Dienstag, 27. November 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 17

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Er war Alejandro nicht sympathisch, ob ihm meine Einladung recht war? Wahrscheinlich eher nicht. Du singst für ihn? fragte er mich. Gerade, als ich antworten wollte, klingelte wieder das Telefon. Levents Freundin, die immer noch auf der Suche nach ihm war, auch seine Eltern hatten nichts von ihm gehört, so langsam sei es besorgniserregend, sie habe alte Freunde von ihm angerufen, die er eventuell besucht haben könnte, erfolglos, er sei spurlos verschwunden. Ich beruhigte sie, versuchte es zumindest, und gleich nachdem ich aufgelegt hatte, rief Levents Schwester an. Das gleiche Leid, ich konnte ihr nicht weiterhelfen. Mittlerweile war Tobias angekommen. Alejandro schien nicht besonders begeistert zu sein. Wir packten unsere Sachen zusammen und fuhren los. 
Während wir radelten, überlegte ich, was das Geheimnis meines neuen Freundes sein könnte. Jeder hat irgendwelche Geheimnisse, nur dass sie meistens niemanden interessieren. Etwas zog mich an Tobi an und es konnte nicht daran liegen, dass er mich toll fand und gerne mit mir zusammen wäre, das hätte ich zwar als schmeichelhaft empfunden, aber es hätte ihn nicht anziehend gemacht. Da musste mehr sein, oder bildeten wir uns das nur ein, mein Schatz und ich? Sie fuhren vor mir und ich verglich sie. Äußerlich betrachtet hatte Tobias keine Chance gegen meinen Liebsten, ich meine, Alejandro sah man seine Güte, Liebenswürdigkeit, Herzlichkeit deutlich an, während der Anblick des anderen ein wenig verstörte, auch wenn man nicht wusste, worin dieses Verstörende bestand. Es war heiß und daher anstrengend, wir freuten uns, als wir endlich ankamen. 
Wir hatten Schwierigkeiten, einen Platz zu finden, so viele Leute waren da, wir legten uns in die Nähe des Wassers, zogen uns aus und sprangen sofort hinein ins kalte, erfrischende Nass, was sehr gut tat. Ich blieb eine Weile im Wasser, während Alejandro sich zum Bräunen hinlegte, Tobi nutzte die Chance mich zu umgarnen. Mein Freund sei sehr goldig und lieb, er möge ihn, wenngleich er mich bevorzuge, da ich so wunderschön singe, und ich verhalte mich so witzig und phantasievoll, er sei gerne mit mir zusammen. Ich bedankte mich. Ob wir eine offene Beziehung führen, wollte er wissen, er könne sich gut vorstellen, mit mir engeren Kontakt zu haben, die vorletzte Nacht sei doch wunderschön gewesen, oder? Er redete, als wäre es die normalste Sache der Welt, solche Dinge zu äußern. 
Direktheit ist gut und wünschenswert, aber ich war etwas überfordert. Haha, da redete er so, wie ich es von anderen forderte, direkt, ohne Worthülsen, sagen, was man denkt und fühlt, und was machte ich? Während er so redete, lächelte er allerliebst und schien völlig harm- und arglos zu sein. Ich schwamm weiter hinaus und er mir hinterher, er kam mir näher, zog an meiner Badehose, ich stieß ihn von mir weg. Entschuldige, sagte er, ich wollte dich nicht ärgern, vorgestern Nacht warst du derjenige, der sich herangemacht hatte.... 
Ja, vielleicht, dachte ich, vielleicht hatte ich ihm damals genug Gründe dafür gegeben, sich jetzt so zu verhalten, aber ich hatte keine Lust mehr darauf. Selbst wenn Alejandro nicht am Ufer gelegen hätte, hätte ich keine Annäherungsversuche zugelassen. Ich schwamm zurück, setzte mich neben meinen Freund, ich liebe dich, sagte ich schuldbewusst. Wir verbrachten den weiteren Nachmittag mit Karten spielen, sonnten oder erfrischten uns im Wasser, aber viel Freude machte dies keinem der Anwesenden. Deswegen beschlossen wir, bereits um fünf zu gehen, zumindest Alejandro und ich. Tobi blieb da und bat mich darum, es ihm gleichzutun, ich gab ihm Küsschen auf die Wangen und meinte: Wir sehen uns morgen. Wir düsten los. 
Daheim angekommen, hörte ich den Anrufbeantworter ab. Levents Freundin: Ruf mich an, falls du weißt, wo er ist. Etwas stimmt nicht mit ihm. Vorgestern Nachmittag sagte er mir am Telefon, dass er mich verlassen wolle. Ich glaubte ihm nicht, erzählte ihm von meinen Träumen, die ich für uns hatte. Dann schrie er ins Telefon: du siehst mich nie wieder. Und legte auf. Ich bin verzweifelt. Wenn ich frei bekomme, fahre ich zu euch. Versuche ihn bis dahin zu finden, bitte. Levents Schwester: Er ist immer noch nicht da, wir machen uns Sorgen. Ruf zurück. Nun ja, war ich die Polizei oder das Kindermädchen von meinem besten Freund? Was war denn nur los? 
Alejandro und ich duschten erst einmal, diesmal mit Sex. Entspannt begab sich mein Liebster in die Küche, um etwas Leckeres zu kochen, er wollte mich überraschen, und ich telefonierte ein bisschen durch die Gegend, vielleicht hatte irgendeiner unseren gemeinsamen Bekannten Levent gesehen - doch ich blieb erfolglos. Beim Essen fragte ich Alejandro nach seiner Meinung, er sagte nur, vielleicht hat Tobis Geheimnis damit zu tun. Und was? fragte ich. Er schwieg. Bist du das Orakel von Delphi? fragte ich ihn. 
Er beschäftigte sich wieder mit der Nahrungsaufnahme. Ich beobachtete ihn dabei, ich liebte es, wie er seine Augenbrauen hochzog, während er den Mund öffnete und sich einen Löffel Essen hineinstopfte. Wenn man solche Kleinigkeiten am Partner faszinierend findet, dann liebt man ihn. Und doch war dieser Tobias weiterhin in meinem Hinterkopf. Er hatte sich nicht gut benommen, war sehr penetrant und nervig gewesen seit dem vorigen Abend, machte mir ein mulmiges Gefühl, wurde von meinem Engelchen nicht gemocht, er hatte etwas Mysteriöses, vielleicht sogar etwas Böses an sich, trotz allem oder gerade deswegen zog er mich an. Es verband uns irgendetwas, es war nicht zu leugnen, ich konnte mich nicht mehr von ihm abwenden und er tat dies sicherlich erst recht nicht. Das gab mir ein beängstigendes Gefühl, ich verfluchte ihn, versuchte ihn zu verbannen, doch sein Gesicht und sein nackter Körper verfestigten sich in meinem Kopf. 
Warum hatten wir unbedingt in den Rheinwald müssen? Wie konnte uns der winzige Lichtschein zu den beiden merkwürdigen Menschen locken? Warum ließen wir uns dazu verführen? Einmal war ich ohne meinen Beschützer Alejandro weggewesen, hatte etwas erlebt, da nahmen die Ereignisse einen solch seltsamen Verlauf. Mein Herz schaute mich goldig an, fragte: was ist? Und ich sagte, nichts, das Essen war fein, ich habe nur kurz über etwas nachgedacht, es ist nichts.

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