Donnerstag, 19. Juli 2012

Guy Delisle im Reprodukt Verlag


Frankfurter Buchmesse 2010. Ich stehe mal wieder bei Luftschacht aus Österreich, Nachbar des Reprodukt Verlags – eine junge Frau, zu dem Zeitpunkt Praktikantin dort, erzählt mir ganz aufgeregt: Da ist Guy Delisle, da ist Guy Delisle. Ich kenne ihn nicht. Er wird gelobt, er sei ja so witzig, gut aussehend, charmant und auch talentiert. Ja, was macht der denn? frage ich naiv. Der 1966 in Quebec Geborene hat sich schon früh dem Comic verschrieben, so wird mir erzählt. Später, als er Zeichentrickfilme herstellt, entdeckt er erneut die Liebe zu diesem Genre. Er schreibt nun autobiografische Reiseberichte von seinen Aufenthalten in asiatischen Ländern, in denen er Zeichentrickfilm-Produktionen koordinieren soll. Zunächst erschien „Shenzen“, dann „Pjöngjang“ und „Aufzeichnungen aus Birma“. Für „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ wurde er auf dem Internationalen Comicfestival Angoulême 2012 mit dem Preis für das Beste Album ausgezeichnet.
Alles begann also mit Shenzen: die chinesische Stadt wurde 1980 als Sonderwirtschaftszone ausgerufen und gilt seither als Chinas „Boomtown“. Für eine belgische Produktionsfirma wird Guy Delisle dort hingeschickt und erzählt von seinen alltäglichen Problemen, mit denen er konfrontiert ist. Die meisten Leute wissen nicht, dass die meisten Zeichentrickfilme in Asien hergestellt werden, weil sonst die Kosten zu groß wären, selbst „Die Simpsons“ werden dort produziert. Oft werden die Mitarbeiter vor Ort mit Reis bezahlt, wie Guy Delisle schildert. Es scheint auch ganz normal für sie zu sein, viel Zeit zu verschlafen, ganz offensichtlich und gar nicht geahndet. Die restliche Zeit sind die ausländischen Koordinatoren wie eben Guy Delisle damit beschäftigt, kulturelle Unterschiede zu erklären, damit die Figuren, die westlich aussehen und westliche Gesten benutzen sollen, authentisch gezeichnet werden. Das gelingt manchmal nicht so sehr gut, ob in Shenzen oder später in Pjöngjang. Die Dolmetscher-Szenen erinnern gelegentlich an den Film „Lost in Translation“ der Regisseurin Kelly Lynch: Guy möchte eine einfache Antwort erhalten, plötzlich wird minutenlang geredet – und entweder überhaupt keine Antwort gegeben oder eine unangemessen kurze. 


Was macht das Lese-Erlebnis aus? Zunächst einmal schafft es Guy Delisle den Leser ab der ersten Seite mitzureißen und ihn einzuladen, sich mit ihm zu identifizieren. Er ist ein sympathischer Typ, mit dem man gerne einmal einen Wein oder mehr trinken möchte. Das Charmante an ihm ist, dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt. Man könnte ja meinen, dass jemand, der sich selbst porträtiert, leicht größenwahnsinnig oder eingebildet ist, doch dieses Gefühl kommt keine Sekunde auf, im Gegenteil. Er fängt klug Eigenarten der jeweiligen Kultur ein und bringt sie zu Papier. Immer wieder fallen ihm kurze humorvolle Übertreibungen ein, die schallendes Gelächter hervorbringen. Es gelingt ihm zum Beispiel, diese bohrende Langeweile, die einem westlich orientierten Menschen in Shenzen befallen muss, in Worte und Bilder zu fassen. 
Pjöngjang spielt im Jahr 2004, also noch vor der Ächtung des Landes durch den Osten, man erinnere sich an die Atombomben-Drohungen Nordkoreas. Er hat George Orwells´ „1984“ im Gepäck, als er hinfliegt. Nur: das Erschreckende ist, dass Nordkorea noch alles toppt, was in diesem Roman beschrieben wird. Es gibt Bereiche, in denen nur Ausländer verkehren dürfen, die übrigens die meiste Zeit einen Begleiter an ihrer Seite haben. Die Gehirnwäsche hat – auch bedingt durch die jahrelange Informationssperre – Ausmaße angenommen, die unglaublich sind. Ein jeder huldigt Kim Il-Sung, der auch nach seinem Tod 1994 noch Präsident geblieben ist, eine 22 Meter hohe Bronzestatue steht im Zentrum Pjöngjangs, jeder hat ein Bild dieses Mannes an seinem Revers, manche auch vom mittlerweile ebenso verstorbenen Kim-Il Jong. Die Atmosphäre, die er in beiden Bänden vorzüglich schildert, ist bedrohlich grau. Shenzen ist schmutzig, unhygienisch, riecht, während Pjöngjang einem 24/7 einen gruseligen Schauder über den Rücken jagt, diese ständige Bespitzelung und die Bauten, die an Albert Speer erinnern. 
Viele Dinge, die Guy Delisle beschreibt, sind mittlerweile den Menschen im Westen bekannt, trotzdem gelingt es ihm noch mehr Informationen, absurde Gewohnheiten und lustige Sitten zu porträtieren, die einen abwechselnd den Kopf schütteln oder in Gelächter ausbrechen lässt. Ein wahres Vergnügen!
Guy Delisle, Shenzen, 160 Seiten, Reprodukt Verlag, Berlin. 14,90 Euro. (2006)
Guy Delisle, Pjöngjang, 176 Seiten, Reprodukt Verlag, Berlin. 18 Euro. (2007)

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