Freitag, 9. April 2010

Ameisen...

Am nächsten Tag fuhr er an den Legelshurster Baggersee und traf dort einige seiner Freunde, er legte sich zu Nadine, Steffi, Julia und Christian. Das Wetter war nicht sehr gut, aber bevor es noch schlechter würde, wollte man noch einmal ein bißchen im Wasser plantschen. Dabei war es noch August, schlechtes Wetter für diesen Monat.
„Du bist so still“, meinte Nadine. „Was soll ich denn sagen?“- „Du redest doch sonst so viel. Erzähl doch Christian die Ameisengeschichte. Uns ist sowieso gerade langweilig.“- „Die Geschichte erzähle ich nicht mehr. Keiner außer dir und Julia hat sie gewürdigt und gelacht. Außerdem erzähle ich immer. Jetzt macht ihr mal, auf, ich will was hören!“- „Aber du kannst das viel besser.“- „Nein, heute nicht.“
Die sogenannte Ameisengeschichte wurde von Jonas folgendermaßen erzählt: „Es war so: beim diesjährigen traditionellen Baggerseefest der Oberstufe, waren bei uns Leute aus Achern eingeladen, unser BK-LK war mit deren BK-LK gemeinsam in Köln. Natürlich sind auch Freunde dieser Leute mitgekommen. So lernte ich Bryan und Matthias kennen, und wir unterhielten uns am Lagerfeuer, und ich erzählte und erzählte, bis sie alle, naja, fast alle, für mein jetziges Leben wichtigen Begebenheiten erfuhren. Mein Kampf gegen intolerante Ansichten, gegen Verlogenheit, gegen das Schlechte in dieser Welt. Natürlich interessierte die beiden esoterisch Angehauchten sich sehr für mich und freundeten sich mit mir an. Wir trafen uns später noch mal zufällig in einer Disco und dort fragten sie mich, ob ich Lust hätte zu einem Vortrag von Sai-Baba-Anhängern über eine Indien-Reise und Meditation mitzugehen, es sei irgendwo in der Nähe des Kehler Hafens, sie könnten mich abholen.
In der Disco versteht man ja sein eigenes Wort nicht und daher hörte ich etwas Falsches heraus: Vortrag über eine bestimmte Medizin oder so. Ich wollte selbstverständlich nicht. Aber sie wollten mich trotzdem besuchen, bevor sie dort hingehen. Ja, klar, kommt halt. Und letztendlich bin ich dann mit zu dem Vortrag. Man ist ja offen für alles, nicht wahr? Eine Frau wollte von ihrer Reise zu Sai Baba nach Indien erzählen, aber zunächst sangen wir mehrere Oms, dann noch ein paar Om-irgendwas. Ganz lange den Ton anzieheeeen. Dann begann sie, die sich übrigens nach ihrer „Erleuchtung“ Ananda nannte: ‘Und in meinem Hotel, da waren soviele Ameisen, das war unglaublich, überall Ameisen, und dann liefen sehr viele von ihnen auf meinem Kissen, stellt euch vor, krabbeln Dutzende von Ameisen auf meinem Bett herum, ich brachte welche um, und dann dachte ich: nein, du kannst doch nicht alle Ameisen umbringen, das sind genauso Gottesgeschöpfe wie du selbst auch, nein, das geht nicht, das kann nicht dein Weg sein, und ihr müßt euch vorstellen, daß unten, neben dem Hotel, eine kleine Bäckerei war, da holte ich immer süßes Gebäck, und da sagte mir eine innere Stimme, natürlich war das Sai Baba, ihr könnts euch denken, er teilt uns oft die Lösungen unserer Probleme mit: du darfst kein Gebäck mehr in dieser Bäckerei kaufen, natürlich hörte ich auf ihn, klar, ich kaufte kein Gebäck mehr, und ihr werdet es kaum glauben, schwuppdiwupp, weg waren die Ameisen, so hat mir Sai Baba also aus meinem Ameisenproblem geholfen.’
Natürlich erzählte diese Ananda noch mehr interessante Geschichten, zum Beispiel, daß in Hamburg ein Wochenende lang fünftausend Sai-Baba-Anhänger meditierten und daß daraufhin die Kriminalitätsrate um zwanzig Prozent sank. Ich für meinen Teil dachte bei mir: klar, wenn man alle Kriminellen zu der Meditation einlädt... Und sie erzählte auch noch mehr Indien-Abenteuer, aber diese gebe ich ein andermal zum Besten. Nun ja, auf jeden Fall, habe ich nachher immer, wenn mir jemand eine mich langweilende Geschichte erzählte, gesagt: „Stell dir vor, da krabbelten Dutzende von Ameisen auf meinem Bett und ich dachte: nein, du kannst sie doch nicht alle umbringen, das ist nicht dein Weg.“ Verständnislosigkeit bei den anderen, wieder fing ich an: „Und stell dir vor: da krabbelten Dutzende von Ameisen...“

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