Dienstag, 9. April 2013

Da ist mehr zwischen Himmel und Erde...

Dies ist ein wahrlich schmerzwacher Beitrag. Back to the roots sozusagen. Einer, der auch mit der Vergangenheit zu tun hat. Und trotzdem mit der Gegenwart. Der Zukunft. Denn... solche Dinge passieren immer wieder. Sie sind Zeichen. Zeichen für etwas. Ich weiß nicht, was dieses ETWAS ist. Gläubige Menschen nennen es vielleicht GOTT. So weit lehne ich mich nicht heraus. Intuition. Gefühl. Schwingungen. 
Ein Schritt zurück. Facebook. Da warb ich letztens für meine Bücher (soooo oft mache ich das ja nicht - egal ;-)), da meldete sich ein alter Freund aus Schülerzeiten bei mir und bestellte bei mir direkt das "schmerzwach"-Buch. Lasst ihn uns einfach F nennen. Passt ja auch zu Facebook. F also. Den ich durch Facebook wieder näher kennen lernte. Nachdem wir uns die letzten Jahre nur zwei oder drei Mal sehr zufällig trafen, zwar die Nummern getauscht haben, doch auch wieder verloren (ja, ich und die Technik). F also. Noch ein paar Schritte zurück. Schulzeit. Ich war sehr jung. Ungeoutet. F noch viel jünger. Und so gar nicht schwul. Und ich hatte auch rein gar nichts mit ihm zu tun. Was ich bedauerte. Also schwärmte ich für ihn aus der Ferne, ohne dass er das mitbekam, der F. 
Ich hatte eine Theorie entwickelt, schon damals. Früher oder später lernte ich die Leute kennen, die ich interessant fand, so oder so. Das bewahrheitete sich immer wieder, immer immer wieder. Auch jetzt noch. Beispiel? D. Er ist ein total niedlicher, supersympathischer junger Mann aus Frankfurt. Ihn sah ich vor Jahren tagsüber am Main, er saß da mit einer Freundin. Er lächelte mich an, als ich an ihm vorbei lief. Und ich dachte: Puuuuuh, ich sterbe! Am nächsten Abend, auf dem Museumsuferfest, sah ich ihn erneut - und lernte ihn kennen. Es war eine wunderschöne Begegnung. Vor vier oder fünf Jahren. Und erst letzte Woche traf ich ihn erneut. Manchmal ging das Kennen lernen aber nicht ganz so fix, dauerte seine Zeit. Wie bei F. Ich kann auch gar nicht mehr sagen, wie viel später es war, und bei welcher Gelegenheit. Nur die Zeit kam. Und ich freute mich sehr darüber. Denn ich fand F wirklich wunderschön. Dann stellte sich auch noch heraus, dass er total sympathisch ist, einfühlsam, klug. Halt nicht schwul, aber darüber kann ich ja hinweg sehen. 
Anfang 1997. Kehl. Meine Heimatstadt. Eine wilde Zeit. Irgendwie. Ein Freund von mir hatte damals einen Club. Mit schrägem Namen. Castor und Pollux oder so. Keine Ahnung. Ich war mit Freunden da. Weiß gar nicht mehr, mit wem ich da war. An S. kann ich mich erinnern. Und daran, dass ich wirklich schlechte Laune hatte plötzlich. Ohne erkennbaren Grund. Es begann an Mitternacht. Es war schlimm. Und der Alkohol verschlimmerte es noch. Ich ging hinaus, schnappte frische Luft, fror aber bald, ging wieder hinein. Setzte mich an die Theke. Redete mit S., die auch nicht sonderlich gut drauf war. Dann tanzte ich, doch meine Stimmung wurde nicht besser. Es war so ein ganz diffuses Gefühl, ich hätte nicht sagen können, warum ich mich so schlecht fühlte, so verzweifelt. Ja, verzweifelt war ich, doch wusste ich nicht wieso. Die Zeit verging. Und es änderte sich nichts an diesem Gefühl. Kein Lied, kein Wort vermochte meine Stimmung zu verändern. Es war 1 Uhr. Zwei Uhr. Halb Drei. Dann setzte ich mich zu F. Fragt mich nicht, was wir geredet haben. Ich weiß, dass es kein Blödsinn war, worüber wir redeten. Es ging um ernste Themen. Doch was genau? Ich weiß es nicht mehr. Und während des Gesprächs löste sich dieses schwere Gefühl plötzlich. Es war, glaube ich, nichts was F gesagt hatte. Aber ich weiß es nicht. Ich fühlte mich befreit. Gut drauf. Konnte wieder lachen, konnte wieder schlagfertig sein, mich über das Lächeln und Schmunzeln von F freuen. Alles war plötzlich gut. Ganz merkwürdig das.
Mich fuhr jemand nach Hause, denke ich. Keine Ahnung wer. Es war sehr spät. Doch von der Straße aus, sah ich Licht in unserem Wohnzimmer. Das wunderte mich. Selbst wenn mein Vater vor dem Fernseher eingeschlafen sein sollte, dann würde kein Licht brennen, sondern nur das TV-Bild flackern. Also, was war hier los?! Irritiert nahm ich meinen Schlüssel heraus und wollte die Hauseingangstüre öffnen. Doch dann ging sie von selbst auf. Fast. Mein Bruder hatte sie geöffnet. Schaute mich an. Sagte: Vater ist tot - willst du ihn noch sehen, bevor er weggebracht wird? Vielleicht sagte er auch ganz andere Dinge, ich weiß es nicht. Ich stand total unter Schock. Ich begriff nicht. Dieser Zustand dauerte auch noch ein paar Tage an, das weiß ich sicher. Mein Vater war also verstorben, während ich feiern war. Hirnschlag. Es dürfte kein schöner Tod gewesen sein. Wer weiß das schon. Scheinbar hatte er kurz nach Mitternacht den Schlag, kämpfte gegen den Tod an. Eine Weile. Und verstarb dann nach zwei drei Stunden. Vielleicht waren die Abschnitte auch kürzer. Ich war nicht dabei. Ich habe keine Ahnung...
Viele Gedanken machte ich mir damals über diesen Tod, konnte es kaum verkraften. Hatte Schuldgefühle, wie sie jeder Sohn hat: Wie waren unsere letzten Gespräche verlaufen, bevor er verstarb? Nicht wirklich gut, oder? Was hätte ich anders machen können? Jetzt ist doch alles so unerledigt. 
Wie im Lehrbuch eben. Ich könnte darüber auch 20 oder 30 oder 100 Seiten schreiben. Aber mir geht es nicht darum. Mir geht es darum, dass mir dann auffiel, dass ich dieses unbeschreibliche, verzweifelte Gefühl hatte - und dass dieses in mir aufkam, als er seinen Todeskampf ausfocht, und dass seine Erlösung wohl zur gleichen Zeit gekommen sein musste wie mein Gefühl. Wie meine eigene Erlösung, die selbstverständlich sehr viel leichter wiegt. Und in diesem Moment war F dabei! Und das habe ich ihm nie gesagt. Doch jetzt! Und ausgerechnet er interessierte sich so für das schmerzwach-Buch, mein Schwarm von damals, mein Begleiter in diesem wichtigen Moment. Ohne dass er es wusste, ja, ohne dass du es wusstest, dass du in so einem wichtigen Moment da warst, F. Danke! 

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