Montag, 3. Oktober 2011

Bankster von Gudmundur Óskarsson

Island?
Mit Island verbanden wir lange Zeit nur Geysire und weiße Landschaften. Schön zum mal ganz anders Urlaub machen, schön weit weg - und eigentlich wusste man nicht wirklich viel über dieses ferne Land (das viel ferner zu sein schien als die Vereinigten Staaten oder Japan). Bis dann die weltweite Finanzkrise ausgerechnet dort begann. Und kurze Zeit später gab es noch diesen ominösen Vulkanausbruch - der 1666 Meter hohe Eyjafjallajökull brach aus und brachte fürchterliche Aschewolken mit sich, die den gesamten Flugverkehr in Europa lahm legten. In diesem Jahr der Finanzkrise 2008 spielt der Roman Bankster. Island steuert auf die Staatspleite zu. Und viele Banker verlieren ihre Jobs über Nacht. Genauso ergeht es Mar­kús, der völlig konsterniert und überfordert mit der neuen Situation ist. Wie 24 Stunden des Tages ohne das alltägliche Arbeiten herumkriegen? Was tun? Er verfällt ihn eine Ohnmacht, in eine Depression, in seine erste Lebenskrise. Sein Freund Vesteinn, der gerade über die politischen Konflikte in der Sturlungerzeit promoviert, empfiehlt ihm „Tagebuch zu schreiben, um in diesen verrückten Zeiten das Leben in den Griff zu kriegen, man geriete so leicht aus dem Gleichgewicht und würde pessimistisch.“


Eine Schreibtherapie? 
Nun verfällt er in eine regelrechte Schreibwut, alles wird notiert, alles wir dokumentiert. Seine Freundin Harpa ist von ihm genervt, weil er sich keinen neuen Job sucht. Als sie ebenfalls ihre Stelle verliert, reagiert sie ganz anders als er: Nach zwei-drei Tagen hat sie bereits einen neuen Job, als Aushilfslehrerin in einer Grundschule. Tut ihm das Schreiben gut? Oder macht es ihn noch ohnmächtiger, möchte man fragen. Doch am Ende hat man das Gefühl, das mit dem Protagonisten unheimlich viel passiert ist, dass er viel gelernt hat. 


Ein Aufstieg ohne Fall?
Lange Zeit waren die isländischen Banker davon überzeugt, dass es immer schneller, höher, weiter ginge, doch plötzlich, quasi über Nacht, änderte sich alles. Der Traum zerplatzte - und viele Leute fragten die Verantwortlichen: Wie konnte das passieren? Habt ihr es nicht vorausgesehen? Doch scheinbar hatten alle nur auf ihr eigenes Weiterkommen, auf mehr Geld geschaut, auf ein paar Jahre 24 Stunden schuften, um dann vom Verdienten zu leben, am Strand, am Meer - und nichts mehr tun. Aber dass dies nicht sonderlich realistisch war, darauf kamen viele nicht. Auch der Protagonist dachte so, bis es ihn aus der Bahn warf. Und alles anders wurde. Er kriegt wieder einen Job angeboten, aber er kann es nicht mehr. Er möchte es nicht mehr. Und auch seine Freundin verlässt ihn daraufhin, so wie seine "Freunde" und "Kollegen" ihn nicht mehr verstehen können. 


Bankster = Gangster?
Er scheint es sich in seiner Lethargie, in seiner Ohnmacht eingerichtet zu haben. Er scheint, weiser zu werden, etwas zu erkennen. Doch, wie immer, wenn sich die Helden in so einer Situation befinden, gibt es noch einmal eine Krise. Er wird in einer Kneipe "Bankster" genannt, in Anlehnung an "Gangster", so als ob er an der Finanzkrise Schuld gewesen sei. Da rastet er aus...  Gudmundur Óskarsson jobbte 2008 als diese desaströse Krise über die isländischen Banken hereinbrach für die Landsbankin Islands und erlebte somit die Entwicklungen hautnah mit. Er bekam für seinen authentischen und unangestrengten Roman 2009 den renommierten Isländischen Literaturpreis verliehen.

Wie viele Sterne?
Gudmundur Óskarsson schafft es in Bankster einen sympathischen Protagonisten zu erschaffen, der am Anfang noch irritiert, aber den Leser immer mehr fesselt. Es ist ein sehr unterhaltsames Buch, das einem etliche Dinge auf isländische (humorvolle) Weise über die Zeit damals erklärt. 
Es ist vielleicht nicht der anspruchsvollste Roman des diesjährigen Gastlandes auf der Buchmesse, aber sicherlich das Buch, das als Einstieg in die Gegenwartsliteratur Islands am besten dient. Daher sehr gute VIER Sterne.
Erschienen ist der Roman bei der Frankfurter Verlagsanstalt und die 254 schön gebundenen Seiten sind für 22,90 Euro hier erhältlich: http://www.frankfurter-verlagsanstalt.de/frames/fva_b_frs_buecher.html.
Dies war eine Rezension für http://www.bloggdeinbuch.de/.

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