Mittwoch, 5. Juni 2013

Zeitgenössische Lyrik ... vorgestellt von Martin Piekar 9/10

Martin Piekar, 1990 geboren, verfasst Lyrik, Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike 2012, 
10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben. Da ich keine Rangliste machen möchte, werde ich die Bände nicht nummerieren, sondern ich werde Sternchen setzen.

* Matthias Göritz. Im letzten Beitrag Übersetzer, hier Dichter: Tools. Nach Loops und Pools nun Tools. Ich könnte alle Gedichtbände empfehlen, ich finde sie gut. Aber Tools ist besonders für mich. Matthias Göritz hat hier wundervolle Zyklen mit einander verbunden. Jeder Zyklus für sich ist gelungen und gemeinsam nehmen sie sich nichts, auch wenn sie nicht immer einen Bezug zueinander haben. Göritz hat manchmal eine erzählende Attitüde in seinen Gedichten, die aber durch clevere Vergleiche und Metaphern einen lyrischen Raum bekommen. Im Zyklus Tulpenwahn wird der Tulpenhandel im 17 Jhr. beschrieben und es war ein Wahn, alles investierte in Tulpen und als der Markt zusammenbrach, weil niemand Tulpen kaufte, war man verwundert und vernichtet. Ich kann hier ganz klar eine Parallele zu unserer Finanzkrise sehen (die ja noch gar nicht überwunden sein soll, oder?), es lief schon früher so und nun wiederholt es sich in einem Bankenwahn, aber diese Erkenntnis steht nicht allein, wer um Flora bemüht ist, wird sich hier heimisch finden, denn die Tulpe wird so zahlreiche be-, um- und neugeschrieben, es ist schön. Im Zyklus Automobile sind alle Gedichte Sonette, genauer es ist ein Sonettenkranz. Jedes Gedicht ist nach einem Automodell benannt, z.B. BMW 735i oder Audi A2, etc., am Anfang – noch vor dem Gedicht – steht die Methode, wie das Auto geknackt wurde (ja genau!) und dann beginnt das Gedicht, es ist rhytmisch, durchgereimt, und die letzten Verse geben immer den Anfang für das nächste Sonett und schließlich finden sich im Meistersonett am Ende alle Endverse in einem Gedicht wieder. Bombastisch und eine Bonnie und Clyde Story, Autoklau, Träume, Liebe, etc. Ich bin heute nicht weniger begeistert als beim ersten Lesen.

Anhand von zwei davon unabhängigen Gedichten möchte ich die Qualität des Bandes darstellen:

Spiegelschlaf

Doch wovon sprechen wir? Ohne
dass du es merkst bist du ins Gehäuse
der Syntax getaucht, kleines
Rädchen nur, eine Feder, zu winzig
Für handelsübliche Schrauben –
Fühlst du’s? In einem
Moment verlierst du die Sicherheit,
im nächsten
die Wurt, und dann, ganz am Ende,
steckst du fest, nackt,
oder besser:
entkleidet.
In Haut findest du dich
im Spiegel
wieder,
dem altertümlichen Buch,
mit dem einst Hexenprozesse, Völkermorde
ganze Historien begannen. Spuck’s
aus. Deine Worte versinken,
dein Mund gefriert. Aber
in Küssen will niemand
ertrinken. Zukunft,
merk dir’s,
gibt es manchmal
nur in den Verben.


Berceuse Des-dur op. 57

Das Jahr 44 war wirklich bemerkenswert.
Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen erscheint.
Zwischen New York und Baltimore errichtet Samuel Morse
die erste Telegrafenanlage der USA.
Griechenland erhält seine erste Verfassung.
In Berlin wird der erste Zoologische Garten Deutschlands eröffnet.
Und in Schlesien, sagt man, konnte man Blut riechen.

Die Verleger hatten die Löhne gekürzt. Die Weber
aus Peterswaldau zogen vor die Firma der Zwanzigers
und sangen ihr Lied vom „Blutgericht“. Zwanziger schickte Diener aus,
die Weber wurden geknüppelt. Altdeutschland wir weben dein Leichentuch, wir weben
und weben. Daraufhin Festnahmen, weiterer Aufruhr, es flogen Steine,
man plünderte, rief nach gerechterem Lohn. Dann kam das preußische
Militär, Erschießungen fanden statt (darunter auch eine Frau), es ging in Festungshaft, es gab Auspeitschungen, Zuchthaus und Heine: wir weben…

und weben. Mitte Mai
fahren sie nach Nohant, sie schreibt, er kuriert. Später, wieder allein in Paris,
steigt Gott in seine Finger, Chopin
schreibt seine mysteriöseste (schönste)
Musik: die Berceuse.

Vielleicht ist etwas von George Sand in ihr.

Wie wenig unterscheiden sich Zeiten,
wie sehr.

Es ist seltsam wie in der Geschichte,
der prosaischsten aller Zurichtungsformen
das Herz auftaucht, das komplizierteste Wort der Poesie.
Die Schwester Chopins, schmuggelte es nach Warschau zurück,
in ihrem Unterrock.

Als 1944 die Stadt von den Einheiten der SS dem Erdboden gleichgemacht
wurde, rettete ein deutscher Offizier das Herz
aus der Kirche.

Was soll uns das sagen?
Wir könnten Milosz fragen
Herbert, Szymborska.

Aber mir ist lieber,
es gibt keine Antwort.


Matthias Göritz, Tools, Berlin Verlag, 2011, Berlin

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