Mittwoch, 21. August 2013

schmerzwach reist: Waldkirch


Es gibt ja einen Grund dafür, dass dieser Blog schmerzwach heißt ... schmerzwach lag ich oft in meinem Bett, früher noch mehr als heute, immer noch, ja, aber damals ... damals war das alles viel schmerzlicher ... Wie oft lag ich im Bett und hatte Angst, Angst, wieder diesen alles zerstörenden Krebs in mir drin zu spüren?! Hatte Alpträume, war nass geschwitzt.
Als ich 16 war, im Jahr 1992, hatte ich einen bösartigen Tumor an meinem Knie. Von Januar bis Juli war ich Patient der Unikinderklinik in Freiburg, von Pfaundler heißt die Station. Sechs Monate waren das, sechs Wochen Bestrahlungen, acht Zyklen Chemotherapie, in denen es immer vier Tage Medikamente durch meinen Körper schießen hieß, dann zwei Wochen Regenerationsphase zuhause.
Diese ganzen Erlebnisse habe ich literarisch verarbeitet, das Buch wird beim Größenwahn Verlag erscheinen, in der nicht allzu fernen Zukunft –
In diese Zeit reiste ich aber Sonntag erneut, als ich meine ehemalige Krankenpflegerin U. traf – das war mein Grund, nach Waldkirch zu reisen. Ein sehr schöner Grund, denn ich finde es wunderbar, dass ich auch 22 Jahre später in Kontakt mit ihr bin. Wir hatten uns aber ein paar Jährchen nicht gesehen, zuletzt hatte sie mich auf dem Weg nach Rom (oder zurück) in Frankfurt besucht.
Eine Reise in die Vergangenheit ... Sehr emotional, sehr berührend. Sehr schön aber auch. Es gibt überhaupt nur zwei Personen, mit denen ich noch immer was zu tun habe, nach all dieser langen Zeit – U. und natürlich K., die die Freundin von meinem Traumprinzen ist (die wissen schon, dass sie gemeint sind ;-)).  Mit U. ist das etwas Besonderes: „Du bisch oifach unglaublich“ klingt mir noch immer in den Ohren, den Geschmack des sauer-scharfen Gurkensalats, den sie mir damals zubereitete, trage ich noch immer auf der Zunge.
U. ist bei Weitem nicht alt genug, um meine Mutter zu sein, aber wenn wir miteinander reden, ist sie das ein bisschen für mich. Mit ihr kann ich stundenlang reden und fühle mich verstanden, sie kennt mich fast besser als meine Mutter, weil sie in dieser schweren Zeit sehr viel näher an mir dran war. Ihr habe ich immer alles erzählt ...
In Waldkirch war ich seit fast 30 Jahren nicht mehr. Kaum konnte ich mich dran erinnern, aber in der Grundschule hatten wir einmal einen Ausflug dorthin gemacht. Und jetzt sah ich es wieder. Bewusst hatte ich mir Waldkirch ausgesucht und nicht Freiburg, wo wir uns auch hätten treffen können. Wir spazierten stundenlang durch diese schöne Gegend, kehrten in einer Wirtschaft mit wundervollem Blick auf die Elz ein, tranken Original Rothaus Pils (also ich), redeten über den Schwarzwald, über die Liebe, das Leben –
Und ich machte Fotos, schöne Fotos – ein Ort zum Schreiben dachte ich mir an ganz vielen Stellen. Und da ich in letzter Zeit immer wieder verzückt bin, wenn ich religiöse (Bau)Kunst sehe, auch das bot mir dieses süße, fast südeuropäische Städtchen.
Glauben war damals ein großes Thema für mich – wie kann es Gott geben, wenn er zulässt, dass ich Krebs bekomme, wenn er zulässt, dass kleine Kinder in Nebenzimmern, die noch nichts verbrochen hatten, schlimmste Qualen durchstehen müssen? Das fragte ich mich und fand keine Antwort damals. Nicht mehr. War ich anfangs noch gläubig, verschwand das sehr schnell. Trotzdem blieb dieses Thema immer ein Thema. Im Studium, bei der Arbeit, beim Schreiben. Theodizee, wird so mancher gerade ausgerufen haben, ja, damit habe ich mich auch beschäftigt. 
Waldkirch war eine Reise in die Vergangenheit – sie tat gut, kann ich drei Tage später sagen ... Man braucht das manchmal auf der Reise seine Lebens ...















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