen Roman "Der Kanal", und der zweite Abschnitt beginnt so: "Manche Leute halten Langeweile für etwas Schlechtes, das man vermeiden sollte, und meinen, dass man das Leben mit allem möglichen Zeug anfüllen sollte, nur um die Langeweile in Schach zu halten. Das denke ich nicht. ..." Er hält sie für etwas Gutes - und macht sich viele Gedanken darüber im Verlauf der Geschichte. In der nicht viel passiert, wie man sich denken kann. Kurz zusammengefasst könnte man es so sagen: Ein Mann geht nicht mehr zur Arbeit, stattdessen geht er jeden Tag an den Kanal und beobachtet das Treiben, die Schwäne im Wasser, die Boote und Schiffe, die Menschen, die an ihm vorbeilaufen, die arbeitenden Leute in den gegenüberliegenden Bürogebäuden. Nach einer Weile lernt er eine Frau kennen, die das gleiche tut - allerdings hat sie einen besonderen Grund dafür. Sie beobachtet nicht einfach irgendwen in diesem einen Bürogebäude, sie ist Stalkerin. Und die Beziehung zu unserer Hauptfigur gestaltet sich dementsprechend auch ein bisschen neurotisch... "Es scheint, als seien Langeweile und Begehren nicht allzu weit voneinander entfernt. Es scheint, als wären sie genau genommen mehr oder weniger derselbe Antrieb: Der Drang etwas zu tun." Das sind diese Sätze, die ich an diesem Buch mag. Nicht immer habe ich mich so wohl gefühlt mit dem Buch, manche Anekdoten aus der Vergangenheit des Mannes langweilen mich, was wohl kein Wunder ist, wenn es um Langeweile geht in diesem Text. Dieser ist allerdings nicht so harmlos wie er zunächst erscheint. Er ist letzten Endes ein radikaler Roman mit einem in Ruhe gebetteten Verlauf, in Sanftmut, um dann zu einem furioseren Ende, in einer Verstörung zu landen, die lange nach dem Lesen noch nachwirkt. "Der Kanal" von Lee Rourke im wunderbaren Indie-Verlag mairisch im Oktober 2011 erschienen, umfasst 232 Seiten, kostet 17,90 Euro und ist absolut empfehlenswert - gerade für alle Hipsters, Sicksters und Banksters. 

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