Dienstag, 7. September 2010

Projekt Körper

So, ich muss nun zu diesem Buch von Waltraud Posch (Projekt Körper - Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt) zurückkehren. Wieso? Das ist nämlich so: ich habe einige Kilo zugenommen, irgendwie. Also, nicht viel, ich finde es auch gar nicht so schlimm. Aber: mir passen meine Klamotten oft nicht mehr. Die spannen so, und das hasse ich, das muss nicht sein, das will ich nicht. Naja, das alleine wäre vermutlich nicht so schlimm, aber als ich letztens fälschlicherweise einen Bekannten, der zugegebenermaßen eine sehr gute Figur hat, gefragt habe, ob ich fett bin, hat dieser fälschlicherweise eine unkluge Äußerung gemacht, die mich zu einiger Depression führte. Daraufhin bin ich jetzt seit fünf Tagen am Joggen und am Hanteln stemmen. Wieso eigentlich? Ja, die Klamotten. Ja, diese Freunde und Bekannten... Doch bin ich ein anderer, nur weil ich ein paar Kilogramm mehr auf die Waage bringe? Bin ich weniger wert, weniger sexy, weniger Mann? Pädagogen fangen immer mit dem bösen Fernsehen an, das macht uns zu schlechten Menschen, denn es verführt uns und wir denken, wir müssten dem nacheifern, was es uns zeigt. Waltraud Posch schreibt von einer eindeutigen Konnotation von Fitness und Schönheit.

Diese zeigt sich unter anderem darin, dass Sportlerinnen und Sportler in Medien als ästhetischer Aufputz und Sexsymbole positioniert werden. Besonders Athletinnen der Disziplinen Tennis und Schwimmen, aber zusehends auch männliche Athleten verschiedener Disziplinen, mutieren zu "Sport-Pin-ups" und befinden sich ebenso wie Schauspielerinnen auf der Gratwanderung einer Positionierung zwischen Professionalität und Attraktivität.
Früher waren vor allem Frauen das Ziel der Schönheitsindustrie, doch seit Langem werden auch Männer in den Fokus genommen.

1990 wähnte Naomi Wolf in "The Beauty Myth", die Männer seien "als nächste dran": "Jetzt wo Männer als neuer Markt betrachtet werden, den Selbsthaß zu erschließen gilt, haben die Leitbilder begonnen, den Männern die gleichen Halbwahrheiten darüber zu erzählen, was Frauen wollen und wie sie Männer sehen, die sie bisher den Frauen über die Männer erzählt haben."
Männern wird nun ebenfalls diktiert, was sie zu tun haben und wie sie auszusehen haben, nämlich schlank und durchtrainiert. Manche Beziehungspartner fordern das als ihr Recht, ihren Anspruch: "Du kannst etwas für dich tun, du kannst für mich schön sein/bleiben." Manche Freunde beweisen sich als Freund,e in dem sie einem aufs Brot schmieren, dass man zugenommen habe. So als wäre man bösartig, ein mieser Partner, ein schlechter Freund, wenn man das nicht tut. Zeitschriften wie Men´s Health oder GQ behaupten gar, dass ein systematisch gestalteter Männerkörper als

"äußerst hilfreich, wenn nicht sogar unbedingte Voraussetzung" darstellen würden, um "in sämtlichen Lebensbereichen (intimen wie öffentlichen, privaten wie beruflichen) erfolgreich zu handeln".
So als wäre man mit einem etwas weniger schlanken Körper nicht ein guter Liebhaber oder nicht gut in seinem Job... Man schaue sich auch einmal die Zeichentrickfiguren oder Spielfiguren von kleinen Jungs an: grundsätzlich haben diese Vorbilder sehr gut gebaute Körper.

Dieses Thema lässt einen in der heutigen Zeit nicht los. Es führt so weit, dass es bei manchen Männer im Extremfall sogar zur "Muskeldysmorphie" führen kann, wenn es pathologisch wird. Nach Harrison G. Pope ist dies eine "eingebildete Schwächlichkeit" oder "Muskelsucht". Die daran "erkrankten" Männer betreiben exzessiv Fitness und ernähren sich mit fettarmer Kost. Das kann bis zu einer Art Magersucht führen. Und wozu das Ganze? Um mehr Anerkennung zu bekommen. Von der Gesellschaft, vom Partner, von den Freunden.

Und was hat das mit Lebensgenuss zu tun? Dieses Abrackern, Joggen gehen, Muskeltraining machen, fettarm ernähren, auf Alkohol verzichten... Was bringt das alles? Wer glaubt denn heutzutage nicht daran, dass nur die Schönen Erfolg haben können? Dass man immer weiter an sich arbeiten muss, um sich weiterzuentwickeln, um attraktiv für andere zu sein, um nicht hinter den anderen Menschen zu verblassen? Insgeheim möchte jeder schön, schlank und attraktiv sein... Und die anderen? Werden die nicht oft genug als Außenseiter betrachtet?

Quelle der Zitate (kursiv):Waltraud Posch: Projekt Körper - Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. Campus Verlag, Frankfurt, 2009, 261 Seiten, € 24,90
http://www.campus.de/wissenschaft/kulturwissenschaften/Projekt+K%C3%B6rper.85891.html

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