Sonntag, 14. März 2010

Falk ist verliebt... in Marianna

...Als er sich auf seinen Drahtesel schwang, wurde es ihm immer mehr zu einer sicheren Erkenntnis, dass er nur wegen Marianna hier gewesen war, es hatte ihn etwas an diesen Ort getrieben, um für sie da zu sein, und das machte ihn fröhlich. Seinen Körper durchfluteten Glückshormone und er fühlte sich beseelt und kraftvoll. Allerdings auch gedankenvoll: Was war dieses Etwas? Schicksal? Gott? Er hatte Lust, in die Bibliothek zu fahren und mehr darüber zu erfahren. Schließlich: was gab es Schöneres als an einen Ort zu gehen, an dem es viele Bücher zu allen Themen gab, die die Menschheit interessierte. Auch deswegen mochte er Großstädte: üblicherweise gab es einfach mehr Möglichkeiten, Bücher auszuleihen, mehr Bibliotheken, größere Vielfalt, Spezialisierung. Er liebte es durch Bibliotheken zu streifen, viele verschiedene Bücher in die Hand zu nehmen, sich hineinzulesen, um zu entscheiden, welche Werke er mit nach Hause nehmen könnte, um sich die nächsten Tage oder gar Wochen damit zu vergnügen. Meistens las er mehrere Bücher gleichzeitig und fragte sich stets, wieso dies seine Mitmenschen merkwürdig fanden, da kämen sie ja ganz durcheinander mit den verschiedenen Inhalten. Doch, so sagte er sich, haben diese Leute auch viele
Freunde, mit denen sie tagtäglich zu tun hatten, die ebenso sich voneinander unterscheidende Biografien hatten und ebenso unterschiedliche Geschichten erzählten. Bücher sind für mich wie Freunde, dachte er sich. Doch es ging noch weiter: er hatte das Gefühl, dass er sich besser die Geschichten und Lebensläufe der fiktiven Figuren aus den Büchern merken konnte, als die von den vielen Menschen, denen er in seinem Alltag begegnete. Vielleicht weil man in Büchern in die Köpfe der Beteiligten sehen kann, zumindest wenn es einen allwissenden Erzähler gibt. Und bei Sachbüchern, zumal er zwangsläufig am häufigsten psychologische, philosophische und pädagogische Fachbücher las, erfuhr er viel über menschliche Verhaltensweisen und Gedankengänge. Doch es war wie damals, als er Einführungen ins Schachspiel las, um besser spielen zu lernen: die Gegner, die noch größere Laien waren, zogen nie so, wie sie es nach den Büchern sollten und zerstörten damit seine Taktiken, was ihn natürlich sehr irritierte. Ebenso verhielt es sich mit dem Verhalten der Menschen im wahren Leben. Falk konnte erst im Nachhinein etwas damit anfangen. Wenn er sich dann überlegte, wieso die Personen so reagiert hatten. Wie beim Schach: wenn er danach die Spielzüge analysierte, entdeckte er Muster, die in den Büchern beschrieben wurden. Waren Menschen hinterher böse auf ihn, konnte er sich viele Theorien überlegen, wieso das der Fall war. In dem Moment wäre er nie darauf gekommen, dass er das eine oder andere am besten unterlassen hätte. Dies alles überlegte er sich, während er fuhr, und wunderte sich wie rasch diese Fahrt ihn an sein Ziel führte.

Nach dem Bibliotheksbesuch fühlte er sich völlig überreizt. Er setzte sich erst einmal in sein Wohnzimmer, das er gemütlich nach seinen eigenen Vorstellungen eingerichtet hatte und in dem der Plattenspieler die einzige Zerstreuung bot, abgesehen von den zwei Bildern, die an der Wand hingen und von seiner Schwester gemalt worden waren. Falk brauchte einen Raum ganz ohne Bildschirm, in dem er in seine eigenen Fantasien verschwinden konnte, in die Geschichten der Bücher, die er stapelweise auf dem Tisch und den Kommoden liegen hatte. Und wenn seine Augen müde wurden, schaute er sich eines der beiden Gemälde an und versank darin. Oder er wanderte in Gedanken auf den Klangteppichen der Lieder, die vom Plattenspieler her auf ihn eindröhnten. Seine Sammlung hörte mit Werken aus dem Jahre 1992 auf. Er hatte einige schöne Platten aus der Hippie-Zeit, zum Beispiel sein Liebling von Genesis: Trespass, eindeutig die schönste und emotionalste Platte von ihnen, zumindest nach seiner Meinung, damals noch ohne Phil Collins. Bei „Visions of Angels“ sahen bestimmt alle Menschen die Engel vor sich schweben, die Instrumentalpassage und der Refrain des Liedes sind so bombastisch kitschig – das passte auf jeden Fall in die Himmelsvorstellung des jungen Mannes: androgyne, ephemere Wesen mit blonden Locken, die nicht redeten, sondern mit zarten Stimmen sangen, wenn sie etwas kundtun wollten. Manche hatten auch kleine oder größere Instrumente bei sich, Harfen, Zimbeln, Gitarren, und spielten leichthändig süße Melodien, während sie vor sich hinlächelten. Oder er verwechselte da etwas. Mit dem Musikantenstadel oder Woodstock. Ihm gefiel diese Vorstellung aber. Was würde Marianna dazu sagen? Er kannte sie nicht, wusste noch nicht einmal, warum sie geweint hatte. Falk schloss die Augen und vergegenwärtigte sich noch einmal das Geschehene. Mit dem Rücken auf dem Waldboden liegend schaut er gen Himmel und sieht riesige Seifenblasen Richtung Wolken ziehen. In ihnen bewegen sich Menschen, manche panisch, andere mit anmutigen Bewegungen. Er sieht auch Marianna, die wild hin und her hüpft und dadurch die Seifenblase schneller vorantreibt, sie lacht dabei herrlich kindlich und streckt den anderen immer wieder ihre Zunge entgegen...

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