Donnerstag, 29. März 2012

Ausschnitt aus "Blutzoll" von Thomas Reich


Eine gute Stunde später saß Doktor Sommerberg im Präsidium. Nervös spielte er mit seinem Kugelschreiber. Die Aufregung war ihm anzusehen.
„Er ist uns entkommen.“
„Sind sie sicher, dass es Christoffer war?“
„Wir versuchen der Presse einen Riegel vorzuschieben, aber das hält nicht lange vor. Heute Nachmittag war ein Team in seiner Wohnung. Wir waren mit den Kollegen über Funk verbunden. Von daher wissen wir, dass sich Leichenreste in der Wohnung befanden. Dann zündete eine selbst gebastelte Bombe.“
„Wie bitte?!“
Rutherford lächelte bitter.
„Arnac ist tot, zwei seiner Leute ebenfalls. Die Spurensicherung kratzt sie gerade von den Wänden. Wir wissen noch nicht, welche Art von Zünder er verwendet hat. Allerdings kann man sagen, dass der Mistkerl ganze Arbeit geleistet hat. Passt das zu dem Christoffer, den sie kennen?“
„Die Leichenteile, ja… er ernährt sich zunehmend von Menschenfleisch. Aber die Bombe? Woher könnte er nur das Wissen haben?“
„Nun, die meisten der wirklichen Schwerverbrecher kommen schlimmer aus dem Knast heraus, als sie vorher waren.“
„Wohl war. Er teilte sich längere Zeit die Zelle mit einem Islamisten.“
„Ist der noch inhaftiert?“
„Soweit ich weiß, ja.“
„Dann werden wir dem Herren demnächst einen Besuch abstatten.“
„Was für Erkenntnisse erhoffen sie sich?“
„Erstmal, welche Fähigkeiten sich unser Bursche angeeignet hat. Wo glauben sie, hält er sich jetzt auf?“
„Das hängt auch von den Medien ab, wissen sie. Über welche Ereignisse ihn betreffend wurde berichtet?“
„Schwer zu sagen. Wir hatten die letzten Tage mehrere Meldungen, die ihn betreffen könnten. Erinnern sie sich an den Auslöser der Unruhen in den Banlieues?“
„Wollen sie sagen, Christoffer hätte die junge Frau verbrannt?“
„Die Jugendlichen neigten in der Vergangenheit hauptsächlich zu grobem Vandalismus, Diebstahl und Drogenhandel. Unterbrochen von ein paar gelegentlichen Schießereien mit der Polizei. Eine Straftat wie diese passt nicht ins Raster. Zudem wurde Christoffer gesehen.“
„Wo?“
„Kurz danach kam es zu einer Schießerei in der Metrostation Saint Denis Université. Christoffer wurde verfolgt und beschossen, entkam aber mit der einfahrenden Bahn. Leider wurde die Meldung zu spät an uns durchgegeben. Wohin er danach ist, weiß kein Mensch. Die Polizei richtete zu dieser Zeit ihr Augenmerk mehr auf die sich in konzentrischen Kreisen ausbreitenden Unruhen. Die Jugendlichen, die geschossen haben, wurden noch nicht ermittelt.“
„Wen er das im Fernsehen gesehen hat, ist er nicht mehr in Paris.“
„Sie glauben, er hat die Stadt verlassen?“
„Und brennende Brücken hinter sich gelassen, ja.“
„Ok, ich werde eine Rasterfahndung für ganz Frankreich veranlassen.“
„Denken sie vielmehr an die Anrainerstaaten. Könnte gut sein, dass er außer Landes flüchtet.“
„Das ist der blanke Wahnsinn. Je mehr Staaten er durchpflügt, desto aufmerksamer dürften die Obrigkeiten auf ihn werden!“
„Im Gegenteil. Er will auf diese Art Verwirrung stiften. Und bisher ist ihm das ganz gut gelungen.“
„Wir sind ihnen dankbar für ihre Dienste, aber sie haben mehr von einem Psychologen als einem Kriminologen an sich. Vergessen sie das nicht. Was sie von mir fordern, bedeutet einen finanziellen und personellen Aufwand, den sie noch nicht ganz begriffen haben. Bitteschön, ich mache eine Großfahndung über die gesamte Fläche der EU. Aber erst will ich mich von der Notwendigkeit dazu überzeugen. Dass er sich wirklich nicht mehr in Frankreich versteckt.“
„Sie vergessen da etwas, Agent Rutherford. Ich stelle keine Forderungen an sie. Ich erteile nur Ratschläge.“
„War das ihr Wort zum Sonntag? Gut. Machen sie nur so weiter. Tun sie mir den Gefallen und kehren in ihr Hotelzimmer zurück. Ich melde mich, wenn wir ihre Dienste wieder brauchen.“
„Einen Ratschlag noch auf den Weg.“
„Was denn?“
„Achten sie auf Spuren am Straßenrand. Wie ein normaler Mensch Getränkedosen und Pizzaschachteln aus dem Fenster wirft, wird er unterwegs seine Opfer hinterlassen.“
*
Womit Doktor Sommerberg Recht haben sollte. Christoffer wusste, dass er schleunigst Frankreich verlassen musste. Er floh sowohl vor der Polizei als auch vor den Medien. Allein auf weiter Strecke. Die Autobahn eine verlassene Gerade in der Nacht. Getragen nur von den Schwingen der schwarzen Krähen, die in Schwärmen durch den Himmel jagten. Aasfresser. Die seine Witterung aufgenommen hatten und hofften, auch für sie würde etwas abfallen. Er leckte sich über Lippen, die sich rissig anfühlten und nach Salz schmeckten. Es juckte ihn gewaltig. Und es gab nur eine Abhilfe gegen diesen Juckreiz, der von innen kam. Christoffer musste sich kratzen, bevor er verrückt wurde.
An der nächsten Raststätte fuhr er raus. Den Staub der Straße mit einem Schluck hinunterspülen. Eine Kleinigkeit essen. Seine letzte Mahlzeit lag etliche Stunden zurück, vor seiner überhetzten Flucht.
Zu dieser nachttrunkenen Stunde war das Restaurant wie leergefegt. Ein paar polnische Fernfahrer saßen gelangweilt vor einer Käseplatte. Eine völlig übermüdete Bedienung, die auf das Ende ihrer Schicht hoffte, schlurfte an seinen Tisch heran.
„Na Schätzchen, was darfs sein?“
„Eine Cola und Merguez mit Fritten.“
„Hamwa nich mehr.“
„Und Spaghetti Bolognese?
„Na, jez verstehn wa uns. Bring ich dir gleich.“
Angewidert sah Christoffer, wie sie eine vorgefertigte Portion in die Mikrowelle steckte. Über dem Tresen lief ein Fernseher ohne Ton. Unangenehm wurde er an seine Flucht erinnert, und daran, dass er nur einen Vorsprung vor den Medien hatte. Nicht mehr. In der Glasabdeckung des Buffets entdeckte er sein Spiegelbild. Missmutig fuhr er sich durch die blonden Haare. Sie gefielen ihm nicht wirklich. Er wirkte wie ein in die Jahre gekommener Technojünger. Wenig vorteilhaft. Immerhin unterschied er sich von den letzten Fahndungsfotos. TF1 wiederholte die Schießerei in der Metro. Christoffer verschluckte sich an seiner Cola und musste husten. Plötzlich gab es zwei Leben, die nur durch eine dünne Schicht voneinander getrennt parallel liefen. Da war ein zweiter Christoffer im Fernsehen, das Gesicht so weit als möglich von Schal und Mütze bedeckt, der Pistolenkugeln auswich wie ein Traumtänzer. Dann war da der blonde Technojünger, der weniger als zwei Meter entfernt auf seine Spaghetti wartete. Zum Glück hatte er bei dem indischen Gemischtwarenhändler am Père Lachese einen Selbstbräuner entdeckt, der seine Gesichtszüge nun neu herausmodellierte. Äußerlich unterschied er sich nun gewaltig von der Gestalt auf der Mattscheibe, und das war gut so.
Draußen auf dem Parkplatz legte er den Kopf in den Nacken, um den Krähenschwarm besser zu sehen, der über ihn hinweg zog. Mit einem Mal wurde die Nacht dunkler, ein roter Filter legte sich über sein Sichtfeld.
*
Als er wieder zu sich kam, stand er über einer Frau, ausgeweidet wie ein junges Reh. In den Händen hielt er die glitschigen Enden ihres Darms, mit dem er sie erwürgte. Ihr Mund war mit Absperrband zugeklebt, damit sie keine Schreie ausstoßen konnte. Er konnte sich nicht erinnern, wo er das Absperrband her hatte. Selbst wenn sein Leben davon abhinge, er konnte sich nicht erinnern. Dann rutschten ihm die Darmenden aus den Fingern und er fiel rückwärts auf den Asphalt. In weiter Ferne konnte er die Lichter der Raststätte ausmachen. Am äußeren Ende des Parkplatz. Dann nur grauer Beton. Und wieder grauer Beton. Ragte aus der Nacht heraus wie vorsintflutliche Ungeheuer. Wenn das letzte Grün gewichen. Wuchs der Betondschungel heran. Sein Mund schmeckte nach Blut. Er wusste, dass er sich in seinen Instinkten wenig von den Tieren unterschied. Ein Umstand, den er nicht begriff, aber zu akzeptieren gelernt hatte. Wie oft schon hatte ihm das einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und genauso oft hatte es ihm den Kopf aus der Schlinge gezogen. Denn der Jäger witterte die Gefahr. Überlebenstrieb, ein uralter Instinkt. Dennoch war es dumm, so kurz nach seiner Flucht der Polizei möglicherweise Anhaltspunkte für sein nächstes Ziel zu liefern. Er wischte sich mit Laub und Blättern das Blut von den Händen. Den Leichnam trat er die Böschung runter, wo er in eine Schneeverwehung kullerte. Pulverschnee stob auf. Da würde er bis zum Frühjahr liegen. Er stieg hinab und schaufelte ihr ein weißes Grab mit seinen Händen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen