Mittwoch, 6. Juni 2012

Benedict Wells: Fast genial 2/2

Autor_innen schreiben auch immer etwas über sich, verarbeiten Dinge, die in ihnen herumspuken - egal, wie weit das Geschriebene oberflächlich betrachtet von ihnen entfernt ist... So auch hier bei Benedict Wells?
Sein drittes Buch nach den hervorragenden Romanen "Becks letzter Sommer" und "Spinner" beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Millionär Robert K. Graham gründete die "Samenbank der Genies" in einem unterirdischen Vorratsbunker auf einer Ranch bei San Diego. Fast 20 Jahre lang versuchte er dem "genetischen Verfall der Menschheit" Einhalt zu gebieten, indem er das Sperma hochintelligenter Wissenschaftler, Topathleten und erfolgreicher Geschäftsmänner sammelte und damit vielversprechende junge Frauen befruchtete. Auf diese Weise wurden bis Ende der Neunziger mehr als 200 Kinder gezeugt.

Über diese Versuche gibt es sogar eine BBC-Dokumentation. 
Benedict Wells erzählt nun die Geschichte eines derjenigen, die aus dieser Samenbank entstanden sind: Francis, knapp achtzehn, wohnt mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey und sieht sein Leben schon dort enden. Bis zu dem Tag, an dem er die Wahrheit über seine Zeugung erfährt. Offenbar verdankt er seine Existenz einem absurden Experiment, an dem seine Mutter damals teilgenommen hat. Sein Vater ist zudem kein Versager, der die Familie im Stich ließ, sondern ein genialer Wissenschaftler aus Harvard. Eine Begegnung mit ihm könnte Francis’ Leben verändern. Zusammen mit seinem besten Freund Grover, einem verschrobenen Superhirn, und dem Mädchen seines Herzens, der labilen, unberechenbaren Anne-May, macht er sich auf eine Reise quer durchs Land zur Westküste, um seinen Vater zu finden. Francis will wissen, wer er ist, und zu verlieren hat er nichts – oder doch? Ein dramatischer Erkundungstrip mit immer neuen Wendungen und einem im wahrsten Sinn atemberaubenden Showdown. http://www.diogenes.ch/leser/katalog/nach_autoren/a-z/w/9783257067897/buch
Ich bin ein Fan von Benedict Wells. Ein faszinierender Mensch: ein Autodidakt, er hat das Schreiben nicht gelernt, es nicht studiert. Nach dem Abitur hat er sich nachts hingesetzt und geschrieben, tagsüber gejobbt. Er war sehr einsam, er opferte viel. Und jetzt tragen sein Schreiben, seine Entbehrungen Früchte. Der Diogenes Verlag kam nicht hinterher mit den Büchern. Die Startauflage von 50.000 Büchern (!) war schnell vergriffen. Auch die ersten Romane liefen schon sehr gut. Mit seinen gerade 28 Jahren hat er schon drei große Romane beim feinen Diogenes Verlag veröffentlicht, er ist der Stern am deutschen Literatenhimmel. Kritisch könnte man bei seinem dritten Werk einwenden, dass es vielleicht das schwächste von allen dreien ist - es hat die beste Ausgangsidee, aber Benedict Wells bringt manchmal zu wenig Tiefe in das Buch, konzentriert sich zu sehr auf seine zugegebenermaßen tollen Charaktere, aber die Themen, die er anreißt, lässt er so ein bisschen verpuffen. Ich fand das Buch auch nicht so amüsant und spannend geschrieben wie die ersten zwei Romane. Es war einfach zu erwartbar, wie es vermutlich ausgeht, während man bei den beiden anderen Werken nie so genau wusste, wie es weitergeht. Aber es ist ein Unterhaltungsroman - und er ist gut, er ist lesenswert. Und er kommt verdammt gut an bei den Leuten - die Romane von Wells würde ich ohne zu zögern auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Hand drücken, die sonst nur im Internet lesen. Und er ist der einzige von den jungen Autor_innen mit wirklichem Star-Appeal...
Fast genial von Benedict Wells ist im August 2011 im Diogenes Verlag erschienen, umfasst 336 Seiten und ist in der gebundenen Form für 19,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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