Mittwoch, 2. April 2014

Sandra Wöhe: Fünf Jahre danach


"Fünf Jahre", sagten sie, "dann bist du über dem Berg." Fünf Jahre - für einen 15jährigen ist das keine kurze Zeit, es ist ein Drittel des bisherigen Lebens. Fünf Jahre lang sollte ich nach meiner Krebserkrankung regelmäßig weiter in die Onko-Ambulanz gehen. Fünf Jahre lang. In denen man immer wieder mit Ängsten konfrontiert ist. Wird bei der nächsten Untersuchung ein Rückfall diagnostiziert? Wieso sind meine Lymphknoten an der Leiste schon wieder angeschwollen? Ein Sicherheits-MRT? Und was ist da Verdächtiges zu sehen, dass der Arzt ein extra langes Gespräch führen möchte? Fünf Jahre lang Alpträume nachts (nicht dass ich danach keine mehr gehabt hätte), in denen ich von Situationen während meiner Zeit in der Freiburger Uni-Kinder-Klinik träumte, schwitzend aufwachte, gewahr wurde, dass ich zuhause schlief - und gesund und munter war. Mir aber den Kopf zermarterte, wieso ich diese Träume hatte - wurde ich wieder krank?
Fünf Jahre nach der Krebserkrankung von Sandra Wöhe, lernte ich diese wunderbare Frau kennen. Ich sollte sie für Radiosub, dem schwullesbischen Magazin bei Radio X, interviewen. Aufgeregt war ich. Es war gerade die Buchmesse, doch wir trafen uns am Bahnhof, führten das Gespräch in einem Hotel gegenüber. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich mochte diese starke Frau sofort. So viel Charme, so eine schöne Aura.
"Fünf Jahre danach" heißt nun ihr neuer Roman - ein Werk, das mich sehr betrifft. Bea aus dem regnerischen Zürich folgt einer Einladung ihrer Freundin Ijana ins sonnige Italien. Sie sind "Krebsschwestern". Erstere hatte fünf Jahre zuvor Brustkrebs, bei der letzteren sind zwei Jahre nach ihrem Schilddrüsenkrebs vergangen. 
Ja, fünf Jahre: Es heißt immer, danach sei alles wie vorher. Den Spruch kenne ich auch. Fünf Jahre überleben, dann sei es sehr unwahrscheinlich, einen Rückfall zu bekommen. Aber heißt das gleichzeitig, dass man "normal" lebt, wie alle anderen? Wird man wieder wie vorher? Darüber soll Bea, die Schriftstellerin, schreiben. Das findet Ijana zumindest. Die Schweizerin soll über die Zeit danach schreiben: Über ihre Rekonvaleszenz, ihr Zurückkehren ins Leben. Die beiden Frauen sitzen in einem Café, schlemmen, trinken, reden - ja, reden wie um ihr Leben. Ijana versucht in einer erhitzten Debatte Bea davon zu überzeugen, DAS Buch zu schreiben, das helfen kann, das vermitteln kann - vor allem zwischen an Krebs Erkrankten und den Anderen. Denn die sind wirklich die Anderen. Niemand kann verstehen, wie man sich fühlt, wenn man eine Krebsschwester ist, ein Krebsbruder, ein Krebser. 
"Und ich will es nun einmal nicht schreiben, dieses blöde, dämliche, verdammte Buch." Das sagt Bea. Immer wieder. In verschiedenen Formulierungen. Mit verschiedenen Argumentationen. Sie weiß: "Es gab genug Gründe, einen Roman über das große Danach zu schreiben."
Texte über das Krank sein zu schreiben, über Zeiten, in denen es einem schlecht ging, als man schwach und manchmal hoffnungslos war, das ist ein hartes Brot. Es bedeutet noch einmal diese ganzen Gefühle zu durchleben, ja, noch einmal genauso zu leiden - beim Schreiben. Will man das? Ist das, was man zu sagen hat, so relevant, so wichtig, dass es raus in die weite Welt muss? 
Dies hier ist eine sehr persönliche Rezension. Denn ich kenne das Gefühl, das die Autorin Sandra Wöhe beschlichen haben muss, als sie sich auf den Weg machte, dieses Buch zu schreiben. Es ist ja nicht nur das Konzipieren und Schreiben des Romans, es ist ja auch das Überarbeiten, die Promotion danach, das Lesen vor Publikum. Das ist alles hart, das ist alles sehr, sehr viel. Emotional belastend. Auch ich habe mich auf den Weg gemacht. 1994 begann ich einen Briefroman über meine eigene Krebserkrankung zu schreiben. 2014, vor der Leipziger Buchmesse, um genau zu sein, beendete ich die Überarbeitung. Letzte Woche hat es mein Lektor weiter an den Verlag geschickt. Es tat weh. Ich musste viel weinen, während ich schrieb. Es ist ein sehr dünnes Buch, sehr viel dünner als das von Sandra Wöhe. Und trotzdem brauchte ich sehr, sehr lange dafür. Konnte jahrelang nicht dran schreiben. 
Umso mutiger, umso schöner ist es, dass Sandra Wöhe all ihren Mut aufbrachte, sich an dieses Buch zu setzen, dranzubleiben. Dafür alleine schon gebührt ihr jeder Respekt.
Ich wollte keine Rezensionen mehr schreiben. Ich wollte auch dieses Buch ursprünglich nicht lesen, denn ich hatte Angst davor. Angst, mitgerissen zu werden, Angst, ständig weinen zu müssen, Angst, in eine Depression zu verfallen.
In der Tat war es so, dass ich die eine oder andere Träne verdrückte. Machen wir uns nichts vor: das ist kein leichtes Thema - für niemanden. Doch das Buch ist auch witzig und leicht geschrieben, an vielen Stellen. Dieses Katz und Maus spielen zwischen Bea und Ijana - das hat schon was. Aber etwas anderes fand ich sehr viel wichtiger: Bei allen Gemeinsamkeiten von Krebsschwestern, wie sie Sandra Wöhe beschreibt, arbeitet sie auch heraus, dass eine Krebserkrankung trotz allem etwas Individuelles ist. Bei jedem/ jeder ist es anders. Überraschend fand ich dabei, dass Bea so ein großes Problem mit dem Vergessen hat. Ein sehr spannender Aspekt, der weder in meiner Krankheits- noch in meiner Rekonvaleszenz-Phase eine Rolle spielte. Das Erschöpft sein ist dafür etwas Gemeinsames, etwas, das jede/ jeder hat. Das ging auch mir so. 12 Stunden Schlaf. Dinge so langsam zu machen, dass man es selbst fast nicht ertrug, mit so vielen Handlungen einfach überfordert zu sein - ja, das kenne ich alles. Ja, das kennen alle Krebser. Aber dieses Vergessen ... Ich finde es auch wichtig, dass klar formuliert wird, dass Menschen, die an Krebs erkranken, eine lange Phase der Rekonvaleszenz brauchen. Ich habe damals als Jugendlicher (da ist das ja auch sehr verständlich) sehr schnell versucht, mich erneut ins Leben zu stürzen. Niemand, vor allem nicht die depperten Pädagogen, haben bemerkt, wie sehr ich aus der Bahn geworfen worden war - wie schwer für mich das "Zurückkommen" in die Schule war. Ein Physik-Lehrer sagte mir vor der ganzen Klasse, dass er mir auch eine 6 im Zeugnis geben könne, anstatt mich mal auf die Seite zu nehmen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ob ich Hilfe bräuchte, ob er etwas für mich tun könne.
Viele Menschen sind überfordert mit diesem Thema Krebs - haben Berührungsängste, wollen sich davor verschließen, nichts damit zu tun haben. Sandra Wöhe aber schweigt nicht, Sandra Wöhe schreibt ein berührendes Buch, das aufzurütteln vermag - sie vergisst neben den krassen Wahrheiten, den Konflikten, nicht den Humor, nicht die Larmoyanz ihrer sympathischen Figuren. Es ist kein konventionelles "Krebs-Buch": Es ist vor allem über die Zeit danach, aber noch viel mehr ist es ein Buch über die Liebe. Und es ist ein Buch, das mal lesen sollte. "Fünf Jahre danach", im Konkursbuch Verlag erschienen.

http://www.amazon.de/F%C3%BCnf-Jahre-danach-Sandra-W%C3%B6he/dp/3887697936

1 Kommentar:

  1. Lieber Jannis,
    dein sehr persönlicher Blick auf dieses Buch hat mich mindestens so berührt wie der Roman selbst. Danke.
    Ich kann "Fünf Jahre danach" nur jedem ans Herz legen. Es ist ein Buch das Mut macht. Und Mut, den können wir alle gebrauchen, ob wir nun krank oder gesund sind. Jederzeit kann man von der einen auf die andere Seite gelangen. In beide Richtungen!
    Herzliche Grüße, Claudia alias Rosha

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