Sonntag, 5. Mai 2013

Meine Lieblingsbuchhandlung ... mit Nikola Hahn


Buchmarkt Hbf Frankfurt am Main, B-Ebene
Ach, was fällt mir alles Schönes ein, wenn ich das Wort „Buchhandlung“ höre:  Deckenhohe Regale  aus Holz erscheinen vor meinem Auge, prall gefüllt mit Geschichten, die darauf warten, erlesen zu werden, schmale Gänge in gemütlichen, dusteren Räumen, in denen Staubflusen im Licht tanzen, die das Gefühl geben, eine geheimnisvolle Welt zu betreten, das mystische Land der Fantasie, das verborgen zwischen Buchdeckeln ruht. Alte Bücher, neue Bücher, große, kleine, dicke, dünne, Taschenbücher, Schmuckausgaben: Ein Maximum an gedruckter Vielfalt auf einem Minimum an Raum, der Geruch nach Papier und Bindeleim – das sind die Erinnerungen aus meiner Kindheit, die ich mitnahm ins Erwachsenenleben. Ich träumte sie noch,  als ich längst in hellen, modern eingerichteten Buchhandlungen als Autorin zu Gast war – wie viele schöne Begegnungen gab es dort, wie viele inspirierende, interessante Gespräche durfte ich führen!

Und welche von all den vielen ist nun meine Lieblingsbuchhandlung? Eine schwere, eine ungerechte, eine wunderbare Frage! Weil sie mich zwingt nachzudenken darüber, was Menschen ausmacht, die Bücher nicht nur verkaufen, sondern lieben! An den Orten meiner Erinnerung finde ich sie, ohne Zweifel. Und nach mehr als einhundert Lesungen, die ich im Laufe der Jahre durchgeführt habe, kann ich sagen, dass es unzählige Bücherorte und viele Büchermenschen gibt, die ich sehr mag. Aber bevor ich meine Wahl treffe, möchte ich die Seite wechseln, überlegen, was ich in meiner Erinnerung als nicht so passend, als nicht so gemütlich, nicht so inspirierend abgespeichert habe. Eine Bahnhofsbuchhandlung zum Beispiel: Nett, dass es sie gibt, denn man kann, wenn man auf Reisen ist, schnell mal reinschauen und sich mit Lektüre versorgen. Na gut, die Auswahl ist großteils auf gängige Ware beschränkt, und man muss schon wissen, was man will, weil die Leute, die da Bücher verkaufen, ohnehin meist keine Ahnung von Literatur haben. Die gestapelten Bestseller, die sich am Eingang finden – ach, nö. Und der Grabbeltisch mit den Billigausgaben? Als Leserin gehe ich neugierig hin, wühle und hoffe, ein Schnäppchen zu machen; als Autorin spüre ich Trauer und Schmerz, eins meiner „Buchkinder“ zu entdecken, an dem ich jahrelang  gearbeitet habe, Knick im Rücken, Remittenden-Stempel, Ramsch. Ein Ort zum Träumen? Eine Lieblingsbuchhandlung gar? Sicher nicht.

Nein, es war nicht schwer, meine Wahl zu treffen: Es ist der Buchmarkt Hauptbahnhof Frankfurt am Main! Ich habe eine Lieblingsbuchhandlung, deren Inhaber ich nicht persönlich kenne, deren Interieur ich bislang nur via Facebook angeschaut habe, ein Laden, versteckt in der B-Ebene eines lauten Bahnhofs, in dem es all das nicht gibt, was für mich eine Buchhandlung immer zu einem Zauberort werden ließ. Es ist eine neue Geschichte, die ich jetzt erzählen will, erzählen muss, und sie hat mit der Wandlung aller Dinge zu tun, die wir Zukunft nennen, sie hat zu tun mit den Wegen der Bücherfreunde durchs Netz, mit den verschlungenen Pfaden, auf denen sich Online- und Offline-Welt immer mehr verzahnen und verweben.

Auf der Startseite bei Facebook fällt mir ein Eintrag auf: Das Team einer kleinen Buchhandlung will ein Regal ausschließlich mit Literatur deutscher Schriftsteller bestücken. Unsere deutschen Autoren, so lautet die Überschrift, zwei schwarzrotgoldene Fähnchen werden virtuell dazugeklebt, um die Intention deutlich zu machen: Wir, so sagt das kleine Team aus dem Souterrain, wir lieben Bücher, alle Bücher – aber wir möchten unseren deutschen Autoren, von denen wir mit vielen auch in persönlichem Kontakt stehen, einfach mal Danke sagen, mit einem Büchergruß, der ins Auge fällt – keine Auswahl bezüglich des Genres wird getroffen, kein Unterschied wird gemacht zwischen der Bestsellerin und dem Newcomer.

Nikola Hahn, geboren 1963, schreibt, illustriert und verlegt – und das alles in Rödermark (Hessen).
Wir mögen Euch!, erklärt das kleine Team – und erntet einen Shitstorm. Deutschtümelei, verkappte Nazis, und was man eben so schreibt, wenn das Gutmenschenherz mal wieder online überquillt. Erschrocken ist das kleine Bücherteam, vier Menschen, die sich abwechselnd sieben Tage in der Woche in ihrer Buchhandlung die Beine in den Bauch stehen und sich trotzdem die Zeit nehmen, auch online über ihre Bücher, ihre Autoren zu reden, die nicht nur, wie so viele, irgendeine lieblose Facebook-Seite generiert haben, weil man eben sozial netzwerken muss heutzutage, sondern die mit jedem Post eine Liebeserklärung ans Lesen, an Bücher, an „ihre“ Autoren machen, weltoffen, provinziell, kitschig, gediegen, lustig, ernst, Schmöker, Literatur; der ausgepackte Stapel von Remittenden hier, der Hinweis auf Werke der Klassik dort, so kunterbunt, so widersprüchlich, so respektlos-fröhlich wie die Welt eben ist: der Kosmos eines großen Bahnhofs in Bücherstapeln ausgedrückt.
Entsetzt ist das engagierte Quartett über die Vorwürfe, sie treffen ins Herz; man versucht zu beschwichtigen, sich zu rechtfertigen. Es sei doch nur ein einziges Regal im Laden, nur eine gute Absicht, einfach ein kleines Dankeschön. Zum Glück lässt sich das Team nicht schrecken, na gut, die Fähnchen lassen sie dann doch weg am (realen) Regal, aber die deutschen Autoren bekommen ihr exklusives Plätzchen, und auf der Facebookseite gibt`s für jeden eine Gratiswerbung dazu, eine Auswahl der Bücher, ein Statement des Bücherteams, und Platz für den Autor zu sagen, warum er schreibt, was er schreibt. Auch hier: Bunt ist die Autoren-Bücher-Mischung, frei von jedem Dünkel, E neben U – was, bitte, sind E und U?

Ich mache mit, freue mich, Teil eines so hübschen Potpourris zu werden, ein netter eMail-Kontakt entwickelt sich. Jeden Abend schlendere ich nun online durch den Laden, schaue mir die neuen Bilder an, lese, kommentiere, bin neugierig auf die Autorenkollegen, die vorgestellt werden, und auf ihre Bücher. Neues entdecke ich, Spannendes, tauche ein in fremde Welten, obwohl ich meine gar nicht verlasse. Und ich erinnere mich an die Anfänge meiner Schriftstellerkarriere. An die Buchhandlung, in der ich immer so gern gestöbert hatte, und die mein Debüt nicht haben wollte. Nicht mal ein einziges Exemplar in Kommission. Wie gut hätte es der jungen, unerfahrenen Autorin damals getan, ein bisschen Unterstützung zu bekommen von „ihrem“ Buchhändler vor Ort.
Es gibt ein Dutzend Gründe für das Nein, nachvollziehbare, für mich heute sogar durchaus einsichtige Gründe. Und doch: Warum tut es dann diese Buchhandlung im Souterrain des Frankfurter Hauptbahnhofs, vier Bücherleute, die diese Gründe genausogut benennen könnten, die sich sogar beschimpfen lassen mussten für ihr Engagement, das ihnen außer ein paar virtuellen Fans und ein bisschen Öffentlichkeit ökonomisch wohl nichts und ansonsten nur Arbeit einbringt?

In einer Welt, in der sich alles ändert, alles im Fluss, im Umbruch ist, darf und muss man Erinnerungen bewahren, aber es ist auch an der Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden, sich auf das zu konzentrieren, was wichtig ist: Menschen zu treffen, die Bücher lieben! Offline wie online. Noch Fragen, warum ich nicht lange überlegen musste, ausgerechnet eine Bahnhofsbuchhandlung zu meinem Liebling zu erklären?

Buchmarkt Hbf Frankfurt am Main
Hauptbahnhof, B-Ebene
60329 Frankfurt

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