Sonntag, 9. Juni 2013

Zeitgenössische Lyrik ... vorgestellt von Martin Piekar 10/10


Martin Piekar, 1990 geboren, verfasst Lyrik, Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike 2012, 
10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben. Da ich keine Rangliste machen möchte, werde ich die Bände nicht nummerieren, sondern ich werde Sternchen setzen.

* Martina Hefter – Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch. So der Titel des Gedichtbandes. Der Körper steht hier unter Spannung und sorgt auch für eben die.

Die „Bewegungen“ – ein großer Teil des Bandes. Ein wichtiger. Ich bin begeistert und erfreut und erstaunt und & und. Die Dichterin nimmt Bewegungen unter die Lupe und das macht sie ganz subjektiv, an sich oder an anderen – das ist es, was sie interessiert und mich auch! Wie erlebt ein Mensch so seine Bewegung? Das ist eine Frage, die ich sehr toll finde und gerade die Subjektperspektive ist wichtig, der Versuch etwas in der Lyrik zu objektivieren ist nicht neu und auch nicht falsch, aber hier ist was neues. Und dazu: Die Bewegungen treten in Bewegungspaaren auf, das Wortmaterial wird für zwei Gedichte, also zwei Bewegungen verwendet und das Beste und Eindrucksvollste daran ist: die Bewegungen haben keinen Zusammenhang. Wahllos ist hier aber das falsche Wort, es wurde gewählt, aber bewusst verschieden, der Zusammenhang wird über das Wortmaterial, also über die Beschreibung der Bewegung hergestellt. Siehe da:



gehen
neben jemandem, in den man heimlich verliebt ist

Wie das Angestupstwerden puscht. Ich pulse.
Bleib so, ich kaufe, surfe – Surplus – auf Trugblüten,
dufte, koste von diesem ausgesprochnen Gold.
Der Trick mit dem Schwanenhals.
Schaff das noch mal so rasch,
ich fahre per Tacker die Umrisse nach.
Immer das ganze Meer trinken, immer mich werfen
in uraltes Repertoire: gehen wie unter Wolken,
das muss ich endlich verlernen.
Einfach spazieren. Gern patzen. Mitten spinnen im Reden
über Wertpapiere und Flieder. Ich zeig dir im Gehen
das Glimmen.

→ gehen
betrunken, zu zweit, nachts eine Straße entlang

Ich zeige dir gehen als Trick. Schaffen wir das ohne Patzer?
Gern in den Flieder, mit Trinken.
Ich bin nicht aus Papier.
Wertsachen wären jetzt dufte. Bleib in den Puschen,
dein Puls wirft dich um, hier sind festgetackerte Blüten,
die kannst du verkaufen.
Reden wir einfach nie wieder.
Immer surfen wir gleich
mitten unter die Schwäne, was kostetet uns das?
Was wir spinnen, ist etwas zu golden.
Ich verlernte, durch Repertoires zu spazieren,
jetzt stupsen wir an die Umrisse der Wolken.


Headbanging
zu Motörhead

Ich spiele rechtschaffen mit Sound, bitter
und scharf seien seine Farben, schick
Impulse in meine Frisur, nutz ihren Schwung.
Ich schraube mich in Luft, nicht wirklich
nüchtern, nicht wirklich überschäumend.
Dann verschachtelte Parts, die eine andere schütteln.
Ja, ich hänge gern in meinen Rippen.

→ tanzen
Quickstepp

Meine Rippen sind verschachtelt,
jemand schüttelt mich mit Schwung,
überschäumend sein Impuls.
Meine Frisur hängt verspielt,
luftig verschraubt mit Wirklichkeit.
Schärfe ist in allen Farben.
Ich werde das nüchtern kaum schaffen.


Martina Hefter, Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch, kookbooks, 2013, Berlin

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