Sonntag, 4. Juli 2010

Fassungslos

Vermutlich hat das jeder. Diese Gedanken beim Warten auf einem Bahnsteig. Beim Herannahen des Zuges, einerlei, ob es eine Regionaleisenbahn, ein EC, ein ICE oder etwas anderes ist. Diese Gedanken: Stürz dich vor diese Bahn, lass dich platt machen, was wäre wenn. Vermutlich hat das jeder. Diesen Drang sich vor den Zug zu werfen, den Körper zu verlassen, nur noch Seele zu sein. Vermutlich. Doch, ich glaube schon, dass diese Gedanken jeder kennt, jeder hat. Es ist ein Aufblitzen der im Geist innewohnenden Todessehnsucht, vermutlich. Ich weiß es nicht. Doch mich verfolgen diese Gedanken. Immer wieder. So gut wie jeden Tag. Ich fahre ja sehr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dann stehe ich da, drehe und wende einige Szenarien in meinem Kopf. Was wäre, wenn ich jetzt stürbe? In diesem Augenblick. Wenn ich mich vor diesen Zug würfe. Wer würde um mich trauern? Wer mich vermissen? Wer nicht an das Nicht-Fassbare, Nicht-Erwartbare glauben können? Wer käme als nächster drauf, sich diesen Gedanken, die vermutlich jeder hat, ebenso hinzugeben wie ich? Würde diese andere Person eine größere Lücke im Leben anderer reißen als ich? Ich denke in diesen Momenten: ach ja, du und du, das hättet ihr nicht erwartet, dass ich mich einfach vor den Zug werfe, der nicht! würdet ihr denken, der schien doch immer so fröhlich zu sein. Nein, ihr könntet es nicht fassen, euch fragen, ob ihr blind und taub gewesen seid, nicht das drohende Unheil bemerkt hattet. Fassungslos wärt ihr, einfach fassunglos. Und dann bekomme ich ein schlechtes Gewissen, schlechtes Gewissen, weil der, der mich liebt, der schönste Mann der Welt, traurig wäre, deprimiert, zu Tode betrübt, unglücklich, ich würde ihn in eine tiefe Depression stürzen, ihn verletzen, verstören, ihm sehr viele Gewissensbisse bereiten, er würde die Schuld bei sich suchen, vermutlich. Völlig zu Unrecht, und doch. Er gäbe sich die Schuld an meinem Selbstmord. Fassungslos wäre er, so schrecklich fassungslos. Und ich erschrecke. Ich denke an meine Familie, an meine Freunde, an meine Kollegen. Bei ihnen fühle ich eher etwas wie Genugtuung, Genugtuung. Doch dann denke ich wieder an die Trauer meines Liebsten und erschrecke. Hin und Her. Vermutlich hat das auch jeder. Sitze ich endlich in der Bahn, sind das nur noch abgeschüttelte Schimären für mich, um beim nächsten Mal erneut wie eine heftige Welle aufzubranden.

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