Samstag, 24. September 2011

Mauerschau - 24.9. in der Zeilgalerie


Es war ein spannendes Experiment, was die Schauspielerin und Regisseurin Barbara Englert in die Tat umgesetzt hat: Ein Theaterstück zu den Leuten hin zu bringen. In Kooperation mit x-qm, ein Projekt, das die Nutzung des öffentlichen Raumes zum Thema hat - die anleitende Frage ist: Wem gehört der öffentliche Raum - inszenierte sie das Theaterstück "Mauerschau" von Clemens J. Setz als Deutschland-Premiere im gerade leer stehenden Dachcafe auf der Zeilgalerie. Spannend diese Kulisse auf Ebene 9, waren doch die Türen offen, so dass man die Leute, die auf die höchste Ebene zum "Skyline fotografieren" wollten, vorbeilaufen hörte. x-qm bietet im Tausch gegen eine gute Idee beste Lagen und ein Dach über dem Kopf in der Frankfurter Innenstadt, auch Sprich! e.V. wird bei der Ersten Frankfurter Sprachwoche mit ihnen kooperieren. Projektleiter sind Heiner Blum und Jakob Sturm. Am 22.9. gab es eine öffentliche Generalprobe des Stückes, am 23.9. und 24.9. wurde es aufgeführt. 
Mauerschau: Ist ein Stilmittel, welches bei Theateraufführungen häufig eingesetzt wird. Es ist ein mündlicher Bericht einer Person, die von einem erhöhten Standpunkt aus eine Handlung beschreibt, die auf der Bühne nicht zu sehen oder nicht darzustellen ist (Krieg, Hinrichtung ect.). (Quelle) "Mauerschau" ist das erste Theaterstück von Clemens J. Setz, der in aller Munde ist, seitdem er es im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und in diesem Jahr sogar den Preis der Leipziger Buchmesse mit seinem Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ erhielt (seine Romane: „Söhne und Planeten“, „ Die Frequenzen“). Barbara Englert lernte ihn bei einem Fotokunstprojekt namens „MOMENTUM. Dichter in Szenen“ (Fotografien von Alexander Paul Englert) kennen. Diese Ausstellung wird übrigens ab 8.1.2012 im Frankfurter Goethe Haus zu sehen sein. 


Vom Wohnzimmerfenster aus beobachten ein junges Paar und ein Freund einen Stalker im Hof, der einer Nachbarin nachstellt. Was als harmlose Feierabendbeschäftigung beginnt, eskaliert urplötzlich, und nun versuchen sie, mit den seltsamsten Mitteln den Verstrickungen von Terror und subtiler Gewalt zu entkommen. Verstand und Logik bleiben dabei auf der Strecke, komische, groteske und peinliche Situationen wechseln einander ab.
Ein unheimliches Stück, sehr absurd und vor allem kurzweilig. Ich war nicht nur von Jonas Englert beeindruckt, der sich für Klang und Ton verantwortlich zeichnete, und es geschafft hat, gute 45 Minuten reglos auf der Bühne zu sitzen, fast wie eine Pflanze, sondern auch von den drei Schauspielern Thomas Hupfer, Victoria Schmidt, Cyril-Elias Sjöström, die nicht nur fehlerfrei, sondern sehr authentisch und kraftvoll spielten. Wenn ich sie beobachtete, fühlte ich den Stalker, so als wäre er tatsächlich körperlich präsent. Ich fühlte ihre Müdigkeit, die durch nächtliche Anrufe zustande kommt - und vor allem Mich terrorisierten diese Anrufe ebenso. Denn der Klingelton hätte mich aus tiefstem Schlaf geweckt - und die Stimme von "Stefan" (Cyril-Elias Sjöström) hätte mich ebenso wecken können: Warum schreien die in modernen Theatern immer? ;-) Eine gelungene Aufführung. Man wünscht sich mehr solcher Projekte in Frankfurt, das sich langsam aber sicher tatsächlich zur Kulturhauptstadt mausert. :-) Und ich möchte noch mehr von Jonas Englert sehen. :-) Gleich nächste Woche (bei seinem Projekt "Tanzmusikpoesie" - das "Medea" aufführt). 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen