Sonntag, 18. März 2012

Im Namen des Kreuzes. Schwarz ermittelt von Peter Probst

In der Spiegel Online gibt es heute einen Artikel über den katholischen Missbrauchsbeauftragten Stephan Ackermann. Obwohl er angeblich eine „Null-Toleranz-Linie“ in dieser Funktion verfolgt, schont er in seinem Bistum Trier sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt, sagen die Quellen von Spiegel Online. Die katholische Kirche scheint, so wird dies in dem Artikel angedeutet, eher daran interessiert zu sein, möglichst gut dazustehen. Der Schutz der Opfer und vor allem von potenziellen Opfern steht wohl nicht an oberster Stelle. Dabei ist die Gefahr, die von diesen Männern ausgeht, immens hoch. Mittlerweile sind einige Fälle von jahzehntelangem sexuellen und psychischen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in großen katholischen Institutionen bekannt geworden. Das Canisius Kolleg in Berlin oder die Odenwaldschule hier in Hessen sind da zu nennen, sie sind aber wohl nur die Spitze des Eisbergs.
Dieses Themas hat sich nun Peter Probst in seinem Roman „Im Namen des Kreuzes“ angenommen, der dritte Roman in der Privatermittler Schwarz-Serie. Nach dem tragischen Selbstmord des jungen Priesteramtskandidaten Matthias wird der katholische Pfarrer Heimeran erhängt aufgefunden. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen liegt nahe - aber welcher? Wie eng war die Beziehung zwischen dem gerade bei Jugendlichen beliebten Geistlichen und dem vaterlos aufgewachsenen Jungen? War Heimerans Tod womöglich gar kein Selbstmord? Widerstrebend nimmt Anton Schwarz Ermittlungen auf und gerät in einen Sumpf aus Machtmissbrauch, sexueller Gewalt und Vertuschung, der ihn auch an seine persönlichen Grenzen bringt.
Der Privatermittler Anton „Toni“ Schwarz ist ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Immer ein bisschen am Granteln, ein Morgenmuffel, einer, der auch gerne einmal faul ist, sicherlich ein bisschen empfindlich und mit dem Verkehr und der ewigen Gentrifizierung in München hat er es auch nicht so. In den ersten zwei Teilen der Krimireihe wurde er damit konfrontiert, dass seine Mutter eine Jüdin ist, was er jahrzehntelang nicht wusste, aber vor allem wurde er auch von seiner geliebten Frau verlassen. Und in diesem dritten Teil muss er sich seiner Homophobie stellen, die einen tieferen Grund hat, wie wir später erfahren. Doch Eva Schwarz, die er bei seinem ersten Fall in „Blinde Flecken“ kennenlernte, die 25 Jahre jünger als er ist und außerdem im Rollstuhl sitzt, treibt ihn immer wieder an. So wird er mit einer Welt konfrontiert, die ihm nicht ganz geheuer ist. Und wie sich bald zeigt: völlig zu Recht nicht.
Es gibt viele homosexuelle Männer in der Kirche, das ist nicht nur ein Gerücht, sondern mittlerweile vielfach belegt und von offizieller Seite zugegeben. Wieso dies so ist, könnte man sich fragen: Weil die Kirche ein Männerbund ist vielleicht? Weil man in ihrem Schoß häufig Gelegenheiten bekommt, seine Sexualität geheim und unbeobachtet auszuleben? Weil das Zölibat einem die Möglichkeit gibt, einen bestimmten Schutzraum zu erhalten, weil keine Fragen über das Heiraten, eine Freundin oder überhaupt Sexualität aufkommen? Oder begünstigt dieses ständige Unter-Männer-sein die eigene Homosexualität? geht einem plötzlich ein Licht auf und es wird einem bewusst, dass man diese Gefühle hat, wenn man sich mit anderen austauscht? Der Pfarrer Heimeran war schwul, dieser Verdacht kommt Anton Schwarz ganz schnell, doch ist er auch pädophil? Hat er sich seines Zöglings Matthias auf diese Weise angenommen, ihn verführt? Und was hat der ebenfalls schwule Pastoralreferent Weber mit der ganzen Situation zu tun? Sehr bald verschieben sich die Rollen, vermeintliche Täter werden ganz schnell erkennbar zu Opfern in einer Geschichte, die sehr viel tragischere Hintergründe hat...
Der Autor Peter Probst
Der Autor Peter Probst geht mit seinen Figuren und den aufgeworfenen Themen sehr sensibel um. Nicht nur, dass er offensichtlich gut recherchiert und mit vielen Betroffenen geredet hat, er schafft es immer wieder die Kontrolle über den Stoff zu behalten. Kein leichtes Unterfangen, wenn man die Vermischung verschiedener Problematiken bedenkt. Da ist Homosexualität in der Kirche einerseits, Pädophilie und sexuelle Gewalterfahrung in einer Machthierarchie-Konstellation andererseits. Gerne wird dies ja in einen Topf geworfen. Da kann sich Peter Probst sehr gut abgrenzen. Seine Kriminalromane sind gesellschaftskritisch und brechen stets eine Lanze für mehr Zivilcourage. Seine Figuren sind charakterstark, mutig und man schließt sie sofort in sein Herz. Jahrelang hat er Drehbücher geschrieben, unter anderem zur Detektivserie „Der Fahnder“. Auch der Roman „Im Namen des Kreuzes“ bietet sich für eine spannende Verfilmung an. Seine Dialoge sind authentisch und spritzig, vor allem hat er ein sehr gutes Gespür für Stimmungen und Konflikte, die er sehr beredt in Szene setzt. Man fühlt mit den Personen mit, fiebert mit ihnen, wünscht ihnen, dass alles gut ausgeht. Mehr Emotion geht nicht in einem Roman.
Im Namen des Kreuzes von Peter Probst ist ein sehr spannender Roman über ein ebenso aktuelles wie hochsensibles Thema, welches im März 2012 beim Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen ist. Es umfasst 256 Seiten und ist für 8,95 Euro erhältlich.

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