Mittwoch, 15. Mai 2013

Zeitgenössische Lyrik ... vorgestellt von Martin Piekar 2/10

Martin Piekar, 1990 geboren, verfasst Lyrik, Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike 2012, 
10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben. Da ich keine Rangliste machen möchte, werde ich die Bände nicht nummerieren, sondern ich werde Sternchen setzen.

* Jan Kuhlbrodt überrasche mich Anfang 2013 mit „Stötzers Lied“ – Stötzer, so heißt es, ist ein Seismograph, ein Warnehmungsspeicher. Aber das ist er durchs Leben auch für mich geworden. Diese Figur, die erfunden ist und somit immer etwas Wirkliches hat, wie alles Erfundene, ist nie aus Leipzig rausgekommen und sinnt und weiß über die Welt, im Ganzen und in Teilen. 


                                    Embolium 2

                                    Schon früh

                                    Aus einem Kinderwagen auch und vor allem laut
                                    Flugzeuggeräusche. Ein Antizipieren
                                    zügigen Fortkommens. Weil weg sein
                                    immer das Ziel ist.

                                    Solche Bewegung ist schnell zu erkennen
                                    und was erkannt, ist schnell
                                    nachgeahmt. Was nachgeahmt,
                                    ist erkannt auch. Gewöhnlich. Traktoren

                                    Eisenbahnrattern. Auf Schwellen
                                    aus Holz auch Beton. Geräuschloses
                                    Ziehen auf starken Magneten
                                    das könnte chinesischen Kindern blühen.

                                    Was machen wir dann aus unsern Raketen.
                                    die Endstufen erdnah verglühen?


Die Gedichte hierdrin würde man welthaltig nennen können. Ich weiß nicht wieso, aber für mich geht es noch weiter. Begonnen wird hier ganz lapidar mit dem Urknall – und weiter gehts: Der Deutsche Platz, das Völkerschlachtdenkmal, Die DDR, die Wende, Utopien, Wissenschaft, Humanismus, Tod, Requiem, Reanimation, Wiederauferstehung, Wahrnehmung, Gedichte über Gedichte und das Dichten an sich. Jan Kuhlbrodt studierte an der Uni Frankfurt Philosophie, an der ich jetzt das gleiche Fach studiere - und man braucht das Studium sicherlich nicht für den Gedichtband, aber mir wird sehr deutlich bewusst, wie viel Philosophie hier benutzt und angebaut wurde. Stötzer lebt, stirbt, wird wiederbelebt, lebt erneut und weiter – Ein Gesang vom Leben danach ist der Untertitel des Buches und ich erlebe es als ein Buch vom Vergehen. Diese Gedichte sind aber keine Todtrauer. Sie sind oft verschmitzt, nachdenklich und kritisch über unser heutiges Leben, ohne jenes eliminieren zu wollen, nein. Hier wird – wenn überhaupt – ein Verbesserungsvorschlag gegeben. Aber vielleicht lese ich den auch rein. 


Ich war überrascht, als ich ihn kürzlich hier traf;
weil das Beständige ihm ein Ärgernis ist,
hätte sich Anblick des Platzes für ihn über die Jahre
abnutzen müssen; die Flucht hinaus zum Völkerschlachtdenkmal,

Bedeutungsklotz, wie er es nannte, unnütz und hässlich,
zumal hier schon lang keine Messen
mehr stattfanden, mit ihrem Gefitze aus Sprachen und Dialekten,
jenes Gewirr also, das uns einmal die Welt ersetzt hatte.

Die Welt als Anklang, als verhallendes Echo. Wie wenn ein Stein
aus großer Höhe auf eine Flüssigkeit trifft, hineinplumpst.
Wir hatten am Brunnenrand gestanden und haben langsam und lange
gezählt.
Die Erfahrung sagt, es sei Wasser, aber die Sehnsucht

ruft: Magma! Quecksilber, flüssiger Stein vom Saturn.


Jan Kuhlbrodt, Stötzers Lied, Verlagshaus J Frank, 2013, Berlin

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