Donnerstag, 31. Mai 2012

Berlin Bromley von Bertie Marshall


Heute stelle ich einmal ein älteres Buch vor, 2008 erschienen, welches ich damals für Radiosub rezensiert hatte. Da wir am Wochenende im Suff darüber gesprochen haben, fiel mir ein, dass es hier noch kein Berlin Bromley-Post gab, obwohl er hier sehr sehr gut reinpasst...
Berlin Bromley ist das Pseudonym von Bertie Marshall: der Vorname ist eine Reminiszenz an das Berlin der glamourösen goldenen Zwanziger Jahre. Diese faszinierten den jungen Mann, seitdem er den Film „Cabaret“ mit Liza Minelli sah. Auch ein Album von Lou Reed heißt so... Der Nachname lehnt sich an Bromley – der spießige Vorort Londons, in dem der fünfzehnjährige Tür an Tür mit Siouxsie Sioux von den späteren Banshees lebt. Der autobiografische Roman erzählt von der Zeit zwischen 1975 und 1978, als Berlin Bromley gemeinsam mit Siouxsie und vielen anderen Protagonisten der Punk-Szene im so genannten Bromley Contingent den Sex Pistols auf ihre Konzerte nachreisen und mit ihnen Partys feiern. In der Nachbarschaft wohnt ebenso die Familie David Bowies. Dessen Mutter schenkt den Marshalls als Gastgeschenk eine Platte von ihrem Sohn, einem Musiker, der gerade in den Anfängen ist. Berlin Bromley fällt auf, denn er sieht sehr androgyn aus, bewegt sich anders als die anderen Jungen, er schminkt sich und er lernt bald die verrückte Siouxsie kennen, mit der er um die Häuser zieht. Sie machen die schwullesbische Clubszene unsicher, vertreiben sich die Zeit im Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, und pfeifen sich permanent Drogen ins Hirn. Der schüchterne Junge redet nicht viel, aber es gefällt ihm, sich verrückt anzuziehen und im Dunstkreis DER Szene Londons zu sein. Sie sind gegen diese Hippies, die sie verschmähen und von denen sie angeekelt sind. Berlin Bromley ist auch derjenige, der mit Siouxsie in den Pub geht, er auf allen Vieren, an einer Leine, von Siouxsie geführt, im Pub eine Schale Wasser ordert und sie ausschleckt, während das irritierte Publikum zuschaut. Sie übertreiben beide die Show, so dass sie von den wütenden Menschen hinausgeschmissen werden. 
Dies ist eine der Episoden, die Bertie Marshall in seiner Autobiografie erzählt. Er schildert eine verrückte, glitzernde Welt, in der ein Junge seine Homosexualität entdeckt, in die schwule Subkultur eintaucht und letztlich auf dem Straßenstrich landet. Er verlässt sein langweiliges spießiges Zuhause, das er nicht ertragen kann, um zugedröhnt in irgendwelchen Betten fremder Männer aufzuwachen. Seine Eltern verstehen seine Lebensweise, aber vor allem seine Art sich anzuziehen und seine Angewohnheit sich zu schminken, nicht. Ein ums andere Mal schmeißt die Mutter die teuren Kosmetika in den Müll. Berlin hält das nicht aus. Von der Schule ist er längst abgegangen, weil er auf der Jungsschule wegen seiner Androgynität gehänselt und verprügelt wurde.
Dieser Roman erzählt von einem Jungen, der sich selbst sucht, der einerseits desorientiert und zugedröhnt durch die Welt zieht, immer im neuesten Fummel, andererseits aber in Tagträume und alte Bücher flüchtet. Seine Lieblingsbücher sind Wild Boys von William S. Bourroughs, Tagebuch eines Diebes von Jean Genet und Goodbye to London von Christopher Isherwood. Seine Bibel hieß A to B and Back Again von Andy Warhol. Er erträumt sich und lebt die eigenen Fassungen dieser Geschichten. Häufig bezieht er sich in einzelnen Episoden auf diese Bücher, zum Beispiel als er einen Mann kennenlernt, mit dem er eine Affäre hat und der ein Krimineller ist.
Es ist eine glitzernde Welt und manchmal sehnt man sich als Leser danach, auch in diese Welt eintauchen zu dürfen. Doch gelegentlich fühlt man sich auch ein wenig von der Oberflächlichkeit dieser Welt abgestoßen:
Wenn wir keine Clubs oder Konzerte besuchten, dann strömten wir auf Partys. Jeder Anlass bot Gelegenheit, etwas Neues anzuziehen und zu posen, posen, posen.
Manchmal bemitleidet man auch den Helden der Geschichte, wenn er gnadenlos ehrlich und unprätentiös von seinem Leben damals erzählt:
Arbeitslosengeld, Blowjobs bei reichen Arabern und Geld klauen bei meinen Eltern – ich schlich mich immer noch zu Hause ein und bediente mich an der Lohntüte meines Stiefvaters. Ich hatte genug Geld, um mir ein schwarzes Fallschirmtop zu kaufen (ich bekam zehn Prozent Rabatt), eine schwarze Bondage-Hose und marineblaue Spider-Man-Stiefel aus Wildleder.
Keine eigene Wohnung, aber Hauptsache man sieht gut dabei aus. Orientierungslos streunt er durch die Gegend, auf der Suche nach sich selbst.
Liebe, Lust, Wut, Raserei, Traurigkeit, Gedankenlosigkeit? Ich stumpfte ab. Speed am Nachmittag, vielleicht eine Valium, mehr Speed, dann nach der Arbeit, je nach dem, wieviele Kunden ich bedient hatte, mindestens noch mal zwei, dann weiter zu Luise´ s, wo die anderen „anschaffenden Mädchen“ saßen und auf den Dealer warteten, den ich „The Mandy Man“ nannte.
Bertie erzählt, dass er immer neidisch war auf diejenigen, die berühmt wurden. Er hatte nur eine vage Idee, was aus ihm werden sollte, Glamour und Ruhm spielten dabei eine Rolle. Aber nur was? Später, sehr viel später, als aus ihm wieder Bertie Marshall wurde, begann er Filme zu drehen und Bücher zu schreiben, zum Beispiel den viel beachteten Roman „Psychoboys“.
Erst im Jahre 2001, lange nach seiner Zeit als Berlin Bromley, besucht er das erste Mal Berlin, Teil seiner persönlichen Mythologie. Er ist enttäuscht, weil er es provinziell, kalt, unglamourös und erbarmungslos findet. Doch auch aus dieser Episode zieht er etwas Positives. Durch Jon Savage inspiriert beschließt er diesen autobiografischen Roman zu schreiben.
Boy George schreibt im Vorwort des Romans:
Dieses Buch wurde mit wohl überlegtem Sarkasmus und Witz geschrieben und sollte von jedem aufstrebenden Modestudenten, Möchtegern-Außenseiter und jeder besorgten Mutter gelesen werden. Man kann es schlecht weglegen. Na ja, ich hätte es fast in den Kamin geworfen, als ich merkte, dass ich darin nicht ein einziges Mal Erwähnung finde.
Nein, es ist nicht so gut, wie sich das in den Worten von Boy George anhört, das wirklich nicht - weglegen kann man es ganz einfach. Trotzdem ist es lesenswert, ist es spannend, wenn man sich für diese Zeit und vor allem für Gender- und Queer-Fragen und die glamourösen Siebziger interessiert. 

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