Donnerstag, 5. April 2012

Mein Offenbach...

Der Markt an der Konstablerwache ist voll, wie jeden Samstag, nichts für mich, ich kriege da immer klaustrophobische Zustände, aber... ich habe Hunger – und ich möchte mir weder McDonalds noch Pommes von Knolli antun. Bei der Bärlauchwurst auf dem Markt von einem richtigen Bauernhof hat man wenigstens ein bisschen ein gutes Gefühl, wenn man sich an diesem Fast-Food-Fraß gütlich tut. Und dann noch einen süß gespritzten Äppler dazu, das sollte die Nerven beruhigen, denke ich mir. Also stehe ich an dieser langen Schlange an, der Trend geht wohl zur Vogelsberger Kartoffel- oder Bärlauchwurst als Currywurst, okay. Vor mir stehen so ganz unterschiedliche Menschen, vom proletigen Typen in Jogginghosen bis zur stark geschminkten, offensichtlich schönheitsoperierten Frau im teuren Pelzmantel. Endlich bin ich an der Reihe, der vierschrötige Mann schaut mich mit großen Augen an, als ich bestelle. Dann sagt er: „An Offebäsche verkauf isch nix!“ Er lacht ganz laut und alle in der Schlange mit. Ich schaue ihn verdutzt an. Nur Leute aus Offenbach trinken den Äppler süß gespritzt, sagt er nach wie vor schelmisch lachend. Das ist jetzt wirklich unfair, entgegne ich, denn... auf dem Markt heißt süß gespritzt nicht etwa Äppler mit übel schmeckender Limo, das sogar ich als nicht akzeptabel ansehe, sondern mit naturtrübem Bio-Apfelsaft – und das schmeckt lecker. Er tätschelt mich an der Schulter und sagt fröhlich, dass er nur Spaß mache und ich es mir schmecken lassen solle... 
Der erste Witz, den ich in Frankfurt hörte, ging so: „Welches ist der größte Parkplatz in Frankfurt?“ Ich überlegte eine Weile, dachte an irgendwelche Einkaufszentren, an den Parkplatz an der Eissporthalle, doch dann kam die Auflösung: „Offenbach!“ Und wieder dieses Frankfurter Lachen. Ich bin Zugezogener, nämlich gebürtiger Badener, und schon in meiner alten so genannten „Heimat“ habe ich die Seitenspitzen gegenüber Pfälzern und Schwaben nicht verstanden. In Frankfurt, das ich sehr lieb gewonnen habe, geht das Gestichel gegen Offenbach. Ein ganz normales Phänomen, muss so sein. Das gibt es überall auf der Welt, aber für jemanden, der diese Kategorie Heimat anders definiert als so viele Menschen, als einer in einer Zwischenwelt Lebender ist das natürlich kaum verständlich. Doch was ist an Offenbach dran? Oder was nicht? Wenn ich mit Künstlern rede, die da verortet sind, höre ich immer ein: „Offenbach macht sich!“ Und auf Facebook kriege ich regelmäßig Einladungen zu kulturellen Veranstaltungen in Offenbach, natürlich allen voran vom Hafen 2. Ich selbst durfte bereits in Offenbach lesen und verbinde diesen Ort mit Kultur. 
Ich verbinde Offenbach aber auch mit schönen, großen Wohnungen, die nur halb so teuer sind wie Vergleichbares in Frankfurt, ich verbinde Offenbach mit dem Robert Johnson, mit der HFG und mit Menschen, die manchmal anders ticken als die Frankfurter – und das meine ich durchaus positiv. Mein Offenbach ist daher kulturell, bunt, anders, offen. Mein Offenbach ist kein Vorort von Frankfurt, kein Parkplatz – und mein Offenbach ist kein Ziel für Spott. 
Übrigens lese ich diesen Text am 23.4. (Welttag des Buches) in der Schanzen-Bäckerei im Mathildenviertel in Offenbach - Mathilde liest... Poesie trifft Prosa, Offenbach trifft Frankfurt, Safiye Can trifft Jannis Plastargias. Um 20 Uhr! :-)

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