Mittwoch, 23. Oktober 2013

schmerzwach liest: Eigentlich bin ich ja der ... ähem ... Gehandicapte?!


Der wunderbare Moderator Fabian Stanco
Letztens auf dem Poetry Slam mit dem Thema "Inklusion" las ich diesen Text vor:

„Bist du schwul, oder was?!“, schrie Ali seinen Mitschüler Mehmet an. Letzterer hatte aus Versehen ein bisschen Cola auf ersteren geschüttet, nicht viel, gerade mal so, dass das Mobiltelefon etwas nass wurde. Ich schaute Ali streng an.

„Oh, das habe ich nicht so gemeint, PlastaMasta, ich habe nichts gegen Schwule, das weißt du, Alda!“,  wirft er mir nun entgegen.
Ich schaue wieder streng.
„Also, nicht Alda, oh Mann, Alda ist doch jetzt nicht schlimm.“
Ich lächele ihn unschuldig an.
Solche Situationen erlebte ich damals oft, als Pädagoge. Irgendetwas war schwul – dann fiel der Person, die das Wort benutzte, auf, dass ich in der Nähe war, und dann nahm sie es sofort zurück. Ich war doch cool. Und das Wort „schwul“ habe man einfach so benutzt. Meine Homosexualität wurde irgendwann „normal“, nicht der Rede wert ...

Übrigens: PlastaMasta war nur einer der vielen Namen, die ich von meinen Schülern bekam. Der Hausmeister beteiligte sich an dem Spiel. Eines Tages ließ er den „Herrn Plastikgras“ über den Schullautsprecher ausrufen. Und was war: er wollte gar nichts von mir, nur ein bisschen lachen. Diese Verballhornung sei ihm gerade eingefallen, sagte er stolz: „Witzig, gell?!“

Die Geschichte mit Ali und Mehmet ging weiter. Jaja, ich weiß, einfallsreiche Namen, aber ich muss die Jungs ja schützen, also anonymisieren. Und auch da möchten wir doch nicht auf Klischees undsoweiter verzichten.

Ali regte sich ja noch immer auf – und musste dies zum Ausdruck bringen. „Ey, Alda, du bist echt behindert, warum hast du die Cola auf mich geschüttet?“
Erneut schaute ich ihn an. Gereizt blickte er zurück: „Ey, behindert bist du doch nicht auch noch, oder?“ Mehmet sagte und machte übrigens gar nichts, er setzte sich einfach hin und versuchte Ali zu ignorieren. Völlig zurecht natürlich.

Mehmet war ein Junge, dem die rechte Hand fehlte. Und nennt meine Wahrnehmung schwach oder etwas, aber ich habe bestimmt ein Schuljahr gebraucht, bis mir das tatsächlich auffiel. Und ich spielte Fußball und einmal sogar Basketball mit ihm. Aber das ist eine andere Geschichte. Damit wollte ich Ali jetzt nicht kommen.

Also sagte ich: „Behindert ist noch bescheuerter als schwul. Ich meine, was heißt denn behindert überhaupt?“
Er schaute mich leicht irritiert an und wusste nicht, worauf ich hinaus wollte.

Ein anderer Junge, nennen wir ihn mal Abdel, sagte einmal in meinem Beisein zu seinen Freunden: „Also, ich weiß, dass der Typ Deutsch redet. Ich kenne auch die Wörter. Aber ich weiß einfach nicht, was er mir sagen möchte!“

Das fand ich klug.

In so einer Situation befand ich mich also erneut. „Naja, was ist denn behindert? Bist du behindert, weil du nicht mit den Füßen schreiben kannst?“
„Hä?!“, machte er darauf nur.
Na, kannte ich schon. Meine Argumentationen verstanden meine Jungs in der Schule nie. Manchmal dachte ich, dass sie mich nur mochten, weil ich den Hallenschlüssel hatte und sie mich immer um den Finger wickeln konnten, dass ich mit ihnen in die Halle ging, wenn sie frei war.
„Na, es gibt ja Menschen, die keine Arme haben, und die können mit den Füßen schreiben. Hast du noch nie gesehen?“
„Hä?!“, machte er erneut. Wahrscheinlich zurecht. Ich dachte in diesem Moment, dass es angesichts Mehmet neben uns kein sooooo gutes Beispiel war. Aber das passierte mir immer.
Andere Geschichte ...
Egal, dachte ich dann, da musste ich nun durch.
„Die Leute, die mit den Füßen schreiben, sagen ja auch nicht: Mann, bist du behindert, warum kannst du nicht mit den Füßen schreiben?!“
„Hä?!“, kam es erneut von Ali, dann aber auch ein: „Aber warum sollte ich mit den Füßen schreiben, wenn ich doch mit den Händen schreiben kann? Verstehe ich nicht.“
„Sage ich ja“, erwiderte ich, wusste aber sofort, dass dies nicht wirklich logisch war.

„Auf jeden Fall“, sagte ich, „wird kein Mathelehrer dir sagen, dass du behindert bist, weil du sein Fach nicht schnallst.“
„Aber er sagt, dass ich dumm bin. Ist auch nicht besser!“, sagte er folgerichtig.

Oh Mann! Was ich damit sagen möchte: Hä? Wie erklärt man das richtig? Und überhaupt? Man macht doch immer alles falsch bei dieser Thematik, oder?

Zum Beispiel sind mir nur dumme Beispiele eingefallen, als ich mich jemand bat, einen Text über ´Inklusion´ zu schreiben. Um die Ecke habe ich die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Die hat da ein Haus.
Das erste Beispiel, das ich nehmen wollte, war eine ältere Dame, die mich in der U 5 fragte, ob ich ihr beim Aussteigen an der Musterschule behilflich sein könnte. Nun beging ich einen schweren Fehler. Überengagiert sagte ich: ja. Denn ich müsste da auch raus. Wirklich ein schwerer Fehler. Der Spaziergang – eigentlich eine Fußstrecke von drei Minuten, langsamen Schrittes – dauerte bestimmt fünfzehn Minuten, gefühlte Stunden. Einmal meiner Aufmerksamkeit gewiss erzählte sie mir ihr ganzes Leben nach, das mich nicht sehr interessierte.
Ihr seht: doofes Beispiel. Wirft auf mich ein wirklich schlechtes Licht – und dann auch noch gelästert über eine arme, alte Frau, die wahrscheinlich zu wenig Möglichkeiten hat, sich mitzuteilen. Glaube ich übrigens nicht. Das macht sie mit jedem, der sie begleitet, habe ich oft beobachtet. Ich verstecke mich jetzt immer ganz schnell, wenn ich sie irgendwo sehe, ich schlechter Mensch.

Das zweite Beispiel ist auch nicht besser. Ein weiterer Sehbehinderter. Früher hatte ich eine Videothek in der Straße. Eines Tages parkte ein Fahrer sein Auto geschwind vor dieser Videothek. Nur ganz schnell eine DVD abgeben. Nur ganz schnell seinen BMW davor. Typisch, ne. Da musste aber gerade dieser besagte Kollege entlang laufen. Und dieses Auto stand im Weg, genauer gesagt: es stand da, wo es nicht stehen durfte. Die Strafe folgte auf dem Fuße: Der Sehbehinderte nahm seinen Blindenstock und haute mehrmals absichtlich auf das Auto. Ich verfolgte diese Szene und bekam einen Lachanfall.
Ich weiß, damit habe ich mich auch ins Aus geschossen, und den armen Sehbehinderten mit dazu.

Denn jetzt habe ich gleich mal zwei Beispiele ausgesucht, in denen ich behinderte, äh, gehandicapte, äh, Menschen die anders sind als ich, äh, das sind eigentlich ja alle, äh, also, DIESE Leute, äh, nein, ich meine, ach Gott, das ist jetzt voll schwul, oder?! Also ich meine, äh, nee, behindert, ach nein, das ist, ja auf jeden Fall bin ich ein schlechter Mensch – jawohl und eigentlich bin ICH doch der Behinderte oder Gehandicapte, weil ich nicht normal über dieses Thema sprechen kann. Oder?!

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