Donnerstag, 22. November 2012

StadtteilHistoriker 2012 - Teil 2

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Auf der ersten schwullesbischen, gesamtdeutschen Demo in Münster im April 1972, links im Mantel: Martin Dannecker

Eingereichte Projektskizze „Rote Zelle schwul“
´Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN!´. Das war die Parole in Rosa von Praunheims skandalträchtigem Film ´Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt´. Das war vielleicht ein Missverständnis von Praunheim, ein ´Übersetzungsfehler´, der auf den Slogan der amerikanischen Gay-Liberation-Bewegung, ´OUT OF THE CLOSETS, INTO THE STREETS!´ referieren sollte. Dabei meinten die ´Closets´ nicht Toiletten (oder Klappen ), sondern den Zwang, dass sich Schwule an geheimen Orten treffen und ihre Sexualität verleugnen müssen. Vielleicht war das aber auch sehr bewusst so ´übersetzt´ von ihm, da diese Klappen als Teil der schwulen Subkultur in Deutschland sehr wichtig waren. So wurde auch von der Roten Zelle Schwul, oder kurz und frech ´Rotzschwul´ genannt, als eine der größten Aktionen im Juni 1973 ein ´Park- und Klappenfest´ in der Nähe der Grüneburg-Klappe organisiert. Dort gab es Rockmusik und fetzige Polit-Transparente – erstmals schaffte man es die politische Gruppe und die schwule Subkultur in einem ´Event´ zu vereinen. Rosa von Praunheim wollte mit seinem Film provozieren, und schaffte dies auch, er wollte vor allem die Homosexuellen zum Protest aufwiegeln. Die Rechnung ging auf: Viele Organisationen bildeten sich neu und gingen tatsächlich auf die Straßen. In manchen Internet-Quellen wird dies auch von der Rotzschwul aus Frankfurt behauptet, wie zum Beispiel im Wikipedia-Eintrag http://de.wikipdia.org/wiki/Lesben-_und_Schwulenbewegung. Dies ist allerdings nicht ganz richtig, denn der Auslöser für diese Gruppierung, sich politisch zu engagieren, war die im Deutschen Bundestag am 25. Juni 1969 beschlossene Liberalisierung des Paragraphen 175 StGB, dem ´Homosexuellen-Paragraphen´, der die Betroffenen nach wie vor nicht sonderlich glücklich machte. Ein paar Frankfurter schwule Aktivisten taten sich zusammen und besprachen im kleinen Kreis, was sie tun könnten, um erstens die Akzeptanz für Homosexualität in der Gesellschaft zu steigern, und zweitens die schwule Subkultur dazu zu bewegen, sich in dieses politische Engagement zu integrieren, ein für die spätere Gruppierung ´Rotzschwul´ wichtiges Element ihrer Arbeit. Zwei Jahre beschäftigten sie sich mit theoretischen Texten zum Thema Unterdrückung und Verdrängung von Homosexualität in der Gesellschaft. Doch die erste sichtbare Aktion, das erste Sich-auf-die-Straße-wagen fand nach dem Film statt. 
1971 wurde also die Bewegung ´Rotzschwul´ aktiv und ihr Ende kann klar auf das Jahr 1975 festgelegt werden, als in der Wittelsbacher Allee ein erstes schwules Zentrum eröffnet wurde. 1975 ist wiederum das Geburtsjahr desjenigen, der in dem Projekt ´StadtteilHistoriker 2012´ die Rote Zelle Schwul in den Mittelpunkt stellen möchte. Dabei wird er eng mit Michael Holy zusammenarbeiten, der ein paar Texte zur Homosexuellen-Bewegung in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben hat. Der Historiker war genauso Mitglied in dieser Gruppierung wie Hans-Peter Hoogen, Georg Linde und Danny Lewis, mit denen vorab gesprochen wurde. Es ist ein Biographie-Workshop mit den Herren geplant. Davon ausgehend wollen wir eine ´Collage´ in Buchform herstellen, die von einer Ausstellung flankiert wird. Außerdem soll es eine Web-Präsenz geben, in denen neben den Fotos auch Hörbeispiele und eventuell vorhandene Videos eingestellt werden können. Collage meint einerseits, dass Gespräche (nach Leitfaden) geführt werden, und zwar mit den bisher Genannten, aber auch weiteren aktiven Mitstreitern von damals, darunter Martin Dannecker. Neben den Gesprächen sollen auch persönliche Anekdoten einen Platz in unserem Buch finden, aber auch Zeitungsartikel von damals, eine kurze Chronologie der Jahre 1969-1975/76 und eine Literaturliste mit Zitaten aus den Texten, um die Verwendung der Literatur damals deutlich werden zu lassen. Es soll die Zeit ab der Gesetzesänderung, die ab 1.9.1969 rechtskräftig wurde, bis zur Eröffnung des Schwulenzentrums beleuchtet werden.
Wieso ein Buch? Es gibt keine Literatur zur Gruppe ´Rotzschwul´, lediglich diese Artikel und eine Diplom-Arbeit , die ich ebenso im Schwulen Museum in Berlin finde, wie alle anderen Dokumente, die mit ´Rotzschwul´ zu tun haben. Nach der Recherche dort kann ich auch ehemalige Mitglieder der Gruppe, die mittlerweile in Berlin wohnen, interviewen.
Bemerkungen: Gestützt auf Artikeln von Michael Holy, hier ohne Literaturangaben. Stand: August 2012. Zwischenzeitlich gibt es viele neue Informationen, die ich bald auch in einer Web-Präsenz zusammen tragen werde. Freue mich sehr auf die Arbeit! :-)

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