Donnerstag, 15. November 2012

Vielleicht lieber morgen von Stephen Chbosky


Auf diesen Film habe ich gewartet! Schon sehr lange. Und das Warten hat sich aber so etwas von gelohnt - auch das in der langen Sonntagmittags-Schlange im Metropolis. Schön, dass sich Familien miteinander verabreden, um sich einen Film gemeinsam anzuschauen. ;-) Ich war wirklich froh, dass in diesen Cine Star-Kinos so lang Werbung läuft... 
Gebannt saß ich also da. Eines meiner Lieblingsbücher ever wird vom Autoren selbst verfilmt - Wahnsinn! Würde der Film nun alles zerstören? Würde ich traurig aus dem Kino gehen und sagen: Chbosky hat es vermasselt? 
Nein!!! Ich saß in diesem Kinositz und weinte. Was ist da alles in mir vorgegangen, während ich da saß, wie viele Assoziationen hatte ich, wie viele schöne Momente der zweifachen Lektüre konnte ich vergegenwärtigen... Ich weinte, aber nicht weil ich traurig war, sondern melancholisch, ich weinte aber auch lachend, ich weinte, weil ich emotional tief berührt wurde, weil ich etwas spürte, weil mir Dinge klar wurden - und weil ich verstand, wieso ICH Kunst machen möchte. Weil ich gerne (und wenn es nur ein oder zwei Personen auf der Welt sind) jemanden so berühren, wie mich dieser wunderbare Roman "Vielleicht lieber morgen" berührte, ergriff, ja, veränderte, inspirierte, motivierte - ich habe ihn in Anfang der Neunziger gelesen und im letzten Jahr noch einmal. Habe aber auch die Bücher verschlungen, die im Buch genannt wurden, denn Charlie (Logan Lerman) ist eine Leseratte, und einer, der später Romane schreiben wird. Charlie schreibt einem "Unbekannten" tagebuchartig Briefe, was er erlebt, wie er sich fühlt, was er denkt. Er hat eine schlimme Geschichte hinter sich, muss auf die High School wechseln, ist da Junior, und hat keine Freunde. Er ist ein Außenseiter. Bleibt er es auch? Zumindest lernt er bald den schwulen "Revoluzzer" Patrick (Ezra Miller, oh Mann!) und seine wunderschöne Stiefschwester Sam (Emma Watson, ja, aus "Harry Potter") kennen. Und es verändert sich sein ganzes Leben. 
"Du kannst nicht beeinflussen, woher du kommst", heißt es im Film, "aber du kannst beeinflussen, wohin du gehst". Gänsehaut bekomme ich, wenn ich diesen Satz denke. Ein so einfacher wie wahrer Satz, ein wichtiger Satz in meinem Leben. Sechzehn Jahre ist Charlie, ein wichtiges Alter, meint der Autor, ein wichtiges Alter auch für mich: Ich lag ein halbes Jahr in der Freiburger Uni-Kinder-Klinik auf der onkologischen Station, als ich sechzehn Jahr war. Chemotherapie, Bestrahlungen. Ich durchlitt meine traurige Geschichte, so wie das Charlie tut - und irgendwann entdeckt er dabei, dass er anfangen muss zu leben, um dieser traurigen Geschichte zu entfliehen. So erging es auch mir!
Man soll weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit leben, immer in der Gegenwart, sagen weise Männer. Ja, das stimmt. Und trotzdem ist es wichtig, in die eigene Vergangenheit zu reisen, immer wieder - man kann die Vergangenheit nicht verändern und es hilft nichts darüber zu jammern, aber es hilft einem zu verstehen, warum manches so ist, wie es ist, (und wenn einem immer wieder deutlich wird, was einen so geprägt hat). Es kann einem Kraft geben für den weiteren Weg. Wenn einem deutlich wird, dass man schon so einiges geschafft hat im Leben. 
Es war sehr gut, dass Stephen Chbosky das Drehbuch geschrieben und selbst Regie geführt hat, denn er hatte das Gefühl für seine Geschichte. Hinterher fiel mir keine wichtige Szene ein, die er nicht in den Film eingeführt hat. Ich hatte nicht das Gefühl, dass etwas fehlte. Die Hauptpersonen hatte ich mir im Kopf anders vorgestellt, das ist ja klar, ich hatte weder Logan Lerman noch Ezra Miller und schon gar nicht Emma Watson in meinen Gedanken, aber! Als ich sie auf der Leinwand sah, da waren sie Charlie, Patrick und Sam - und ich liebte sie, genauso wie ich es tat, als ich von ihnen las. 
Wieso läuft dieser (ausdrucks)starke Film bereits in der zweiten Woche im Nachmittagsproblem? Ein Teenie-Film? Meiner Ansicht nach nicht. Teenies können den Film anschauen, er betrifft sie unmittelbar. Aber gute Geschichten sind für alle da, egal, wie alt sie sind. So wie manch "Jugendbuch" vielleicht von Erwachsenen besser verstanden wird, und vielleicht auch lieber gelesen wird. Erwachsene sollten mehr "Jugendromane" lesen und mehr "Jugendfilme" schauen. Wir alle haben den Zwölfjährigen und Sechzehnjährigen noch in uns...
Und: ein gutes Buch ist immer zuerst ein gutes Buch. Ein guter Film ist immer zuerst ein guter Film!
In diesem Sinne: Wenn ihr irgendwie die Möglichkeit habt, "Vielleicht lieber morgen" zu schauen, dann tut es, verdammtnochmal! Es lohnt sich!!!

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