Dienstag, 1. Mai 2012

Anton Corbiijn Inside Out


"Er kann jeden cool aussehen lassen, sogar uns." 
„Durch ihn haben wir eine Art Kultstatus erlangt.“
„Als ich Antons erstes Bild von mir sah, versuchte ich, dieser Mensch zu werden, der ich auf dem Bild war.“
„Er hat sich schon immer in seine eigene Welt zurückgezogen, in seinen Kokon.“
„Manchmal entspreche ich selbst dem Bild eines Einzelgängers. Ich möchte nicht so sein.“
Wer ist dieser „er“, dieser „Anton“?
Anton Corbijn ist einer der grandiosesten Porträtfotografen und (Videoclip)-Regisseure unserer Zeit – und ein ungewöhnlicher Mann. Kein anderer hat die Ästhetik der Videoclips im Musikfernsehen, Plattencover und Fotos in Musikzeitschriften so geprägt wie dieser Mann, der in der Dokumentation „Inside Out“ der holländischen Regisseurin Klaartje Quirijns porträtiert wird. Vier Jahre hat sie ihn begleitet und herausgekommen ist ein achtzigminütiger Film, der spannend wie ein Krimi ist. 
Die drei ersten der eingangs erwähnten Zitate stammen von James Hetfield von der Band Metallica, von Depeche Mode und von Bono (im Film zitiert von Herbert Grönemeyer), doch das sind nicht alle Superstars, die er vor der Linse hatte. Es reihen sich George Clooney und Thekla Reuten ein, mit denen er 2010 den Film „The American“ drehte. Er arbeitete mit Johnny Cash, Roxette, Garland Jeffries, Travis, Coldplay, Joy Division, Björk, R.E.M., Luciano Pavarotti, Tom Waits, Mick Jagger, Nirvana, The Killers und vielen mehr zusammen. 
Als Teenie wurde die Musik in seinem Leben immer wichtiger, so dass er unbedingt etwas machen wollte, das damit zu tun hat. Er schmiss die Schule und wurde Fotograf, sehr zum Leidwesen seiner konservativen Eltern, der Vater Pfarrer, die Mutter ebenfalls aus einer reinen Pfarrersfamilie. Das erklärt auch das vierte Zitat, das von Antons Schwester stammt, die einen größeren Raum im Film einnimmt, da sie vermutlich seine engste Vertraute ist. Er wird auch bei einem Gespräch mit seiner Mutter gefilmt, die erst spät, erst nach dem Tod ihres Mannes, Emotionen zulassen und ausleben kann. Das fünfte Zitat stammt von Anton Corbijn selbst, welches zeigt, dass er sich selbst als Einzelgänger wahrnimmt. 


Diese eingefangene Wahrheit verdeutlicht aber auch etwas anderes an dieser Dokumentation: Quirijns liefert uns fast so etwas wie eine Therapiesitzung mit dem wunderbaren Künstler, der seine Arbeit der letzten Jahre reflektiert, seine Beweggründe, seine Art zu arbeiten. Passend beginnt der Film auf der Couch in seinem Privathaus in Holland. 
„Der Weg, den man im Leben beschreitet ist die Suche nach dir selbst“, sagt der Autor. Dieses Selbst sieht man auch in den Fotos, die er von anderen, von großen Musikern, schießt. Ein Stück Welt mitnehmen und in die eigene einführen – so beschreibt Anton Corbijn das Fotografieren. 
Von Beginn an wirkt der Film eher wie ein Spielfilm als eine Doku: vielleicht lässt sich auch daraus erklären, dass es keine chronologische Aufarbeitung der Arbeit Corbijns gibt. Oder dass viele Aspekte, gerade der Teil mit den Musikclips, die teilweise spektakulär waren – man denke nur an „Heart Shaped Box“ von Nirvana –, relativ kurz kommen, nur angedeutet werden. Es wird mehr Wert darauf gelegt, dass Innere des Künstlers nach außen zu kehren. Eines Künstlers, der sonst sehr zurückhaltend und scheu ist, und den das Publikum nicht kennt. 
Quirijns Stil „imitiert“ den Look, den der Meister persönlich kreiert hat: wunderbar melancholische Aufnahmen, die den Charakter des großen Künstlers einfangen, seine Einsamkeit in beiden Welten, sowohl in der Arbeit als auch im Privatleben. Anton Corbijn fühlte sich schon als Jugendlicher wohl in seinem Unglücklichsein, nichtsdestotrotz wird er von Musikern als humorvoller Mensch charakterisiert. Eine Tatsache, die man manchen seinen Fotos auch ansieht. Man denke an die ungewöhnlichen „Selbstporträts“, die er gemacht hat: Er als John Lennon mit runder Nickelbrille, er als Kurt Cobain mit Sonnenbrille und langen Haaren, er als Bob Marley mit Jamaica Mütze.
Anton Corbiijn Inside Out ist ein absolut sehenswerter Film, sehr kurzweilig und fast schon zu kurz, ein Muss für all diejenigen, die sich für gegenwärtige Popkultur interessieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen