Samstag, 5. April 2014

Frankfurt liest ... und diskutiert


"Frankfurt liest ein Buch". Ja, dieses Jahr ist dieses Buch von Eckhard Henscheid, der Titel "Die Vollidioten". Zugegeben: ich hatte weder von diesem Autor noch von diesem Titel gehört. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu lesen. Also freiwillig. Wenn es nicht für diese schöne Aktion ausgewählt worden wäre. Schöne Aktion, ja. Die nämlich in Frankfurt sehr gut angenommen wird. Veranstaltungen, die ausverkauft sind. Viele Veranstaltungen. Und auch bei uns war High Life - wie man auf den Fotos sieht.
"Die Vollidioten" - ein interessantes Buch. Kultroman aus den Siebzigern. 1973, um genau zu sein. Er spielt in meinem Kiez, im Nordend. Im Oeder Weg / Ecke Bornwiesenweg findet da auch gerade eine Outdoor Ausstellung von KuNo statt. 
Die Vollidioten bilden den ersten Teil von Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns, die außerdem die Romane Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – – (1977) und Die Mätresse des Bischofs (1978) enthält. Der Schriftsteller Martin Mosebach schreibt, das Buch sei „ein Schlüsselroman aus dem Milieu der leicht promiskuitiven, alkoholseligen, arbeitsscheuen Wohngemeinschaftswelt" mit einem „eigentümlich verträumte[n] Personal, das in einer für diese Jahre verblüffenden Politikabgewandtheit in einem Limbus absurditätsgetränkter Zeitlosigkeit herumruderte". (Quelle Wikipedia)
Mit mir hat dieses Buch damit zu tun, dass ich ja bei meinem StadtteilHistoriker Projekt eben zu dieser Zeit forsche, und mein "Personal", zu dem ich schreibe, mit dem Personal Henscheids befreundet sein könnte (und es teilweise auch war, also mit den Vorbildern von Henscheids Figuren), meine Herren von "RotZSchwul" allerdings eben politisch engagiert waren - im Gegensatz zu den meisten Herrschaften in "Die Vollidioten".
Wobei das nicht ganz stimmt. "Die Weiber", um im Ton des Buches zu bleiben, die weiblichen Figuren sind zum großen Teil politisch aktiver als die Herren der Schöpfung.
Und damit sind wir auch genau im Thema angekommen, dass die Moderatorin der 12 d, Feli, so schön anmoderiert und angesprochen hat. Ja, die 12 d der Ernst Reuter Schule hat mit Sprich! e.V. diese Veranstaltung gestemmt. Und es war super! Nein, wirklich! Diesmal kann ich das sehr gut schreiben, weil ich kaum beteiligt war bei dieser Veranstaltung. Gemeinsam mit dem Lehrer, Herrn Schlag, und meiner Kollegin Georgette Carbonilla vorbereitet. Aber die Arbeit machte die Klasse. Und nach einer sehr kleinen Moderation meinerseits bestritt die 12 d auch diese sehr rege Diskussion. Die eingeladene 13 b beteiligte sich auch sehr aktiv mit Wortbeiträgen. Als zur Hälfte der Diskussionsrunde das Podium wechselte, war dann sogar einer der Schüler*innen dieser Stufe mit dabei. Sehr spontan. Sehr tapfer. So wie alle Schüler*innen, die sich meldeten und diskutierten. 
Es war spannend, was die Jugendlichen über das Mann und Frau sein sagten. Da ich mich sehr viel mit der queeren Perspektive beschäftige, finde ich es natürlich sehr spannend, wenn junge Menschen (Jahrgänge etwa 1995-1997) in so einer Dichotomie Mann/Frau denken, wenn bestimmte Attribute und Fähigkeiten den Geschlechtern zugeschrieben werden. Und wenn bestimmte Themen gar nicht angeschnitten werden: Transgender / Transidentität / Intersexualität / Genderbending ... nur so als Beispiele. Aber das ist nicht die Lebenswelt dieser Jugendlichen. Andererseits: wenn man sich die aktuellen Debatten betrachtet, die gerade solche Autoren wie Sarrazin und Pirinçci auslösen, und wie viel breite Zustimmung sie mit ihren Hetzsprüchen gegen Frauen, Homosexuelle und Migranten ernten, dann ist es schon viel, wenn Jungs mit "muslimischen Hintergrund" von sich sagen: Für mich sind Männer und Frauen gleich. Oder: Es kommt auf das Individuum an. Oder: Dass sie gegen Homophobie sind. Diese Bücher und Debatten zeigen auch, wie wichtig der Dialog ist, wie wichtig diese Aufarbeitung solcher Themen. Und daher sind solche Veranstaltungen so wichtig. 
Gestern mittag wurden in der Thalia Buchhandlung im Nordwestzentrum viele wichtige Dinge besprochen. Manchmal war es nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam, als z.B. gefragt wurde, welche Mädchen auf der Baustelle arbeiten möchten. Ein Junge zuckte die Schultern und sagte: Als würde es hier einen Jungen geben, der auf die Baustelle möchte. Daraufhin ein Mädchen: Ja, ich schon, aber als Bauingenieurin, und das habe er nicht so sehr mit Baustelle zu tun. Ihre Mutter sei Ingenieurin. Ja, dass es auch auf die Schicht ankommt, und sie eben als angehende Abiturienten und vielleicht auch kommende Studierende zu einer anderen Bildungsschicht gehören - und Rollenbilder von Frau und Mann auch ein bisschen von der Bildungsschicht abhängt ... das wurde nicht angesprochen. Das ist nicht in den Köpfen der Jugendlichen. Aber vielleicht ist das gut so. Oder? Waren wir anders? Wir glauben es ... Doch ist das wirklich so? Waren wir damals sensibilisierter?
Die Schüler*innen, das darf jetzt nicht falsch rüberkommen, sind clevere junge Menschen, die das Argumentieren beherrschen. Sie haben einige kluge Dinge gesagt, einige wichtige Aspekte genannt. Anderes wurde nicht thematisiert, aber was soll man auch in einer knappen Stunde alles besprechen? Eines kann man sagen: Man muss keine Angst vor der Zukunft haben, wenn solche junge Menschen unsere Zukunft sind :-)










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