Freitag, 17. Mai 2013

Zeitgenössische Lyrik ... vorgestellt von Martin Piekar 3/10

Martin Piekar, 1990 geboren, verfasst Lyrik, Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike 2012, 
10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben. Da ich keine Rangliste machen möchte, werde ich die Bände nicht nummerieren, sondern ich werde Sternchen setzen.







* Kathrin Schmidt. Blinde Bienen heißt der Band von 2010. Ich würde niemals behaupten zu verstehen, was Kathrin Schmidt schreibt, aber ich liebe es. Bei diesen Gedichten setzt das Verstehensbedürfnis auch aus bei mir. Es ist fast so, als wenn es bei der Lektüre viel mehr auf mich und meine Gedanken dazu ankäme, als auf das, was da steht; DAS aber kann nicht unwichtig sein, denn es setzt das Ganze erst in Gang.









blinde bienen 

im rücken, im herbst steckt die ahnung, wir könnten 
bleifarben bleiben, zweigeteilt himmelsfindling genannt.
versterbezahlen bekümmern uns kaum, wir gehen schlupflungenklamm
ins gehäuse, getöse, machen uns etwas aus derbem schuhlederklang,
verfahrensfehler geben den rahmen, vernageltes holz,
das auf nichts aus ist. ein reh schaut durchs fenster herein.
noch sind wir nicht sichtbar, ein mottenpaar, das kastanien zusetzt.
verlarvte kinderpuppen haben wir eilig verlassen,
man minimiert uns, indem man das laub aufrafft,
das sommers schon fällt. wenn die bienen in ihrer blindheit
am himmel baumeln wie faules gezänk. wenn ein abgehalfterter ärmel
zurückbleibt. steh du ruhig auf, deine stimme ist milchkaffeefarben,
dein singen gelingt nicht. die blinden bienen haben pulver im pelz,
daß es stäubt, daß es juckt. betäubt taumeln sie zwischen den bäumen,
den sträuchern und meinen uns nicht. für den augenblick
laß ich sie fahren, die ahnung im rücken. im herbst.

Gedichte, die immer von unserer Welt handeln, von unserem Alltag und uns doch etwas Mystisches darin zeigen können. Diese Mystik gefällt mir. Ich will nicht, dass mir ein zauberhafter Alltag vorgegaukelt wird; hier erlebe ich, wie unser Alltag selbst eine Mystik entwickelt. Für diese scheinen wir oft unempfänglich geworden zu sein und dieser Band bringt mir wieder viel davon zurück: 


konkordanzfall 

mein bleichgesicht könnte mehr sein
als eine monstranz? diese annahme
nahm uns in anspruch. du wühltest im findelgewindel,
ich griff in die lehre. nur eine lederne maske
sprach vom gespannten dasein, vom eingemachten
zwischen den schläfenlappen. die ordnung der schlinge
halste sich ein bleichgewicht auf, das eine zeitlang
im wasser schwamm und als ente die runde machte,
bis du schriest, lautlos: der maßnahmeplan
könnte geflötet haben, gelötet sein! meine beherrschung
war sprichwörtlich. dein gleichgesicht sprach bände
von gedichten in meine richtung, die vor der muschel
verebbten: das ohr war nur aufgestellt für psalmen
der eleganz. auf dem teetisch verleitete palmenkandis
zu indischem wetter, der schweiß troff auf einmal
aus allen poren. verlockte gefährten, murmelte ich, aber
das gleichgewicht hielt uns in schach, wir sanken matt
in die waagschalen der balance

Kathrin Schmidt, Blinde Bienen, Kiepenheuer & Witsch, 2010, Köln

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