Dienstag, 20. April 2010

Die Sprache -1-

Spät begann ich die Kunst des Sprechens zu erlernen. In meinem Kopf formten sich zwar endlose Reihen von Wörtern, doch als sie aus meinem Mund strömen sollten, blieben sie aus, man vernahm nur ein Gurgeln und Quietschen. Es war, als blieben die Worte in meinen Stimmbändern hängen, könnten ihnen nicht entrinnen. Mir kam es so vor, als wollten sie mich ärgern, als versteckten sie sich dort unter der Haut meines Halses. Doch warum taten sie so etwas? Was hatte ich getan? Warum verkrampfte sich alles in mir drin, wenn ich reden sollte? Eines Tages fühlte ich mich so hilflos, so verzweifelt, dass ich die oberste Schublade unseres Küchenschrankes, die ich erreichen konnte, öffnete und den spitzesten Gegenstand, den ich fand, hervorholte. Es war eine Schere. Ich setzte gerade an, um sie in meinen Hals zu stechen, als ich ein lautes Schreien hörte, das aus der Kehle meiner Mutter entwich. Ich blickte sie erstaunt an, hatte aber durchaus nicht vor, von meinem Tun abzulassen, schließlich erwartete ich dadurch meine „Erlösung“, welche nicht der Tod, sondern das Ende der Sprachlosigkeit sein sollte. Sie stürzte sich auf mich, nahm mir die Schere, das Werkzeug zu meiner Erlösung, weg.
Man ahnt es schon, meine Tat wurde natürlich als Selbstmordversuch gewertet, als besonders bedauerlichen und bemitleidenswerten. Gerade weil ich erst zweieinhalb Jahre alt war. Doch, wie Sie wissen, es war ja keiner. Aber wie sollte man ihn anders nennen? Wie könnte man es ausdrücken? Was sind nun die perfekten Worte für das, was ich damals versuchte? Eine Bemühung, Worte, gut verständliche, für andere sinnvolle Buchstabenfolgen, aus mir herauszubefördern, herausdringen zu lassen. Man sprach wild auf mich ein, ließ mich nicht mehr aus den Augen, oh, man muss ihn beschützen, der könnte sich ja etwas antun, oh, der Ärmste, wie konnte das nur geschehen... Meine Eltern beschützten mich - der als Nesthäkchen, als Ausrutscher meiner Erzeuger geborene, schon genug verwöhnte und viel zu vorsichtig Erzogene -, mehr denn je. Diese übertriebene Vorsicht verseuchte für immer mein Leben, aber dies ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht auch noch von mir geben werde.
Meine Eltern sprachen griechisch mit mir, meine älteren Geschwister unterhielten sich auf deutsch miteinander. Die beiden Sprachen verknoteten sich in meinem Gehirn, verwirrten es, verwirrten meine Gedanken. War es am Ende nicht so, dass mich diese erzwungene Bilingualität erdrückte? Mich und meine Kräfte aussaugte? Musste ich mich einfach an sie gewöhnen, um sie im Anschluss noch grandioser zu nutzen? War ich vielleicht zu dämlich und hatte daher Probleme, die Sprachen zu entwirren, woraus dieses Quietschen und Gurgeln entsprang?
Man brachte mich zu einer Kinderärztin, sie führte Tests durch. Oh, wie gut schnitt ich ab, wie stolz fühlten sich meine Eltern wieder, nachdem sie nicht nur bescheinigt bekamen, dass ihr Sohn nicht schwachsinnig - welche Schmach wäre das gewesen! -, sondern ein besonders intelligentes, überaus begabtes, allerdings nach Meinung der Expertin ein ebenso faules Kind sei. Deswegen wollte ich nicht reden. Als hätte es mir Spaß gemacht, zu quietschen und zu gurgeln, wenn ich doch lieber gesprochen und dementsprechend mich wirklich verständlich artikuliert hätte.
Wenn man genau aufgepasst hat, kennt man nun zwei Mythen aus meiner Kindheit. Der erste ist die Selbtmordtheorie, die ich bereits widerlegte. Der zweite: obwohl der Kleine sehr intelligent war, legte er eine Faulheit an den Tag, die verhinderte, dass er redete. Und die Fortsetzung davon: als er dann begann zu sprechen, tat er das umso mehr, als wolle er alles das auf-holen, was er in den Jahren zuvor nicht von sich geben konnte. Tja, er sprudelte wie ein Wasserfall, doppelt so viel wie seine eher ruhigen Geschwister. Nur stimmt das alles genauso wenig wie der erste Mythos. Die Menschen spinnen sich immer solche Dinge aus, um nicht über die wirklichen Motive, die wirklichen Gründe ihres oder eines anderen Handelns nachdenken zu müssen. Zu faul waren eher meine Eltern, die sich mit solch einer Begründung vergnügten und nie wieder nachhakten. Als wäre das eine befriedigende Erklärung meiner Sprachhem-mung. Selbstverständlich nicht, da gibt es ganz andere Zusammenhänge. Tiefliegende vielleicht, aber durchaus vorhandene. Zunächst will mir kein Wort aus dem Mund entfleuchen, plötzlich fließen die Wörter unbehelligt hinaus, ohne Sinn und Verstand. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, deutsch und griechisch vermischen sich und dazu kommt das armenische Türkisch, das Elsässisch und der allemanische Dialekt meiner Nachbarn. So schnell strömt es aus mir heraus, dass die Worte nicht klar abgegrenzt sind, weder in meiner Intonation noch in den Sprachen. Ich artikuliere so schlecht, dass sich einzelne Zischlaute kaum voneinander unterscheiden, es hört sich weder richtig noch schön an. So leide ich erneut an einer mangelnden Sprachfähigkeit. Ich bleibe auf Kriegsfuß mit dem Reden, doch ich bin so mitteilungsbedürftig, habe so viele Ideen, die sich einen Weg aus mir herausbahnen müssen, dass ich es nicht aushalte zu schweigen. Meine Phantasie und Kreativität zwingen mich weiterzureden, sie lassen mich zum sechsjährigen Entertainer werden, der jeden unterhalten will. Die Menschen in meiner Umgebung zeigen sich amüsiert, allerdings eher durch meine sprachlichen Mängel und Vermischungen, die sie vielleicht als klugen Kunstgriff, als Teil des Schauspiels, betrachten.

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