Mittwoch, 13. November 2013

D'rum grüß ich dich mein Badnerland, du edle Perl' im deutschen Land, deutschen Land

Karlsruhe, Schlossgarten
Er schaute uns mit seinen listigen, alten Augen an, runzelte leicht die Stirn, seine Lachfältchen zogen tiefe Risse in sein Gesicht – das war die typische Fratze des Herrn Sch., wenn er im nächsten Augenblick eine gemeine Tirade loslassen wollte. Nur war gerade nicht ganz ersichtlich, wen es treffen sollte, wir waren uns alle keiner Schuld bewusst. Als letzte hatte Andrea gesprochen, Einser-Schülerin, hübsch, immer sehr höflich – 
und Dialekt-Sprecherin. Dialekt-Alaaaaaaaarm!
„Liebe Andrea, weißt du, wer im Krieg zuerst stirbt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Na, die Badener! Die stehen aus den Schützengräben auf, um ´Aaachsoooo´ zu sagen und schon werden sie abgeknallt.“ Und zu uns anderen gerichtet: „Ich wünschte, ihr würdet häufiger an Orte gehen, in denen man Hochdeutsch redet, also jetzt nicht Karlsruhe, eher ein bisschen weiter im Norden ...“
Damals war ich noch recht jung, die Kampagne „Wir können alles außer Hochdeutsch“ noch nicht geboren, „badisch schwätze“ galt auf unserem Gymnasium, vor allem aus Pädagogen-Sicht, als „dumm“ und „provinziell“. Und bei mir selbst kam dazu, dass ich als Kind von griechischen Gastarbeitern, deren Bezugsgruppe andere Migranten waren, die ebenso wenig wie sie Dialekt sprechen konnten, das Badische nicht in die Wiege gelegt bekommen hatte. Meine ehemalige Schwägerin hatte, das allerdings erst viel später, den Dialekt in unsere Familie gebracht. Nicht ohne Missverständnisse zu generieren: Eines Tages fragte sie meine Mutter, ob sie Zeit zum Babysitten hätte, meine Mutter verneinte, woraufhin die Schwägerin lachend wissen wollte: „Gehsch bäse?“ Die Frage zielte darauf herauszufinden, wieso meine Mutter verhindert sei, ob sie ausgehe. Doch meine Mutter verstand es aus Unkenntnis dieser Sprache falsch, gab giftig zurück: „Ich bin nicht böse! Ich passe so oft auf das Kind auf, ohne Dank. Und dann werde ich noch angemeckert, wenn ich einmal keine Zeit habe ...“ Naja, eigentlich sagte sie: „angemöckert“ und nicht angemeckert, aber das ist ein anderes Thema ...
Ich sage nur: Blumen zur Entschuldigung. Meine Mutter ist sowieso leicht zu überfordern. Sie versteht bis heute nicht, welche Uhrzeit „viertel Neun“ sein soll. Für sie ist das 8.45 Uhr und nicht 8.15 Uhr. 
So erzogen hatte ich nicht die besten Voraussetzungen, wenn ich auf die Leute aus den umliegenden Dörfern traf. Ich war manchmal genauso heillos überfordert wie die Mutti. Ich feierte in einem Jahr Silvester in Auenheim, oder wie die Leute dort sagten: Auene. Wir drehten nach dem Sekt trinken und Böller schmeißen eine Runde durch das Dorf. Die Leute redeten mit mir, ich verstand kein Wort, vermutete natürlich Neujahrsgrüße und murmelte immer „Ja, Danke, Ihnen auch“ – nur, manchmal schauten sie ganz komisch. Und später lachten mich meine Freunde aus und sagten, dass ich wohl neben der Spur gewesen sei. Aber ... Sie zogen mich regelmäßig auf. Eines Tages verwendete jemand das Wort „Lelles“, das mir gänzlich unbekannt war. Es gab einen Fußballer mit dem Namen Frank Lelle, doch mit dem konnte das ja nichts zu tun haben. Lelles also. Hm. Ich fragte jeden, niemand wollte mir den Begriff erklären. Meine Vermutung war: ein Tritt in den Hintern. Also sagte ich zu Patrick: „Nehmen wir z.B. an, ich gehe zu einem Jungen, der mich geärgert hat, und mache das dann bei ihm.“ Er kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen, erzählte es jedem weiter, und die folgenden Kommentare waren: „Und gibt es auch Versöhnungssex?“. Was mich übrigens noch mehr verwirrte. „Bist du schwul?“, wurde ich den ganzen Tag gefragt, bis mir nachmittags, auf dem Nachhauseweg, erklärt wurde, dass „Lelles“ ein Zungenkuss sei. 
Übrigens ist seitdem mein Lieblingssatz: „Ich mecht ä Lelles von da ufm Hauwauwe!“ Oder so ähnlich. Ich möchte einen Zungenkuss von dir auf dem Heuwagen. Das sollte es heißen. 
Aber nein, das hört sich wahrscheinlich an, als würde ich den badischen Dialekt hassen. Stimmt so nicht. Denn der Turning Point fand irgendwo ganz weit weg entfernt statt, in Kroatien. Ja, wirklich wahr. Ich verstand vielleicht drei vier Worte beim Tischgespräch. Ich war bei der Familie meiner besten Freundin zuhause eingeladen. Die konnten alle nur Kroatisch reden. Mir wurde Hühnchen gereicht, war okay, und dann weitere Kartoffeln, nicht so okay. Und dann sagte die Tante: „Blablabla ... Krumpiritschi blablabla ...“ Ich sagte: „Ne, hvala. Nema krumpiritschi.“ Und alles brach in Gelächter aus. War halt das einzige Wort, das ich beim Essen erkannte. Grumbiere eben. Ich musste ebenso lachen. 
Sprache ist etwas Schönes. Worte sind doch etwas Schönes. Plötzlich entdeckte ich immer mehr Worte im Badischen, die entweder total goldig waren: Dambedei – ich meine, gibt es ein schöneres Wort für das Martinsmännchen aus Hefeteig? Ich glaube nicht. Oder Weckle. Das habe ich am Anfang meiner Zeit in Frankfurt beides noch gesagt, als ich morgens verschlafen zum Bäcker ging. Die Leute freuten sich. Ja, erst letzte Woche erntete ich einen Lachanfall, als ich nach einem „Huschdegutsel“ gefragt habe. Und „Schleggel“ für Marmelade ist ja so etwas von bildlich, mehr geht ja gar nicht, oder?
Natürlich kann man es immer übertreiben: einen Cousin „Kusäng“ nennen? Hm, nein, das sollte nicht sein. Doch Babbedeggl anstatt Pappe, Schdrubfer für Wischmop oder Bixemilch für Dosenmilch, Blaschdiggugg anstatt Plastiktüte, Schlabbe für Schuhe oder Bollemiz für Pudelmütze: einfach goldisch. Oder? 
Mittlerweile bin ich seit mehr als acht Jahren in Frankfurt und immer, wenn ich diesen badischen Singsang höre, werde ich ganz melancholisch. Und gerade, weil ich so selten mit Dialekt sprechenden Menschen zusammen bin, ist Dialekt nun etwas Besonderes für mich. Ich kann keinen einzigen Dialekt wirklich nachsprechen, okay, aber deswegen darf ich ihn trotzdem schätzen.
Übrigens war Herr Sch. wirklich ein missgünstiger Mensch und alles andere als ein Pädagoge: Eines Tages stürzte er über einen Schulranzen einer Fünftklässlerin, der sich unten an der Treppe befand. Da lagen die jeden Tag in der großen Pause. Er versteckte ihren Schulranzen, das Mädchen heulte stundenlang. Am Ende des Schultages gab er ihn ihr zurück und eine Strafarbeit mit dazu ... „Achsooo“, sagte er zur Sprachlosen, davoneilend und böse kichernd  ...

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