Samstag, 13. Oktober 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 11

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Du findest es nicht schlimm, mein Engelchen? fragte ich. Er wusste sehr genau, worauf meine Frage abzielte, doch er ließ sich Zeit und löffelte sich Reisnudeln in den Mund. Oder? drängte ich ihn, gell nicht? Nein, sagte er, natürlich nicht, ich finde schön, dass ihr so miteinander umgehen könnt, du und Levent, das mit Tobi sollte ich allerdings beobachten. wann trefft ihr euch wieder? Ähm, heute um vier, stammelte ich ein bisschen schuldbewusst. Aha, machte er, da haben wir es. Ja, aber wir werden wahrscheinlich sowieso nur über Levent und Stefanie reden, fügte ich schnell zu, das ist alles nicht so wild, weißt du?! 
Mir war es klar, dass er mich ab diesem Tag mit Tobias aufziehen, ständig Anspielungen machen würde. Das gehörte zu unserer Beziehung dazu. Anfangs war er so eifersüchtig gewesen, dass er mich manchmal richtiggehend damit nervte, es gab ein ums andere Mal Szenen, die mir keinen Spaß machten und mich vor allem völlig überraschten, der die Situation, die vorausgegangen war, als harmlos annahm. Oft bekunde ich meine Begeisterung für andere Menschen zu euphorisch, ich gebe es zu, aber ich neige zu südländischer Offenheit, Körperlichkeit und Herzlichkeit, manchmal bin ich regelrecht lebensfroh, verrückt gutgelaunt und glücklich, auch wenn ich mich oft als depressiven und melancholischen Menschen einschätze, als jemanden, dem es in bestimmten Zeiten schwerfällt, andere Leute anzurufen, sich von daheim fortzubewegen, ausgehen oder so, der dann am liebsten zuhause sitzt, liest und schreibt, sich mit sich selbst beschäftigt und mit seinen angestauten Gedanken. Wenn der Stau zu groß wird, schreibe ich, doch mir erscheint hinterher alles so hohl. Wenn ich es hinterher lese, habe ich das Gefühl, einen Text von einem zwanzigjährigen Jungen zu lesen, der versucht reif und literarisch wertvoll zu schreiben, zu verschleiern versucht, dass er eben erst um die zwanzig ist. Mir kommt es vor, als wäre mein Verfasstes nicht kunstvoll genug, als könnte ich menschliche Gefühle und menschliches Handeln nicht beschreiben, als fehlte immer irgendetwas ganz Wichtiges. 
In zehn Jahren bin ich soweit, ein großer Roman wird erscheinen, in riesigen Lettern wird mein Name darauf prangen: Apostolis Sotiropoulos. Nachdem im Moment die türkischen Zaimoglus, Tarkans, Kurtulus, Özdogans usw. die deutsche Kultur erobern, werden später die Deutschen mit griechischen Wurzeln folgen, mit mir an der Spitze, haha. 
Ich sah Alejandro an und sagte, der ist nicht halb so sexy wie du, mein Engelchen. Dann ist ja gut, mein Apostelchen, sagte er. Und was machst du? fragte ich, ich war daran gewöhnt, dass wir in meinen Ferien den Großteil unserer Zeit miteinander verbringen, ungewöhnlich genug, dass er gestern Abend nicht dabei war, aber dass ich gleich am nächsten Nachmittag wieder ohne ihn ein Date hatte, schien schon fast so etwas wie eine Loslösung aus einer engen Umklammerung zu sein. Ich war versucht ihn mitzuschleppen, doch das wäre nicht gut gewesen. Vielleicht will der Levent ja mit mir...? sagte er, vollen Ernst vortäuschend, doch seine Augen glänzten lustig, dann verzog er das Gesicht, um diesen Satz als Scherz anzuzeigen. 
Wir passten uns gegenseitig an, verwarfen schlechte Eigenschaften, er beispielsweise seine Eifersucht, ich meine gelegentliche Gereiztheit, die sich in dummen Sprüchen äußerten, nach einem halben Jahr begannen wir unsere berühmten Top-Tens aufzustellen: die Top-Ten der Männer, die wir heiraten wollten, die Top-Ten der Männer, die wir nur für eine Nacht haben wollten und die Top-Ten der Männer, mit denen wir uns eine angenehme Beziehung vorstellen könnten, die Wertung lag in dieser Reihenfolge. Alejandros Nummer eins beim Heiraten war meistens Elijah Wood und meine seit einiger Zeit, seit Studio 54, Ryan Phillippe, den ich abgöttisch liebe. Diesen Film schauten Alejandro und ich uns ganz alleine im Kino an, niemand hatte sich dafür interessiert, Mittwoch nachmittags um Fünf diesen schwülstigen Streifen anzuschauen –, aber mein Herz pochte laut, als Ryan Phillippe groß auf der Leinwand erschien, möglichst unbekleidet, in diesen kurzen Shorts und den Oberkörper frei, wie er als Barkeeper arbeitete. Er ist mein Gott. Kurze Zeit später las ich den „Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Ryan Phillippe ist mein Dorian Gray. So stellte ich mir diese Hauptperson vor und liebte sie. Ich liebte dieses Buch. Ich würde dieses Buch mit meinem Gott als Hauptdarsteller verfilmen. Was könnte man Schönes aus diesem Stoff drehen. Kein hirnloses Teenager-Drama aus Hollywood, sondern anspruchsvolle Kunst. 
Ich werde mich schon nicht langweilen, sagte mein Schätzchen. Nach dem Essen knuddelten wir auf der Couch, schauten nebenbei Glotze und freuten uns daran, zusammen zu sein. Immer wieder erhielt ich Seitenhiebe auf die gestrige Nacht und ich wusste, dass alles in Ordnung und er nicht sauer auf mich war. Wir vereinnahmten uns gegenseitig, so etwas hätte ich vorher niemals von mir erwartet. Er sollte immer für mich da sein... Naja, es dauerte nicht mehr lange, da sollte er zu mir nach Karlsruhe ziehen, darauf freuten wir uns sehr. War ich nicht einmal jemand gewesen, der seine Ruhe haben wollte, der es nicht haben konnte, dass jemand um ihn herum ist? Hatte ich früher nicht Tage gehabt, in denen ich höchstens drei Wörter gesprochen habe? Andererseits beschäftigte ich mich in solchen Zeiten auch mit dem Schreiben. Seit ich mit ihm zusammen war, wurden meine schriftlichen Ergüsse weniger. Und das ist nicht nur meinem Wunsch nach Reife zuzusprechen, vielmehr fehlte mir der Zwang, den man erleidet, der einem befiehlt, einen Stift in die Hand zu nehmen und seine Seele auf das Papier auszukotzen. Ich brauchte es nicht mehr. Glaubte ich. 
Doch mit der Zeit entstand neben meiner Glückseligkeit eine sinnlose Leere, ein Dahinsiechen: In der Hochschule nicht intellektuell ausgelastet, kein Herumphilosophieren mit intelligenten Menschen mehr, keine Erkenntnisse, die sich durch das Schreiben erschließen...

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