Freitag, 25. April 2014

Warum ich schreibe - Guido Rohm



Notizen zum Thema

Als ich klein war, lebte wir in bitterer Armut. Ich fragte mich oft, warum es keine süße war. Süße Armut hätte uns wenigstens geschmeckt. Wir wären ihr vermutlich treu geblieben, denn wer will schon süße Armut hängenlassen, vor allem, wenn er ein Junge ist. Aber sie war nun einmal bitter. Und so verzogen wir, meine zehn Brüder und ich, oft das Gesicht, wenn uns Mama zwang, in die Armut zu beißen. Das wäre immer noch besser, als ins Gras zu beißen, sagte sie. Ins Gras bissen eine Menge Leute. Wir sahen sie, wenn uns Mama in den Kindergarten brachte, in dem ich aufwuchs. (Kindergärten, die sind ein ganz eigenes Thema. Dieses ständige Gießen und Düngen, man wird umgetopft, steht in der Sonne, im Schatten, und das einzig, damit man wächst, wächst, wächst, als gäbe es sonst kein anderes Ziel im Leben.)
Ich erzähle das, damit sie einen Einblick in mein Leben bekommen, in die Art und Weise, in der ich erzogen wurde. All diese Dinge spielen eine Rolle, wenn man verstehen will, warum ich schreibe.

Wenn ich etwas angestellt hatte, etwa meinen kleinen Bruder Robert an eine Schlange, bekam ich einen Rüffel. Meine Mutter sagte: "Schreib dir das hinter die Ohren!"
Ich gehorchte und versuchte, mein bisheriges Leben hinter mein rechtes Ohr zu schreiben. Mann, war das eine Plagerei. Ich brach mir beinahe den Arm bei dem Versuch. Später bat ich meine Klassenkameradin Fiona, meine Geschichte hinter mein Ohr zu schreiben. Meine erste Kurzgeschichte entstand.
Es dauerte lange, bis ich vom Ohr auf Papier umstieg. Im Grunde hatte ich es nie gewollt. Ich dachte, nein, lass sie doch alle auf Papier schreiben, ich bin und bleibe ein Ohrenautor.
Meine ersten Einsendungen scheiterten an meiner Angst, mir mein eigenes Ohr abzuschneiden. Fiona hielt mich für einen Schwächling. Sie erinnerte an all die großen Ohrenschriftsteller wie B.L. Jennings und K.L. Sanktpeter.

Später, als ich längst Erfolg hatte, lag ich eines Tages auf der Couch eines berühmten Psychiaters, der mich fragte: "Guido, warum schreiben Sie?"
"Ich schreibe, weil ich damit davon ablenke, nichts zu können. Sehen Sie, ich habe erst heute versucht, aufzustehen. Es misslang, und dabei habe ich es wirklich gewollt. Wie soll sich ein Mensch fühlen, der nicht einmal in der Lage ist, aufzustehen?"
Schweigen, ein so eisiges Schweigen, dass ich mich nach einem Schal und einem Pelzmantel sehnte, ein Schweigen, so eisig, dass Schnee von der Decke fiel.
"Es schneit", sagte ich.
"Das tut mir leid", sagte der Psychiater, "das liegt an der eisigen Stimmung. Vielleicht ist es besser, wenn Sie jetzt gehen."
"Wenn ich das hinbekommen würde", sagte ich und rief nach meiner Frau und meinen Kindern, die mich nach unten in die Autorenkutsche trugen, wo ich saß und alles, was ich gerade erlebt hatte, niederschrieb.

Ich schreibe vermutlich aus dem Bedürfnis, mich in der Welt zurechtzufinden. Es ist, als würde ich eine Karte von mir und meiner Umgebung, von mir und meinem Leben entwerfen. Wenn ich meine, mich verirrt zu haben, lese ich nach, woher ich komme, wo ich bin, und überlege, wo es hingehen könnte. Es ist der Versuch, mich festzuhalten. Das Schreiben ist wie ein Baum, an den ich mich klammere, während ein Sturm an mir zerrt.

Mehr zu Guido Rohm:
http://faustkultur.de/107-0-Guido-Rohm.html#.U1ky1eZ_vUY
http://faustkultur.de/398-0-EINE-HANDVOLL-WRTER-von-Guido-Rohm.html#.U1kzdeZ_vUY

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