Samstag, 21. Januar 2012

Plattenbaugefühle hören und sehen...

Oder darüber diskutieren... Wieso ist das Schwul sein so schwierig für Jungs "mit Migrationshintergrund? werde ich gefragt. Ob ich eine Erklärung dafür habe... Nicht wirklich. Es werden Theorien ausdiskutiert, "die Angst vor der Frau im Islam" ist eine Arbeitshypothese, den Ausführungen des Autoren Joachim Helfer (Die Verschwulung der Welt) folgend: „Als Homosexueller wahrgenommen und bezeichnet wird weder ein Mann, der einen Homosexuellen oder einen Jüngling begehrt, noch dieser Jüngling selber, sondern einzig der erwachsene Mann in seiner, für Rashid durch Bart- und Körperhaar symbolisierten, Potenz als Mann begehrt, sich also von ihm penetrieren lässt, oder zumindest ließe, wenn sein aufdringliches Buhlen zum Erfolg führen würde.“ Das heißt, dass das potenziell Weibische und weiblich Passive das Verteufelte in den Augen des Libanesen ist (Rashid al-Daif, der sich in einer Streitschrift mit dem Deutschen fetzt). Damit einhergeht klar ersichtlich die abwertende Haltung gegenüber Frauen. Ein Zuhörer wirft allerdings ein, dass es wohl eher um die Ehre gehen könnte, denn da Homophobie in vielen traditionellen patriarchalischen Kulturen fest verankert ist, gilt dort auch Homosexualität als Ehrverletzung. In solchen Fällen besitzen die Betroffenen nicht mehr den bevorzugten Status, den Männer sonst in einer patriarchalischen Gesellschaft genießen. Vielleicht beides zusammen. Vielleicht etwas anderes. 



Ausgangspunkt bei Plattenbaugefühle war für mich die Frage, was passieren würde, wenn ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund sich in Darmstadt Kranichstein, ein Plattenbaugegend, outen würde. Meine Hypothese ist, dass er es sehr schwer haben würde. Mein Kumpel Mohamed aus Ägypten, auch schwul, vor einiger Zeit in einer Partnerschaft mit einem Engländer, erzählte mir (wohlgemerkt vor drei vier Jahren), dass ihm erst einmal nichts passieren würde, wenn es herauskäme. Doch wäre soziale Isolation die Folge seines Outings. Kollegen würden nicht mehr mit ihm reden, seine Familie erst recht nicht, ja, Ehrverletzung, nicht wahr? Die Kranichsteiner Jungs sagen, dass es kein Problem wäre, wenn einer ihre Freunde schwul wäre... Aber komisch, dass ein Kommentar war: Ja, schön und gut dein Buch, aber wäre cooler gewesen, wenn es eine Beziehung zwischen einem deutschen Jungen und einem türkischen Jungen wäre... Zeigt a) dass es nach wie vor eben nicht gang und gäbe und normal ist, wenn ein Junge schwul ist und b) andererseits zeigt es auch, dass eine interkulturelle Beziehung zwischen Junge und Mädchen ein hinreichendes Skandalon für ein Buch wäre...


Und die "Experten" in der Runde werden gefragt, was mit den jungen Männern sei, die in Mittelmeerländern oder anderswo in patriarchalen Gesellschaften, sich während ihres Militärs für Geld verkaufen, als Stricher, oder die untereinander Sex haben, weil sie räudig sind - und die sich nicht als "schwul" bezeichnen, das alles abtun und sagen, es war fürs Geld, damals, ich bin rein gar nicht schwul, ich habe es einfach so gemacht... Broke straight boys... ich habe noch nie verstanden, wie man so triebgesteuert sein kann, so wahllos - für mich hat einerseits Sex eine weniger große Bedeutung... In dem Sinne, dass ich es nicht dauernd und ständig brauche und auch nicht mit jedem und alles. Andererseits hat Sex für mich eine große Bedeutung - als Symbol der Liebe, der Intimität - und deswegen ist Treue für mich auch so wichtig. Das mag jeder anders sehen. Jeder Mann. Jeder Schwule. Jede Frau? 


Es war eine wundervolle Lesung in der Bar jeder Sicht in Mainz. Anka Loeben hat die Lesung wunderbar organisiert, es hat Riesen Spaß gemacht. Es war nicht so, dass die Bude voll war, aber diejenigen, die da waren, haben toll mitdiskutiert, das war super. Das sollte immer so sein... Die Bar jeder Sicht ist das lesBischwule Kultur- und Kommunikationszentrum in Mainz. Neben einem vielfältigen kulturellen Programm ist Hilfe für Schwule, Lesben, Bisexuelle und transidentische Menschen eines unser wichtigsten Anliegen. Alle, die da arbeiten, tun dies ehrenamtlich. Eine davon ist Kathryn, die zehn Jahre in Griechenland gelebt hat... Ich durfte mal griechisch reden zur Begrüßung... :-)

Kommentare:

  1. Lieber Jannis! Der Sex ist DIE internationale Sprache, drum spricht man ihn auch in vielfältigen Formen - nicht nur in der Ehe! ;)
    Peter Thommen, Basel

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  2. habe ich ja auch gar nicht behauptet, peter ;-)
    jede/r darf machen, was er/ sie möchte, jede/r darf so frei sein, wie er/ sie sich fühlt. nur ich (!) kann diese freiheit nicht nachvollziehen, dieser ständige sex, diese angeblich ständige versuchung. und ich (!) würde nie für geld mit einer frau schlafen. es sei denn, ich wäre scharf auf sie. aber so etwas ist noch nie vorgekommen ;-)

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