Dienstag, 20. April 2010

Die Sprache -2-

Ich verwechsle Sprachen, übersetze falsch, mir passieren interessante Fauxpas. Ich sage im Griechischen: mir schlafen die Füße ein, und ernte Gelächter, in Griechenland heißt es, dass die Füße vermodern. Wie soll man als Kind auch auf so eine morbide Übersetzung kommen. Ich will zum Assenseri gehen, wenn ich einen Aufzug brauche, könnte aber auch Ascenseur sagen, wie meine Nachbarn, oder Lift? Dann möchte ich besonders intelligent und reif erscheinen und sage: „oben ohne“, als ich „open end“ meine, wieder lacht alles, während ich das sage. Es verwirrt mich. Man denkt erneut, ich sei dumm, weil ich zu Missverständnissen neige. Manchmal irren sich aber auch die anderen. Man erklärt mir, wie man mit Wasserfarben malt, doch ich benutze zu viel Wasser, ich liebe Wasser, finde wässrige Farbe faszinierend. Ich höre die Freundin von meiner Schwester sagen: „Erkläre ihm mal, dass er weniger Wasser nehmen soll!“ Ich verstehe es. Will kundtun, dass ich das wisse, aber es anders machen wolle. Ich werde nicht verstanden. Wieder war es aus mir in mehreren Sprachen gesprudelt. Ach, hätte ich da eine Pinzette für meinen Kopf gehabt, dann gäbe es eine weitere Legende um meine Selbstmordversuche. Bestimmt könnte man etwas in meinem Gehirn verbiegen, wegschnipseln, irgend etwas tun, dass das alles vorbei geht. Man kann sich meine Verwirrung kaum ausdenken. Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einem fremden Land vor Gericht, sie wollen klarmachen, dass das alles ein Mißverständnis sei, und niemand versteht es, sie versuchen es mit Händen und Füßen, doch keiner scheint Ihnen folgen zu können.
So stehe ich vor meinen armenischen Nachbarn, die „Filim“ sagen, wenn sie Film meinen, will ihnen erzählen, was ich im Urlaub so erlebt habe, sie lachen, aber ich bezweifle, dass sie irgend etwas davon verstanden haben. Meine deutsche Nachbarin unterhält sich mit mir, fragt mich nach Einzelheiten aus „meinem“ Land. Ich sage: die Thalassa ist wunderschehn, so warm und ple. Was? will sie wissen. Ich zeige auf das Wasser in einem Glas, mache Bewegungen, die bedeuten sollen, dass da viel Wasser ist. Dass es sehr schön ist, und blau, ich zeige auf eine blaue Tischdecke.
Meine Mutter spricht manchmal in Codes, vielleicht habe ich diese Sprachhemmung von ihr übernommen. Ich stehe im Wohnzimmer, meine Schwester besprüht im Gang irgendwelche Möbel mit einem Möbelspray. Meine Mutter kommt dazu, sagt ihr: „Mach doch net die Mebel uff die Bodde“. Ich höre verwirrt zu, was sollte das denn?! Ich finde es bald heraus: sie meinte damit, dass meine Schwester das Möbelspray nicht in Richtung Boden sprühen sollte, da sonst der Boden glatt werde und man ausrutschen könne.
Wenn man diese Sprachhemmung ständig hat, so wie ich früher, fühlt man sich als Krüppel. Und wie soll man sich irgendwo daheim fühlen, wenn man in allen Sprachen ein Krüppel ist. Wenn man sich nirgends so recht verständlich machen kann.
Lag es an meiner Sprachbarriere, dass ich begann, an bestimmten Worten Gefallen zu finden? Muss man selbst eine Phase durchmachen, in der man nicht wirklich kommunizieren kann, um die Faszination von Sprache kennenzulernen? Tagelang schwirrten mir solche Begriffe wie „Keks“, „Menetekel“, „beinhalten“, „Marotte“, „Irrfahrt“, „Huld“, „räkeln“, „frönen“, „Trunkenbold“, „Schurke“ ... durch den Kopf, die ich irgendwie witzig oder merkwürdig fand. Ich hielt mich an ungewöhnlichen Plurali auf, wie ist der von Globus, der von Heimat, der von Trauma, der von Codex, der von Schock. Mich beschäftigten Präteritumformen von niesen bis zu schweifen, Adjektive wie verworren, kritzegrün und sonstige Seltsamkeiten. Sprache kann so interessant sein, und man muss nicht Sprachwissenschaften studieren, um das zu entdecken. Es reicht zuzuhören. Und vielleicht selbst einmal die Erfahrung von der eigenen Unzulänglichkeit im Sprechen zu machen. Dann betrachtet man vielleicht die Sprache anders.
Fragt sich, warum es heißt: man kommt vom Regen in die Traufe. Was ist Traufe? Was soll das bedeuten? Mitgehangen, mitgefangen. Eine Zeit lang redete ich in Sprichwörtern, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Und solche Dinge. Aber es geht noch weiter. Diese allgemeinen Floskeln wie: hey, wie geht’s? gut, es muß. Oder: was will man machen? Als ob man nicht immer eine Möglichkeit hätte, frei zu entscheiden! Liegt es an meiner ver-knoteten Zunge von früher, wenn ich auf die Sprache achte? Noch heute stört mich mein ei-genes Unvermögen oft, wenn ich frei reden soll. Mich überkommen die gleichen Probleme, wenn ich mich in Diskussionen einmische, alles verwurstelt sich in meinem Kopf, ich spreche zu schnell für mein Denken. Ich habe es zu eilig, es ist mir zu wichtig, was ich zu sagen habe, ich muss es schnell loswerden. Hinterher fühle ich mich erneut wie der kleine Sechsjährige, der unverstandene, über den man gerne lacht, und ich denke: scheiße, wie soll der mich ernst nehmen, wenn ich mich nicht so ausdrücke, wie ich es könnte; warum kann ich nicht so reden wie ich in meinen Gedanken rede, wenn ich Zeit dafür habe!
Das gleiche Unvermögen begegnet mir, wenn ich Hausarbeiten schreiben muss, wie soll ich das formulieren und wie dies, da es mir selbst ja verständlich ist; aber auch für den anderen? Wird der Leser mich verstehen, wird er wissen, was ich meine? Man ist regelmäßig unzufrie-den, fragt sich, warum man so unfähig, nicht in der Lage ist, sich klar auszudrücken, und dazu muss man kein Möchtegernschriftsteller sein, wie es wahrscheinlich sehr viele Deutsch-Studenten sind. Das Zweifeln an sich selbst, an der Sprachfähigkeit, das macht einen großen Teil der Identitätssuche für ein intelligentes Migrantenkind aus. Sich in einer Sprache wohl-fühlen, ja, sogar noch mehr, sich daheim fühlen. Welche ist meine Heimatsprache? Griechisch? Die Sprache meiner Eltern? Nein, ich glaube nicht. Ist es nicht eher die Sprache, in der ich träume? Diese ist allerdings die Sprache meines Geburtslandes, des Landes, in dem ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin: Deutschland - deutsch.
„Sie sprechen aber gut deutsch.“ Diesen Satz habe ich schon öfter von Deutschen gehört, be-sonders liebe ich ihn von älteren Damen, die - man muss es so sagen -, von überhaupt gar nichts eine Ahnung haben. Da könnte ich genauso gut antworten: „Sie aber auch, Respekt!“ Warum sollte man als „deutscher Ausländer“ schlechter deutsch sprechen, wenn man hier geboren wurde, die deutsche Grundschule, das Gymnasium besuchte und sogar das Abitur hinter sich gebracht hat? Ach, das können diese Menschen ja nicht wissen. Sie hören den aus-ländischen Namen und denken: da haben wir wieder einen! der kann bestimmt nicht gut deutsch, wie denn auch! Sie stellen sich schon darauf ein, mit ihrer Sprache zu diskrimi-nieren, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Nur klappt das bei mir nicht. Ich höre die subtilen Diskriminierungen heraus, ich verstehe sie. Ich habe ein Gespür für sie, vielleicht sogar noch mehr als eine emanzipierte Sprachwissenschaftlerin. Man macht mir kein X für ein U vor! Auch so eine witzige, bemerkenswerte Wendung.
Man wird sensibilisiert, wenn man als Migrantenkind in einem fernen Land aufwächst. Man hört sich das verkorkste Deutsch seiner Eltern an, die schon seit dreißig Jahren hier leben, re-gistriert die Reaktionen der Umstehenden, man selbst befasst sich mit der Sprache, hört genau zu, was über „die Migranten“ oder „die Ausländer“ gesagt wird. Man liest die Artikel über diese Gruppe in den Zeitungen aufmerksam, besorgt sich Bücher zu dem Thema.
Schreiben Sie einmal ein Gedicht und Sie werden erkennen, wie sehr wir in der Sprache von Worthülsen umgeben sind. Wenn man poetisch werden, seine Gefühle ausdrücken möchte, neigt man allzu leicht zu Floskeln, positiv könnten es auch Metaphern sein, wenn man zu sol-cher Brillanz in der Lage wäre, doch wer ist das schon. Viele Möchtegerndichter entdecken diese Tücken in der Lyrik gar nicht. Manche denken: Hauptsache es reimt sich. Die anderen denken: Hauptsache es hört sich schwülstig an. Man kann sich vorstellen, was man da zu lesen bekommt. Mein Cousin schrieb Liebesgedichte für seinen Schwarm. Im pubertären Alter von 16. Oh, ich musste beinahe kotzen, als ich sie las. Oh, hoffentlich wird er das niemals lesen. Natürlich sagte ich ihm, dass er da eine löbliche Sache getan habe. Er solle sie doch auf jeden Fall seiner Angebeteten schenken.
Man entdeckt eine neue Fallgrube der Sprache: um einer Person nicht vor den Kopf zu stoßen, muss man entweder die Wahrheit geschickt verschleiern oder gleich ganz - aber trotzdem subtil - lügen. Lüge, Heuchelei, Schmeichelei, Ironie, Zynismus, Sarkasmus und dergleichen sind so nahe beisammen, dass man sehr aufmerksam sein muss, wenn man sie auseinanderhalten will. Eines Tages kam ich mit einem Schild in die Schule. Auf der einen Seite stand IRONIE, auf der anderen Seite WAHRHEIT. (siehe unten – taktisch unklug?) Ein nettes Experiment, das ich bald abbrechen musste, weil ich die Sinnlosigkeit dessen zu deutlich empfand. Wie oft laviert man sich mit Ironie und nicht ernstgemeinter Schmeichelei durch den Tag, um Krisen und Streitigkeiten zu vermeiden, bei der Empfindlichkeit der meisten Menschen kommt man da gar nicht drum herum, so ehrlich und wahrhaftig man sein möchte.
Wenn man Fremdsprachen lernt, entdeckt man erneut die Faszination der Sprache. Verglei-chen Sie einmal Türkisch mit Deutsch. Also, ich kann mich nicht an diese elenden und endlosen Endsilben der türkischen Sprache gewöhnen. Scheinbar viel einfacher als die schwerfällige deutsche Grammatik, erschwert es einem das Sprechen, alle wichtigen Merkmale als En-dungen an die Worte dranzusetzen. Warum ist das in dieser Sprachfamilie so und in unserer nicht? Was einen so alles beschäftigen könnte, wenn man genug Zeit dafür hätte?! Vor allem die komplexe Sprache. Doch gerade um diese machen sich die meisten Menschen zu wenig Gedanken. Dabei ist sie überall gegenwärtig.

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