Freitag, 2. Dezember 2011

Blog-Parade: Liebe Sprichwörter - 2


www.welt.de entnommen
Wir lernten uns kennen auf der legendären schwulen Wanderung, die jedes Jahr zu Himmelfahrt durch das Lipperland führt. Noch auf dem Parkplatz in Detmold sprach er mich an, wie er mir später gestand, hatte er mich mit jemandem verwechselt. Egal: wir unterhielten uns gut den Tag lang, abends brachte er mich nach Hause, kam auf den bekannten Kaffee mit hoch, wir schauten einen eigenartigen Film im Fernsehen, von dem ich jedoch so gut wie nichts mitbekam, weil ich zu sehr mit ihm beschäftigt war, schließlich blieb er über Nacht.


Am nächsten Morgen, nach einer viel zu kurzen Nacht, musste ich arbeiten, er war noch Student. Meine Laune war mies, wie üblich morgens vor neun, am liebsten kein Wort sprechen, seine Laune hingegen schien bestens, er quatschte unentwegt. Ich musste los zur Arbeit, er fuhr nach Hause, war schön mit dir, man sieht sich, ich konnte eine weitere Kerbe in meinen imaginären Bettpfosten ritzen. Meine letzte feste Beziehung lag über ein Jahr zurück, im Moment war ich als Single mit gelegentlichen Abenteuern sehr zufrieden.
Nachmittags rief er an. Ob wir uns wieder sehen könnten, am selben Abend in einer Bielefelder Disko, wo freitags Gay Night war. Klar, warum nicht, also trafen wir uns, und spätestens von da an war klar, dass wir es miteinander versuchen sollten. Ich kann nicht behaupten, ich sei verliebt gewesen, also keine Schmetterlinge und so, und doch verband uns etwas, zunächst noch ganz klein, das jedoch wachsen konnte uns wuchs. Bereits eine Woche später wurde ich bei seiner Familie eingeführt.
Das ist nun über vierzehn Jahre her, und noch immer sind wir zusammen, seit neun Jahren auch „amtlich“. Warum funktioniert das schon so lange, warum liebe ich ihn immer noch, mehr vielleicht als zuvor? Ich kann es nicht sagen. Denn: wir sind extrem unterschiedlich. Ein paar Beispiele:
Er redet gerne in Momenten, wenn ich lieber schweige, vor allem abends nach der Arbeit. Während er mir gerne detailliert seinen Arbeitstag schildert, habe ich das Büro längst hinter mir gelassen und keine Lust, auch nur daran zu denken.
Er ist stets sehr gut informiert und an vielen Dingen interessiert, sowohl an vergangenen als auch aktuellen Ereignissen. Mich hingegen kann man als vielseitig desinteressiert bezeichnen, zwar lese ich die Zeitung und schaue die Nachrichten im Fernsehen, aber zum Beispiel zu Fragen der aktuellen Finanzkrise kann ich nicht fundiert mitreden.
Wir haben kein gemeinsames Hobby, etwas, für das wir uns beide gleichermaßen begeistern, gehen selten gemeinsam ins Kino oder Konzert oder überhaupt am Wochenende zusammen raus.
Ich kann seine Begeisterung für Apple-Produkte nur eingeschränkt nachvollziehen, er meine für Dampflokomotiven fast gar nicht. Aber: Immerhin darf ich seine „abgelegten“ iPhones weiter nutzen, dem habe ich von meiner Seite leider nichts entgegen zu setzen.
Er ist ein Meister der Entropie: Alles, was er benutzt, seien es Schuhe, Rucksack, Küchengeräte, Verpackungen oder Zeitschriften, bleibt genau dort liegen; ich hingegen brauche eine gewisse Ordnung, wenigstens eine scheinbare: Hauptsache die Wohnung wirkt einigermaßen aufgeräumt - wie es hinter geschlossenen Schranktüren aussieht, ist eine andere Frage. Auch Staubschichten kann ich ganz gut ignorieren.
Ich liebe Bruckner, er findet ihn furchtbar. Dafür mögen wir beide Brahms und Tschaikowsky.
Ich liebe Loriot und zitiere ihn oft - er verdreht die Augen.
Er mag Karneval - ich würde während der tollen Tage am liebsten das Haus nicht verlassen oder aufs ostwestfälische Land verreisen.
Er schaut Fußball - bei mir wurde das Gen für Fußballbegeisterung offenbar vergessen.
Er ist nicht mein „Traumprinz“ - und ich nicht seiner. Ich weiß das und er weiß das. Traumprinzen sind ohnehin überbewertet, liegt doch die Betonung auf der ersten Silbe.
Und doch:
Zwar mag ich es, wenn ich die Wohnung mal ein paar Stunden oder Tage für mich alleine habe, weil er unterwegs ist. Doch kaum ist er zur Tür raus, vermisse ich ihn.
Ich hasse es, alleine zu essen, einzuschlafen und aufzuwachen. Gut, essen mag ich auch mit anderen Menschen, einschlafen und aufwachen nicht.
Wir lieben beide gutes Essen, guten Wein und die Provence.
Wir gestehen uns gegenseitig Freiheiten zu, an denen andere Beziehungen regelmäßig zerbrechen. Vielleicht ist das ein wesentlicher Grund dafür, dass es so gut funktioniert, wer weiß.
Es stimmt: Gegensätze ziehen sich an, aber nur dann, wenn sie auch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Und das nun schon seit fast fünfzehn Jahren.
http://stancerblog.blog.de/2011/11/27/gegensaetze-12226566/

Mach mit bei der Blog-Parade: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/11/blogparade-liebe-sprichworter.html :-)

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