Montag, 7. März 2011

Kitchen Stories ELEVEN (Psychotherapie und Schreiben)

In einem Interview mit der Psychologie Heute sagt Ulla Hahn, dass sie nicht glaube, dass Psychotherapie in eine Schreibblockade führe (obwohl ja manche Schriftsteller deswegen die Psychotherapie ablehnen, denn wo bliebe der Stoff, wenn man das alles auf diese Weise verarbeite). 


Sie sagt, dass selbst wenn sich Probleme und Konstellationen veränderten, es noch genug Schrott gebe, worüber man schreiben könne. Sowieso sei ein großer Unterschied zwischen Psychotherapie und Schriftstellerei: Denn schließlich seien diese Erinnerungen, die hochkommen, die Gefühle, die man dazu erspüren soll, nur der erste Schritt. Beim Schreiben müssten da noch ganz andere Dinge passieren, ein Prozess der Ästhetisierung muss erfolgen. Man muss die richtigen Worte auch im literarischen Sinne finden, die Erinnerungen sind wie eine knetbare Masse. Sie gilt es zu verändern, wie es der Text erfordert, ja, der Text gewinnt eine größere Macht als die Erinnerungen. Ulla Hahn sagt, dass man sich beim Schreiben plötzlich von den Erinnerungen distanziert, von der eigenen Person, von der man ja oft schreibt, man nimmt diese Figur auf dem Blatt als fremde Person wahr. "Die eigene Lebensgeschichte ist zu etwas anderem geworden. Zu einem Roman."
Das ist etwas, was hier in diesem Blog ja auch ganz oft stattfindet: Es gibt häufig einen wahren Kern in den Beiträgen, manchmal werden aber Situationen dazuerfunden, umgedeutet, manchmal werden mehrere Figuren in eine Person geführt, manchmal werden Dinge vollständig erfunden, man weiß es nicht. Trotz der großen Authentizität der Person "schmerzwach" ist es trotzdem eine erfundene Figur, eine Rolle, die ich einnehme. Obwohl ich genauso schreibe, wie ich rede - darauf lege ich Wert! - obwohl ich im Blog ebenso wahrhaftig wie in der Realität bin, schreibe ich von erfundenen Figuren (den schönsten Mann der Welt gibt es natürlich, genauso wie Jott A. - aber vielleicht lege ich ihnen andere Worte in den Mund, erfinde Sachen dazu, vielleicht wurde schmerzwach nicht in der Uni wegen sexueller Eskapaden rausgeschmissen - wer weiß das schon!). Es geht um das Spiel mit Wahrheit und Fiktion. Alles könnte so gewesen sein. Literatur ist aber so, dass der Text Dinge einfordert, damit er gut wird, und das ist nicht immer die Wahrheit, wie sie sich auf den ersten Blick darstellt... Deswegen stört eine Psychotherapie den kreativen Fluss nicht, es kann sogar sein, dass diese das Schreiben befördert, in dem sie einem eine größere Distanz zum eigenen Leben erfahren lässt, andere Perspektiven aufzeigt. Distanz ist das wichtige Wort in der Literatur. Erst wenn ich Abstand von der Situation habe, wenn ich nicht mehr in sie involviert bin, wenn ich die Fähigkeit besitzen kann, mich einzufühlen, ohne davon eingesogen zu werden, ohne davon gelähmt zu werden, dann kann ich über vergangene Erlebnisse, die mich nicht nur prägten, sondern auch tief bewegten, schreiben, nur dann können die großen Stoffe ihren Weg auf das Papier finden...

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