Mittwoch, 13. März 2013

Der etwas andere Rundgang von Kultours

Christian Setzepfandt
Erneuter Wintereinbruch in Frankfurt. Es ist saukalt und dämmert. Montag Abend. Einer, den man am liebsten auf der Couch oder im Bett dick eingemummelt verbringen würde. Wir treffen uns am Kino El Dorado, neben dem ehemaligen Luckys. Ich bin als Erster da und frage mich, wer wohl noch so verrückt ist bei dem Wetter zu diesem schwullesbischen Stadtrundgang mitzugehen... Letztendlich sind wir knapp fünfzehn Personen, alle in Stiefeln, Schals und dicken Mützen, alle Ü35, ob Zufall oder nicht. Vielleicht interessieren sich die Jungen nicht für die Geschichte der Homosexuellen in Frankfurt? Eine Vermutung. Ich wohnte lange Zeit schon in Frankfurt, als ich erfuhr, dass am Klaus-Mann-Platz ein Mahnmal steht, dass an die Verfolgung und Ermordung Homosexueller im Dritten Reich erinnern soll: Der Frankfurter Engel. Viele laufen an diesem Engel vorbei, ohne darüber nachzudenken, wie es dazu kommt, dass sich die Statue da befindet und was ihre Bedeutung ist. Rosemarie Trockel ist die Künstlerin und seit 1994 steht das Denkmal an dieser Stelle. Andreas Maul, Andreas Meyer-Hanno, Herbert Gschwind, Dieter Schiefelbein, Ulrich Gooß und Hans-Peter Hoogen sind diejenigen, die initiativ wurden und dafür kämpften. Wir liefen weiter zur Sankt Peter Jugend-Kirche in der Nähe des ehemaligen Pulse. Ja, das auch ein immer wiederkehrendes Thema an diesem Abend: Es gibt immer weniger Veranstaltungsorte für Homosexuelle in Frankfurt, es schließen immer mehr davon. Um einem anderen Punkt in der Führung vorzugreifen. Christian Setzepfandt, der Reiseführer von Kultours, der diesen Stadtrundgang mit uns begeht, erklärt später, dass in den 50er Jahren die schwulen Etablissements nach gesellschaftlicher Schicht besucht wurden, während man seine Location heutzutage eher nach Art des Lifestyles bzw. der sexuellen Spielart, die man bevorzugt, wählt. Also, ob man lieber in eine Kneipe geht, in der Bären zu finden sind, mit Darkrooms oder ähnlichen "Spielwiesen", ob man lieber mit schwulen Hipstern oder gut durchtrainierten, gepflegten Männern verkehrt, oder ob man sich nach thematischen Interessen im Switchboard z.B. zu Stammtischen trifft. 
Aber zurück zum Hof der Sankt Peter Kirche: Dort war einst der Friedhof Frankfurts, die Bethmanns und andere wichtige Frankfurter/innen aus der Historie liegen da noch immer. Aber für die Führung wichtiger ist das AIDS-Memorial, das an die AIDS-Toten erinnert, und das von Tom Fecht gestaltet wurde. Es nutzt einen Winkel in der Stützmauer der Peterskirche. Dort wurden die Worte "Verletzte Liebe" eingemeißelt und ein Nagel für jeden in Frankfurt an Aids Gestorbenen in die Mauer geschlagen. Dies geschieht im Andenken an die Aids-Toten eines jeden Jahres jeweils am Welt-AIDS-Tag (1. Dezember) erneut für jeden im abgelaufenen Jahr Verstorbenen. Das hatte ich ganz ehrlich nicht gewusst. Namen sind da nicht eingemeißelt oder sonst irgendwie angebracht. Das offizielle Grab der AIDS-Toten aus Frankfurt ist am Hauptfriedhof, da gibt es einen speziellen Ort für sie. 


Postkarte von Christian Setzepfandt, Kultours
Natürlich möchte ich nicht alles nacherzählen, was Christian Setzepfandt uns berichtet hat. Übrigens weiß dieser Reiseführer sehr viel, ist bei Wind und Wetter charmant und aufmerksam, erzählt seine Geschichten mit viel Verve. Überrascht hat mich, dass von Rosemarie Nitribitt die Rede war. Die so ein großes Thema in Frankfurt ist: mehrere Verfilmungen, einige Bücher (ich glaube sechs), in einigen Stadtführungen wird ihr Leben und vor allem ihr Mord thematisiert. Ihr angeblicher Mörder ein schwuler Mann, der der Gehilfe dieser Edel-Prostituierten war (Schlabbe-Mann oder so). Aber warum wird sie in dieser Führung erwähnt? Was ich nicht wusste: Wenn sie zum Spaß intim wurde und nicht wegen des Geldes, dann am liebsten mit Frauen. Noch interessanter war für mich die Geschichte von einem achtzehnjährigen Stricher, der in den Fünfziger Jahren für sehr viel Aufruhr in Frankfurt sorgte. Doch diese Geschichte deute ich nicht einmal an, denn: es muss ja noch einen Anreiz geben, diesen Stadtrundgang mitzumachen. 
Es lohnt sich wirklich. Und wenn es nicht so kalt gewesen wäre, der Schnee uns etwas mehr verschont hätte, hätten wir auch noch mehr Geschichten erzählt bekommen. Nur noch eines, das Thema Orte für Schwule war ja gelegentlich das Thema. Frage: Wieso gab es in den Zwanzigern (neben Cafe Karin und dem Restaurant Salzkammer heute) mehr Kneipen und Cafes für Schwule als heute? 
Der schwullesbische Rundgang durch Frankfurt: Empfehlenswert, sehr spannend - und am besten bei schönem Wetter daran teilnehmen. :-)

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