Freitag, 6. Dezember 2013

schmerzwach schreibt: Einfach so


Ich wünschte mir, dass meine Seele genauso unberührt sei wie die Felder hinter dem Bauernhof meiner Schwester. Sie erstrahlen im glitzernden Weiß des Schnees, durch den ich minutenlang gestapft bin. Dann lasse ich mich fallen. Ich stelle einen Schneeengel dar. Blicke in den klaren blauen Himmel. Ach, wie lange hatte ich das nicht mehr gemacht. Den Schneeengel. Das letzte Mal mit ihm. Ich erinnere mich daran. Ich weine. Wie ein kleines hilfloses Kind, das verlassen wurde. Ich habe das alles satt. Ständig drehen sich meine Gedanken nur um die Vergangenheit. Ich halte es nicht mehr aus. 

Meine Schwester Hilde liegt mir seit Tagen in den Ohren, endlich in die Stadt zu gehen, mich nicht mehr so einzuigeln. Du musst Leute kennenlernen, sagt sie, ausgehen, shoppen, alte Freunde treffen, einfach leben. Doch ich lasse mich in diese Trauer fallen. Das macht doch alles keinen Sinn, denke ich. Ich habe mir eine stattliche Videothek mit alten Liebesschmonzetten angeschafft und schaue jeden Tag mindestens zwei Filme an. Bücher lese ich zurzeit keine, ich kann mich sowieso nicht darauf konzentrieren. Lieber schreibe ich selbst: Gedichte, in denen ich Schmerz auf Herz reime, und bedeutungsschwangere Euphemismen meines ewig gleichen Gefühls aneinanderreihe. Sonst mache ich nichts. Ich lasse mich bekochen, werfe gelegentlich ein Auge auf meine Neffen, die sich aber nicht für mich interessieren, sondern lieber ihre Zeit vor der Playstation verbringen. 

Du bist erst 46, sagt Hilde, du kannst doch noch so viele Männer kennenlernen, so viele wundervolle Dinge erleben. Jeden Tag steht diese auf, wenn die Hähne krähen und arbeitet bis sie sich abends müde ins Bett legt. Keine Depression befällt sie, höchstens ihr Mann, mit dem sie schon seit fünfzehn Jahren verheiratet ist, und der sie noch genauso zu lieben scheint wie am ersten Tag ihrer Ehe. Dein Leben ist so, wie du es dir wünschst, sage ich, ich jedoch habe einen Scherbenhaufen vor mir. Sei nicht so theatralisch, Marianne, ruft sie täglich mindestens ein Mal aus, aber ich lasse mich nicht beirren. Nichts in meinem Leben ist so, wie ich es mir einst gewünscht hatte. Ich werde mich die nächsten Wochen einbuddeln, meine Wunden lecken, mich selbst bemitleiden. Ja, das werde ich machen. Ich habe keine Kraft mehr.

Es ist der erste Tag, an dem das Thermometer über die zehn Grad-Grenze steigt, die Sonne scheint und die Leute lächeln vor sich hin. Auch ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gute Laune hatte. Ich bummele durch die Einkaufsstraße der großen Stadt und schaue mir die Schaufenster an. Ich sehe in einen Laden hinein, der trendige Mode für junge Menschen verkauft. Ein Mädchen in bunten Klamotten steht da, tanzt zu einer unhörbaren Musik. Ich starre es an. Als es sich beobachtet fühlt, hört es plötzlich auf, dreht sich um und bemerkt mich. Es winkt fröhlich. Danach dreht es sich um und tanzt weiter.
Bei Hilde im Bauernhof angekommen, spüre ich, dass ich nicht mehr hier bleiben kann. Die Tage vergehen, nichts passiert. Die Filme beginnen mich anzuöden. Alles ödet mich an. Die Landschaft, die Erinnerungen. Ich muss raus. Ich muss neu beginnen. Alles hinter mich lassen.

...

Ich wohne mittlerweile in der Stadt, suche mir einen Job und versuche ein neues Leben zu beginnen. Doch es will mir nicht viel gelingen. Ich bin zu alt. Wer möchte eine Frau einstellen, die seit zwanzig Jahren nicht gearbeitet hat? Die von ihrem Mann verlassen wurde, deren Kinder aus dem Haus sind, die so lange Zeit nur Hausfrau und Mutter war. Die vor fünfundzwanzig Jahren ihre Ausbildung beendet und sich seitdem nie wieder weitergebildet hat. Nicht dass ich arbeiten zu gehen brauche, ich kriege reichlich Unterhaltszahlungen von meinem Mann. Der mich kläglich verlassen hat. Immerhin: Geld habe ich. Wenn ich auch sonst nichts habe. Mir bleibt noch, durch die Einkaufsmeilen zu flanieren, es auszugeben.

Doch nach einigen Tagen möchte ich nicht mehr alleine durch die Stadt bummeln. Wie soll ich aber Leute kennenlernen? In einen Verein gehen? Das fehlte noch. Das habe ich mein ganzes Leben nicht in Betracht gezogen. Irgendwelche Menschen auf der Straße oder in Cafés anreden? Das kann ich nicht. Aber etwas Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, denke ich. Und probiere das erste Mal in meinem Leben dieses amerikanische Unternehmen mit den merkwürdigen, teuren Kaffeegetränken aus. Ich setze mich auf einen der wenigen freien Plätze und beobachte die anderen. Dabei falle ich wieder in diesen alten Teufelskreis, den ich seit Monaten durchllaufe: Wieso nur? Wieso nur mir? Wieso nur jetzt?

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ein junges Mädchen, das ich als das Dancing Girl erkenne, fragt mich, ob der Platz neben mir frei sei. Natürlich, erwidere ich, und lächele das Mädchen an. Wie heißt du? frage ich. 
„Ich heiße Julia Weiß.“ 
Das Mädchen überlegt: 
„Moment Mal, ich kenne Sie.“ 
„Ja, ich habe dich gestern beim Tanzen bewundert.“ 
„Stimmt. War ganz schön abgefahren, da zu tanzen.“ 
Sie lacht. Das steckt mich an und ich werde lockerer. Wir kommen miteinander  ins Gespräch. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, plötzlich weint das Mädchen. 
„Was ist denn los? Wieso weinst du?“ frage ich sie sofort.
„Dieser Idiot, ich verstehe ihn einfach nicht. Das ist wie Katz und Maus. Mal sagt er seinen Freunden, dass er mich treffen möchte, mal sagt er, dass er nichts von mir will. Was soll das denn alles? Ich lasse durch meine Freundinnen durchblicken, dass ich Interesse habe. Die sind teilweise mit seinen Freunden unterwegs, wissen Sie. Aber von ihm kommt nichts. Am Wochenende ist eine große Party und ich würde gerne mit ihm da hingehen. Doch wer fragt mich nicht?“

Ich fühle mich zunächst unwohl. Ich kenne das Mädchen doch nicht. Und ich habe noch nie ein solches Gespräch geführt, ich habe nur Söhne und Neffen; in meiner Familie gibt es einen Mangel an weiblichem Nachwuchs. Was soll ich dem Mädchen raten? Möchte die das überhaupt? Oder möchte sie einfach nur den Frust von der Leber reden. Ich frage nach. Was ist das für ein Junge? Wie heißt er? Sind sie in der gleichen Klasse? Solche Dinge eben, die irgendwie naheliegen. 

Als Julia erzählt, dass der Junge aus dem Irak stamme und Wail heiße, fallen mir ganz viele Dinge ein, die ich ihr zu bedenken geben kann. Ob er Ärger mit seinen Eltern bekommen könne, wenn seine Freundin aus einem anderen Kulturkreis komme. Ob er schon eine Freundin gehabt habe? Vielleicht, so kommt mir in den Sinn, wäre Julia ja das erste Mädchen für ihn. Wir führen ein Mutter-Tochter-Gespräch und das tut mir gut. Ich fühle mich gebraucht. Das erste Mal seit vielen Monaten. Das junge Mädchen bedankt sich am Ende mit einer Umarmung und läuft aus dem Laden, ohne eine Nummer zu hinterlassen oder einen Treffpunkt mit mir zu vereinbaren. Ich bin deswegen ein wenig enttäuscht.

In den nächsten Tagen steuere ich immer wieder dieses Café an, doch Julia ist nicht zu sehen. Ich laufe auch an dem Kleider-Laden vorbei. Doch nichts. Eines Nachmittags jedoch ruft dieses junge Mädchen mir hinterher: 
„Marianne, bleiben Sie bitte stehen.“ 

Julia kam gerade aus einem Schuh-Geschäft heraus. Sie schlägt vor, in ein Bistro zu gehen, weil sie Hunger habe. Wir reden wieder über diesen Jungen. Das Teenie schwärmt von ihm. Er habe sie mittlerweile gefragt, ob sie mit ihm auf die Party wolle. Sie schwebt im siebten Himmel. Und sie habe alles mir zu verdanken, die ihr so gute Ratschläge gegeben habe. Wir essen beide ein Clubsandwich und ich habe das Gefühl, niemals so etwas Leckeres gegessen zu haben. Wir verabreden uns für den nächsten Nachmittag zum Schwimmen.

Ich treibe wie ein toter Mann im Wasser. Ich könnte stundenlang so schweben, doch Julia quiekt immer neben mir: 
„Rutschen, Mary Ann, rutschen, lass uns rutschen.“ 
Und so renne ich ihr hinterher und probiere die „Todesrutsche“. Lachend brause ich sie hinunter und frage mich, wann ich das letzte Mal so viel Spaß gehabt hatte. Ich fühle mich so jung, so gut, so befreit. Der Winter und die Tränen sind vergessen. Ich genieße diese Stunden. Ich freue mich, am Leben zu sein. 

Die Treffen mit Julia werden regelmäßiger. Wir gehen jede Woche ins Kino und finden bemerkenswerterweise immer einen gemeinsamen Favoriten. Wir treffen uns zum Kaffee und machen gelegentlich gemeinsam Ausflüge. Ich blühe auf, fühle einen Lebenssinn in mir. Ich werde lockerer, selbstbewusster, und plötzlich weiß ich auch, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich will endlich studieren. Das, was ich früher nicht studieren durfte: Philosophie. Mein Vater hatte es verboten: Ich sollte eine vernünftige Ausbildung machen und danach heiraten. Das hatte ich nun davon. Ich möchte mich auf Praktische Philosophie spezialisieren. Das hatte mich immer schon interessiert. Julia hingegen hat den ersten Liebeskummer. Der unerfahrene Wail zeigt ihr nach der Party wieder die kalte Schulter. Es ist ein ständiges Hin und Her. Niemand weiß, was der Grund ist. Sie fragt mich nach Rat, aber ich weiß genauso wenig wie die Freundinnen aus der Schule, was der Grund für sein Verhalten sein könnte. 

Eines Tages fragt Julia mit ernsten Gesicht: 
„Sag mal, möchtest du morgen Abend mal zu mir nach Hause kommen? Du warst noch nie da.“ 
„Gerne!“ antworte ich rasch, doch im nächsten Moment fällt mir auf, dass wir dem Thema Eltern stets ausgewichen waren. Julia erzählt viel über Wail und viel über die Schule, aber nie über ihr Zuhause. Ist doch merkwürdig, wenn ein junges Mädchen eine Frau nach Hause einlädt, die so viel älter ist. Ich habe ein banges Gefühl. Was werden denn Julias Vater und vor allem Mutter von mir denken?

Tagsüber mache ich einen Spaziergang in einem großen Park. Die Krokusse, Schneeglöckchen und Winterlinge blühen. Die Leute haben ihre Winterjacken und Depressionen zuhause gelassen. Kinder spielen Fußball oder Frisbee mit ihren Eltern. Es war eine gute Entscheidung, in die Stadt zu ziehen, denke ich. Noch immer kommen Gedanken an meinen Mann auf, aber sie sind nun mit Zorn verbunden. Die Trauer ist weggeblasen. Keine Fragen mehr nach dem Wieso. Dafür Verwünschungen und Rachegefühle. Mit dem bin ich fertig. Sich einfach eine andere zu suchen und mich zu verlassen. Das alte Lied. Es ist mir peinlich. Wie konnte er mir so eine Demütigung verpassen? Das passiert mir?! Und warum? Weil ich so eine Idiotin bin. Aber das ist alles vorbei. Es wird sich alles ändern.

„Sie sind also Marianne. Julia hat mir viel von ihnen erzählt. Wissen Sie, seitdem meine Frau vor zwei Jahren verstorben ist, hatte meine Tochter keine weibliche Bezugsperson, die für sie da sein konnte. Die Tanten sind alle in Kasachstan. Und die Frauen meiner Freunde scheinen ihr nicht sympathisch zu sein.“
Trotz dieser netten Worte fühle ich mich zunächst etwas unwohl und unsicher. Doch Arthur, der Vater, steckt mich mit seiner Unbefangenheit an. Er trinkt mit mir Rotwein und ich bekomme daraufhin nicht nur rote Wangen, sondern beginne auch offener zu werden. Ich erzähle Späße aus meiner Jugend und Arthur lacht aus vollem Halse. Das Mädchen freut sich darüber, dass wir uns so gut verstehen. Fast wie Freunde. 

In der nächsten Woche erzählt Julia von ihren neuen Problemen mit Wail, der scheinbar zwischen zwei Mädchen stehe, wie ihr nun erzählt wurde. Und das andere Mädchen intrigiere ständig gegen sie, behaupte Dinge, die überhaupt nicht wahr seien. Julia solle eine Schlampe sein und einigen Jungen aus ihrer Klasse schon einen geblasen haben. Was soll ich nur tun? fragt sie mich. Ich rate ihr das Problem offensiv anzugehen und gemeinsam planen wir eine Strategie, wie sie diesem Mädchen beikommen kann.

Mein neues Leben ist fremdartig, so ganz anders als die Jahre davor, und gar die letzten Monate, bevor ich in der Stadt wohnte. Alles habe ich aufgegeben. Das Haus haben wir mittlerweile gemeinsam verkauft, ebenso mein Auto, das ich seit Jahren gefahren habe. Ich laufe nun oder benutze die öffentlichen Verkehrsmittel. Alles habe ich verändert. Ich gehe seit dieser Woche in die Uni. Es ist das Sommersemester. Ich finde es einerseits aufregend, mit 46 endlich zu studieren, aber andererseits könnte ich die Mutter meiner Kommilitonen sein, und es passiert häufiger, dass ich unangenehme Kommentare zu hören bekommte. Doch das ist mir meistens egal. Mein Leben verläuft in geregelten Bahnen. Ich habe mich wieder zurück. Ich lebe. Letzte Woche traf ich Arthur zum Abendessen, als Freunde. Und an diesem Wochenende wollen wir einen Ausflug mit Julia machen. 

Ich verkaufe meine DVDs mit den Liebesschmonzetten. Der nette Mann aus dem Second-Hand-Laden glaubt daran, sie loszuwerden. Dafür kaufe ich mir in Antiquariaten Bücher. Das ist meine neue Leidenschaft, die ich über das Studium entdeckt habe. Vor allem psychologische und philosophische Werke interessieren mich. Den Fernseher lasse ich selten laufen, die Bücher üben eine viel größere Magie auf mich aus. Jahrelang hatte ich mir keine Fragen mehr gestellt. Jetzt taucht meine Neugierde von früher wieder auf.

Es ist der schönste April seit langer Zeit. Die Sonne scheint, die Temperatur schwankt zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Grad. Die Pflanzen blühen und sprießen vor sich hin. Die Menschen sitzen draußen in den Cafés, trinken gutgelaunt ihre Kaltgetränke. Sogar die Eisdielen sind voll. Arthur, Julia und ich liegen im Park. Auf unseren Decken ausgebreitet sehen wir aus wie ein liegender Hampelmann, oder ein Schneeengel ohne Schnee. Wir schauen in den Himmel, verfolgen die Wolken, die wie kleine Schafe aussehen. 
„Das Leben kann so schön sein“, sagt Arthur. 
„Ja, wenn man dem Leben eine Chance gibt“, erwidere ich. 
„Wie meinst du das?“ möchte er wissen. 
Ich lächele vor mich hin, und flüstere: 
„Einfach so.“

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