Sonntag, 5. Januar 2014

schmerzwach schreibt: Poesie einer Ausstellung - Text VIER

Helga Nohl

Im Wein

... liege die Wahrheit – so sagt man. Ist das nicht so? Im Wein liege ich gerne, wenn ich meinen Blues habe. Im Rot-Wein. Aber ich weine auch gerne. Das Tal der Tränen. Wenn sie nur so gut schmecken würden wie dieser Wein. Vor unserer Beziehung trank ich sehr selten Wein. Auf Partys, wenn es nichts anderes gab. Oder mit meiner Schulfreundin, wenn wir nachts am Main saßen und in denn Himmel blickten. Mit dir trank ich selten unkontrolliert. Wir waren noch nie Barflys. Wir lagen noch nie irgendwo auf dem Tresen, totgesoffen. Wir pflegten, pflegen unseren Alkoholgenuss. Trinken bei einem guten Essen ein gutes Tröpfchen. Hört sich spießig an. Ist es vielleicht auch.

Assmanshäuser Höllenberg
So hell
- und meine Gedanken dunkel. Kitsch. Rotwein-Kitsch.

Im Moment trinke ich Rotwein, um meine Sinne zu verlieren. Um zu vergessen.

Il boit pour oublier qu'il vit
Il dort pour oublier qu'il boit

Wie in diesem Lied dieser französischen Band, die du so magst, fühle ich mich im Moment. Ich will nicht trinken, leiden, mich nach dir sehnen.

Château Frances Millgrand
So violett
- sexhysterisch. Klischee: Sex fehlt so sehr, wenn man ihn „gewohnt“ ist. Kitsch. Rotwein-Kitsch.
Will nicht ohne dich sein. Will, will, will.
Vermisse dich so sehr.
Vor dir war ich lange Single. Das weißt du. Ich schwor mir alles dafür zu tun, dass die nächste Beziehung FÜR IMMER ist.

Forever Love.

Im Wein liegt die Wahrheit.

Lageder Cabernet Riserva
Rost
- Alt werden möchte ich mit dir. Hörst du?

Wie kann das sein, dass unsere Welt so eine Wegwerfgesellschaft geworden ist? Und wie kann es sein, dass Beziehungen so bereitwillig fortgeschmissen werden?

Wir brauchen keinen Abstand! Hörst du?!

Farnese Primitivo
Dunkel
- ist meine Seele und rein und hell meine Gedanken. Geht das überhaupt? Kitsch. Rotwein-Kitsch.

Meine Sehnsucht. Meine Trauer. Manchmal denke ich, dass ich in einen tiefen Schlund gezogen werde. Manchmal denke ich, dass ich ein paar Stufen hinunter laufe. Jeden Tag eine dunkle Stufe mehr.

Darf ich noch Hoffnung haben? Früher hatte ich das Gefühl, dass mich eine Treppe nach oben führt. Jeden Tag ein bisschen mehr ins Helle, auf die oberste Stufe. Vielleicht einer Pyramide, vielleicht eines Bergs.

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