Samstag, 13. März 2010

Marianna und Falk...

...Sie löste sich abrupt von ihm, und ohne ihn anzuschauen, flüsterte sie: „Ich möchte jetzt nach Hause gehen.“ Wie ein kleines schüchternes Mädchen, dachte er sich. Sie sieht in diesem Moment so verletzlich aus. Noch verletzlicher als gerade eben, als sie so herzzerreißend schluchzte. Vor anderen weinen zu können ist eine Stärke, sagte er sich, genauso wie anderen offenen Blickes eine vielleicht für das Gegenüber ungeliebte Entscheidung kundzutun. Das erste kann sie, wieso aber nicht das zweite? Er schaute sie an und fragte: „Möchtest du mir nicht erzählen, was dich bedrückt?“ Doch sie stand rasch auf, und mit einer Geste, die besagen sollte: kein weiteres Wort mehr – die Hand abfällig nach unten schleudernd – zog sie von dannen. Weil er sie nicht verlieren wollte, lief er ihr schleunigst hinterher und rief dabei: „Falk heiße ich, Falk!“ Sie drehte sich nicht um, als sie ihm entgegnete: „Freut mich! Mein Name ist Marianna!“ Er schaffte es kaum noch hinterher, da sie sich sehr beeilte. „Wieso rennst du so, Marianna?“ wollte er wissen. Überraschenderweise – auch für sie selbst – blieb sie nun stehen und wartete, bis er aufgeschlossen war. „Hier muss ich rechts laufen, zu meinem Parkplatz. Ich möchte dich… gerne wieder sehen.“ Beim letzten Satz hatte sie eine kleine Pause gemacht, weil ihr der Atem stockte. Falk tat es ihr in diesem Moment gleich, ohne zu wissen wieso. Vielleicht imitiere ich sie, um wieder eine Verbindung, eine Beziehung aufzubauen, gerade so wie ich ihr den Rücken streichelte, während sie weinte. Er beeilte sich zu sagen: „Natürlich. Gib mir deine Nummer… oh, ich habe mein Mobiltelefon nicht dabei…“ – „Ich habe meines dabei. Die Nummer?“

Er beobachtete sie, wie sie zu ihrem Auto lief, langsam die Schlüssel aus ihrer Tasche kramte, aufschloss, sich langsam in den Sitz bequemte, kurz einen Blick in den Spiegel warf, ein bisschen an sich herumzupfte, den Schlüssel ins Schloss steckte. Falk hatte ständig Filme im Kopf, Lieder, Trauer. Er weinte. Wieso möchte man fragen – er selbst hätte keine Antwort darauf, die ihm wahr erschien. Es steckt so viel Schmerz, so viel Trauer in mir drin, so viel Melancholie. So vielleicht. Ob Lieder, Geschichten oder Filme – sie erzählen eine Geschichte. Ich habe ein Meer aus Erzählungen in mir drin, die sich alle miteinander verbinden, die sich sogar mit meinen eigenen Erlebnissen vermischen. Wohin fährt sie jetzt? fragte er sich und stellte sich dabei vor, wie sie zu einem Arzt fährt, sich dort auf eine Liege legt und von ihrem Gesundheitszustand erzählt. Doch im nächsten Moment tauchen wieder Szenen aus dem Film „Vergissmeinnicht“ auf, und er hat Angst, dass Marianna ihn aus ihren Gedanken verbannen lassen könnte. Er hört Beck sein melancholisches Lied singen und wundert sich darüber, dass auch hier ein Mann derjenige ist, der im Film weint, der verzweifelt ist, sensibel, verträumt, sehnsuchtsvoll, romantisch. Falk muss weinen, schon wieder. Er sieht das Bett am Strand vor sich. Jim Carrey und Kate Winslet liegen darin. Doch plötzlich sieht er Marianna mit wehenden Haaren darin. Und sich selbst, lachend, ihre Wangen streichelnd, mit glücklich verliebtem Gesicht. Im nächsten Moment stehen sie beide auf und rennen am Strand entlang um die Wette. Doch plötzlich reißt die Filmrolle in seinem Kopf und nachdem es schwarz wird, kann er sie in einem Krankenhausbett an Schläuchen sehen. Oh mein Gott! ruft er aus. Ist dies nun der Film mit der Krebskranken? Oder kann ich vorhersehen, was mit ihr passiert? Und nun erblickt er Monitore und Computer, die nichts direkt mit einem Krankenhaus zu tun haben, sondern Maschinen sind, mit denen man verschiedene Erinnerungen im Gehirn auslöschen kann. Sie löscht mich aus, kommt es ihm in den Sinn, sie löscht mich aus. So wie es Kate Winslet macht. Nein, nicht wie sie es macht, wir leben in der Realität, da geht das nicht. Aber ich weiß, dass sie es auf die eine oder andere Art tun wird. Das hatte er im Gefühl, als er sie wegfahren sah. Das wollte er nicht, er hatte ein gutes Gefühl, sie hatte in seinen Armen geweint, ihm vertraut, sich von ihm streicheln und beruhigen lassen. Das musste doch etwas bedeuten! Es war ein merkwürdiges Gefühl, das er gerade eben hatte, und es lag sicher an den ewigen Gedanken an Geschichten, die nicht ihn betrafen, sondern erfundenen Figuren. Trotzdem: sie drängten sich ihm auf und auch das musste etwas bedeuten. Er wusste, dass er häufig antizipierte, was in seinem weiteren Leben passierte. Und so trog ihn dieses Gefühl bestimmt nicht. Und doch mochte er so gerne daran glauben, dass es diesmal anders war, dass diese besondere Art des Kennenlernens ein Omen war, ein Zeichen, welches bedeutet, das er endlich angekommen war...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen