Dienstag, 18. September 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 8

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/09/
fortsetzungsroman-moody-blue-7.html Spaziergänge spielen eine große Rolle in meinem Leben, man konnte fast schon meinen, ich zöge einen Spaziergang einem Konzert- oder Kinobesuch oder einer Kneipentour vor, ich kann mich so vieler Pro-menaden entsinnen, in denen wichtige Dinge für mich passierten, nehmen wir die Spaziergänge mit Levent und die mit Sally, meiner amerikanischen Freundin, und mit Dominik, der gar nicht gerne zu Fuß ging, aber bei den beiden Anlässen, da ich ihn überreden konnte, führten wir unsere sinnvollsten, fruchtbarsten Gespräche; und sogar mit meinem Freund, mit dem ich ständig tiefgründig redete, hatte ich ganz besondere Unterhaltungen, wenn wir gelegentlich spazieren gingen. Doch auf diesem meinem letzten Spaziergang redeten wir nicht mehr viel, jeder war seinen eigenen Vorstellungen überlassen, die an-deren drei lächelten scheinbar zufrieden und seelenruhig, zumindest bis ich mich verabschiedete, denn ich wohnte dem Rheindamm am nächsten. Ich gab ihnen allen Küsschen auf die Wangen, als erstem Levent, der sagte, dass er mich nach dem Aufstehen anriefe, dann Stefanie und als letztem Tobias, den ich zum Kaffeetrinken am nächsten Tag einlud. Wo? Wann? fragte er. Esperanza, um vier, okay? Okay! Ich lief zu meiner Haustür, schloss sie auf, trat durch den Gang in mein Zimmer, stellte die Stereoanlage an und legte meine Bratsch-CD in den CD-Player ein. Sie hatten „Anewa sto trapezi mu“ neu arrangiert. Eine schöne Version. Ich zog mich bis auf die Shorts aus, legte mich ins Bett, drückte auf der Fernbedienung die Repeat-Taste und dachte über den Abend nach. Die Geige schwoll schräg an, die Klarinette schrillte lauter, der Sänger mit seiner matten Stimme gab ihnen den Takt an, diese Töne brachten mich um, man kann nicht sagen, ob sie traurig oder lustig sind, sie sind beides gleichzeitig. Als ich mir im Media-Markt die CD anhörte, musste ich bei diesem Lied fast weinen, eine einzelne Träne lief mir über die Wange. War es mein blutendes griechisches Herz, meine verborgenen Sehnsüchte? In diesem Moment machte mich die Musik lachen und glücklich, sie verlieh mir eine Erhabenheit, ein Gefühl, dass es das Schicksal gut mit mir meint, so dass ich entspannt einschlief, bevor ich die Aufgabe, den Abend und die Nacht zu analysieren, umsetzen konnte. Warum sollte man sich auch unnötige Gedanken über einen wunderbaren Abend machen? Freu dich daran, Apostoli. Sei glücklich. Wisse, dass dich das Schicksal oder sonst irgendetwas begünstigt... 

Zwei

Γι′ αλλα
Δεν σ′ αγαπω εδω και καιρο
αλλη αγαπη εχω στο μυαλο
δε σ′ αγαπω κι ειναι σκληρο
μα πρεπει την αληθεια να σου πω
συγνωμη σου ζητω
δεν το θελα ουτ′ εγω
μα πεs μου τι να κανω, 
σε ρωτω να πεθανω;.

Jalla
Ich liebe dich seit langem nicht mehr,
ich habe eine andere Liebe in meinem Kopf;
ich liebe dich nicht und das ist hart,
aber ich muss dir die Wahrheit sagen,
ich bitte dich um Entschuldigung,
nicht einmal ich wollte das.
aber sag mir, was ich tun soll,
ich frage dich: soll ich sterben?

Mich weckte ein Klingeln. Ich wollte nicht aufstehen, wollte liegenbleiben, es klingelte ein weiteres Mal. Mein was-nichts-Kind Julian hörte einmal bei einer Unterhaltung, die ich mit meiner Kollegin Erika führte, zu, sie sagte: dann klingelte die Tür. Julian begann zu lachen und wies sie daraufhin, dass die Tür nicht klingelt. Wie heißt es dann? fragte sie verwirrt, aber er rannte desinteressiert davon. Es gibt einige Stolpersteine in der deutschen Sprache, vor allem einzelne Redewendungen, die Konjunktionen und Präpositionen, die einen ständig zum Straucheln bringen. Mein diesbezügliches Unvermögen ist einer der Gründe, warum ich nicht gut schreiben kann, da ist zum Beispiel noch die Unfähigkeit, eine kluge, komplizierte Sprache zu benutzen, die von Fremdwörtern und meiner Meinung nach Worthülsen gespickt ist. Oh, gibt es intellektuelle Schriftsteller, die man nicht versteht und deswegen denkt, man sei dumm. Oder Autoren, die wunderschöne neue Bilder erfinden, eine symbolhafte Sprache verwenden, auf die man auf den ersten Blick neidisch wird, aber auf den zweiten ein ekliges Würgen folgt. Ach, Herr, gib mir mehr Synonyme, eine bessere Syntax, die Geduld, alle meine Ergüsse so oft zu durchpflügen, bis sie perfekt sind, lasse mich vor allem die blöden Füllwörter vergessen! Wie konnte man mich so früh wecken wollen? Ich drehte mich auf die andere Seite. Erneutes Klingeln und ich schmiss die Decke von meinem Körper, lief in Shorts die Treppe hinunter an die Tür, öffnete sie unwillig und mit fast noch geschlossenen, versandeten Augen erblickte ich Levent, allerdings erkannte ich ihn eher an der Stimme, ich sah ihn nur undeutlich vor mir. Der überraschte mich zunehmend. Er schlief normalerweise sehr viel länger und mehr als ich, verbrachte oft den ganzen Tag träge vor dem Fernseher und ließ sich manchmal, wenn er sich davon losreißen konnte – das eher selten –, gegen Abend bei mir blicken. Was war mit ihm los? Ich fragte ihn: was ist los? 
Und ließ ihn hereinkommen; in meinem Zimmer angekommen, legte er sich auf mein Bett. Ich blieb mitten im Zimmer stehen, auf meinem griechischen, knall-orangenen Fusselteppich, dessen warme Farbe so gut zu meiner blauen Wand passte, die von selbstgemalten Bildern behangen war, die ich in kreativ-ekstatischen Nächten produzierte und die in Orange- oder in Blautönen gehalten sind. 

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