Mittwoch, 26. März 2014

Fallen - Eine Irritation im öffentlichen Raum


Von Mitte August 1944 bis 24. März 1945 bestand mitten in Frankfurt ein Konzentrationslager in den Adlerwerken. Es wurden unter anderem Fahrgestelle für Panzerwagen und Fahrräder hergestellt. Dieses KZ wurde "Katzbach" genannt.
Am 24. März 2014 wurde die öffentliche Irritation "Fallen" von der Künstlerin Margarete Rabow (atelierfrankfurt) durchgeführt. 528 Menschen, die Anzahl der hier begrabenen Opfer, fallen rund um die Hauptwache um und bleiben liegen. Eine Zahl ist ein abstrakter Begriff und es braucht deutliche Mittel um die Zahl 528 sinnlich wahrnehmbar zu machen. Helfer zeichnen mit weißer Schulkreide den Körperumriss auf die Straße und schreiben den Namen eines der hier begrabenen Häftling dazu, denn hinter jedem Namen steht ein Mensch, eine Geschichte, eine zerstörte Biografie und Familie.

Wir trafen uns alle an der Katharinenkirche an der Hauptwache. Es waren zwar keine 528 Menschen, die kamen, aber natürlich ist es schwierig, an einem Werktag am Nachmittag so viele Leute zusammenzutrommeln - zumal in diesem geschäftigen Frankfurt. Zeit ist Geld. Aber die Kirche ist voll. Und schließlich kann man auch einen zweiten oder dritten Namen nehmen und an des Opfers Statt nochmals sterben.
Es war ein sehr intensives Gefühl, das mich plötzlich beschlich - vorher hatte ich keine Minute darüber nachgedacht, wie ich mich bei dieser Performance fühlen würde. Vielleicht dachte ich, dass es so ist, wie man in einem Theaterstück stirbt, völlig bedeutungslos, einfach nur Show. Aber das hier war keine Show. Das hier fühlte sich merkwürdig echt an, mit einem Bauchgrummeln, mit einem Stich im Herzen. Mit einem "Oh, ich sterbe jetzt noch einmal den Tod eines anderen Menschen", nein, sogar drei Tode "durchlebe" ich hintereinander. Was ein krasser Scheiß! Du liegst auf dem Boden, ohnmächtig, hilflos. Die Menschen laufen meist uninteressiert an dir vorbei. Schauen weg! Krass! Oder schauen hin, kümmern sich aber nicht darum. Unwillkürlich musste ich an Jesus denken. Jesus ist für uns, für unsere Sorgen gestorben. Ich bin nicht Jesus. Trotzdem hatte ich plötzlich diese Gedanken im Kopf, so als gar nicht gläubiger Mensch. Woran glaube ich, fragte ich mich. In der Theodizee fragt man, wie konnte Gott das alles zulassen, z.B. die Konzentrationslager. Wieso mussten diese vielen Menschen sterben? Und ich liege da und mache diese Selbsterfahrung und denke: Boah, das ist wirklich intensiv, das ist wirklich viel - geht es den Anderen auch so wie mir?

Von den Körperumrissen werden Fotos gemacht. Während die Kreide verblasst, von Passanten zertreten, oder vom Regen fortgespült wird, so als hätte es die Umrisse und Namen nie gegeben, bleiben die Aufnahmen erhalten und werden auf der Website veröffentlicht.
Auch wenn die Performance einen flashmob Charakter hat, ist sie weit davon entfernt. Die beteiligten Bürgerinnen und Bürger werden nicht anonym über soziale Netzwerke zusammengerufen, sondern in gezielten Gesprächen mit Schülern, Lehrern, Studenten, Kirchen und Vereinen angesprochen. Die Orte und der Zeitpunkt des „Fallens“ sind genau festgelegt und werden zuvor besprochen. Die Performer kommen mit Passanten ins Gespräch, stellen die Zusammenhänge mit dem KZ Katzbach her, verschenken Fotografien in Form von Sonderpostkarten.

Nach der "Aktion" gab es nicht nur Butterbrote und Wasser in der Katharinenkirche, sondern auch Gespräche darüber, wie man sich beim "Fallen" fühlte, und einen Gottesdienst zu dieser Thematik.
Sehr bewegend war das alles!!!
Mehr dazu: http://www.rabow-kz-katzbach.de/ 


















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