Montag, 26. April 2010

Im Jahr 2001 ein Aufsatz zum Thema Multikulti

Was ist denn Multikulti? Eine gute, berechtigte Frage. Ist das, wenn ich in einem Abteil im Zug von Frankfurt-Mörfelden nach Frankfurt einen Farbigen, einen Asiaten, einen Kroaten und einen Türken neben mir sitzen habe? Oder wenn ich in einem Seminar in der Pädagogischen Hochschule, „Medien im DaF-Unterricht“, als „deutscher Grieche“ mit einer eingedeutschten Türkin, die trilingual (deutsch, arabisch, türkisch) aufgewachsen, einer Dozentin, die vor 30 Jahren aus den USA nach Deutschland gekommen ist, und einem Ostdeutschen am PC Rätsel löse, die für Dritt- und Viertklässler im Fach Deutsch bestimmt sind? Ist es Multikulti, wenn der „Grieche“ und die „Türkin“ der Dozentin erklären wollen, dass „Wetterfrösche“ existieren und diese das für ein Märchen hält, glaubt, dass man sie hereinlegen möchte? „Nein“, sagte sie, „es gibt keine Frösche, die in Gläsern leben und auf Leitern steigen!“ Ist Multikulti, wenn ein Deutscher abwechselnd bei einem Chinesen, Türken, Mexikaner, Griechen, Italiener und Afrikaner zu Mittag ißt? Ist Multikulti, wenn im Fernsehen deutsch-türkische Kabarettisten Comedy-Sendungen machen dürfen, die nach Shows von Holländern laufen? Und was ist ein „eigenes“ Land? Niemandem kann ein Land gehören, die Ureinwohner der Erde wussten das, die Indianer waren einigermaßen befremdet, als sie herausfanden, dass „die Weißen“ Land kaufen und verkaufen. Was ist für mich „eigenes“ oder „fremdes“ Land? Wo ist mein Zuhause? Ist es Griechenland? Ist es Deutschland? Meine Eltern sind Griechen, oder waren? Kann man nach dreißig Jahren Deutschland behaupten, Grieche zu sein? Ich bin hier geboren. So kann ich unmöglich Grieche sein! Bin ich Deutscher? Ich spreche, schreibe, träume, denke deutsch. Aber mich ohne Zusatz Deutscher zu nennen, bedeutet das nicht, etwas, das in mir drin ist, zu verleugnen? Liegen meine Wurzeln nicht wo anders? Oder muss ich das anders sehen? Die Wurzeln meiner Eltern waren in griechischer Erde verwachsen, ihre Samen trugen sie aber nach Deutschland, und dort liegen ebenso meine Wurzeln, oder etwa nicht? Aber was ist mit dem griechischen Anteil in mir? Was mache ich damit? Was passiert mit mir, wenn ich griechische Lieder höre, wenn ich ein wohliges Gefühl dabei empfinde? Wenn ich mich über den dritten Platz der griechischen Gruppe beim „Grand Prix“ freue? Welche Erfahrungen mache ich in diesem, sagen wir nun „meinem eigenen Land“ Deutschland? Selbst mich als „Ausländer“, der durch das Abitur zum „Inländer“ geworden ist, befremdet es, wenn er einen türkischstämmigen Deutschen, Mitte dreißig, mit Schnauzbart und tiefschwarzen Haaren, perfekt schwäbeln hört. Vielleicht auch deswegen, weil meine Eltern nie gelernt haben, Dialekt zu sprechen. Eines Tages befanden sich meine Mutter, mein Neffe und ich auf dem Balkon, im Hof stand meine Schwägerin, die fragte, ob wir auch am nächsten Tag auf ihr Kind aufpassen könnten, meine Mutter sagte, dass es nicht gehe. Daraufhin meinte die Schwiegertochter: „Ach, gehsch morge bäse?“ Meine Mutter machte ein entsetztes Gesicht, wollte anfangen, mit der Mutter ihres Enkels zu schimpfen, diese reagierte schnell, erklärte, dass „bäse gehe“ bedeute, dass man ausgeht. Die Dörfler in meiner Klasse diskriminierten mich auch deswegen, weil ich ihren Dialekt nicht adaptieren konnte, ich war es nicht gewohnt von zu Hause, fand deren Sprache aber urkomisch. Noch bis heute beherrsche ich nur einzelne Wörter im Allemanischen. Einmal blamierte ich mich, da ich das Wort „Lelles“ nicht kannte. Ich wollte dem auf die Spur kommen, denn es wollte mir niemand erklären, was es heißt. Also fragte ich: „Könnte ich einfach zu einem Jungen gehen und ihm das machen?“ Schallendes Gelächter der „Dorfjugend“. Während ich davon ausging, dass „Lelles“ ein Arschtritt sei, bedeutet dieses Wort in Wirklichkeit „Zungenkuss“. Eines Tages saß ich im Wartezimmer meiner Augenärztin. Von meinem Platz aus sah ich, wie ein afrikanisches Ehepaar, das schon einige Zeit gewartet hatte, auf die Arzthelferin zutrat und fragte, ob es noch kurz Erledigungen in der Stadt machen könne, um später wiederzukehren. Eine völlig legitime Frage, in anderen Praxen- ist das durchaus üblich. Doch da bekam die Arzthelferin einen Wutanfall, den ich gar nicht mehr wiedergeben kann, aber sie beschwerte sich auf jeden Fall darüber, dass dieses Asylantenpack, das sowieso den ganzen Tag Zeit hätte, so unverschämt wäre. Die gleiche Frau, die übrigens meinen Namen noch nach 10 Jahren nicht schreiben kann. Ich machte sie einmal darauf aufmerksam, da sagte sie: „Ich kann halt nicht ausländisch schreiben!“ Ich erwiderte: „Sie müssen meinen Namen ja auch nicht in griechischer Sprache schreiben, es reicht vollkommen in Deutsch!“ Mein Abitur bekam ich in der Grenzstadt Kehl, mein erstes Leistungsfach war Englisch, obwohl ich seit der Grundschule Französisch gelernt hatte. Doch ich gab es auf. Die Konkurrenz war zu groß, zu viele Franzosen und Halbfranzosen hoben das Niveau. Bei der Abitursprüfung passierte etwas Symptomatisches: nach zwanzig Minuten beendeten alle im Kurs die Übersetzung, fragten irritiert nach: „Wo ist der zweite Teil?“ Den gab es nicht, der ganze Kurs, der es gewohnt war, doppelt so lange und mindestens doppelt so schwere Übersetzungen zu bearbeiten, ging lachend und spottend aus der Prüfung...

Kommentare:

  1. die sache mitv den wetterfröschen hatte ich fast vergessen.unglaublich, aber wirklich und wahrhaftig wahr.
    weißt du noch: herr kont:" heute dürfen wir eine leibhaftige bauchtänzerin bei uns begrüßen!"

    jemi

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  2. ach ja, dieses seminar damals war sooooooooo witzig,
    frau teichmähn war eh so cool! vor allem immer voll angeätzt von uns beiden. :-)))))

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  3. lieber janni,

    du hast da einen sehr schönen text geschrieben mit dem du mir aus der seele sprichst. im übrigen lese ich gerne in deinem blog, hab mich nur nie zu wort gemeldet. coole sache und hut ab, wie du das alles unter einen hut bringst...
    deine ausländerstammtischundmanchmaldochkomisch-dani

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