Mittwoch, 6. Februar 2013

Fortsetzungsroman: Moody Blue 25

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Und wie läuft es mit Christian? fragte ich ihn. Gut. Wie einsilbig er da war! Natürlich traute ich mich nicht, ihn auf diese ominöse Baggersee-Party anzusprechen. Er habe Lust mich zu besuchen. Ich sagte, ich würde ihn abends anrufen. Ich legte auf, musste aber gleich wieder dran: Levents Schwester, die wieder auf der Suche nach ihm war. Ich erzählte ihr, wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe und dass er zu Stefanie hatte gehen wollen. Apostoli, wer ist das? Was läuft da? Was ist mit Levent los? Erkläre mir doch bitte das Ganze, und seine Freundin ist mordswütend auf ihn, jetzt bring doch bitte endlich ein bisschen Licht in diese Sache! Das lässt sich alles nicht am Telefon erzählen, sagte ich ihr, wenn er bis heute Abend nicht aufgetaucht ist, dann ruf mich wieder an, wir können uns morgen treffen, bis dann, okay? Okay, Ciao. Jetzt wollte ich nicht mehr. Was nervten mich die Leute mittlerweile, ich sollte das Telefon ausstecken! 
Nach dem Essen setzte ich mich auf den Balkon, versuchte an meinem Drehbuch weiterzuschreiben. Wenn ich Romane oder Erzählungen schreibe, dann denke ich oft: Ach, das, was dir gerade passiert ist, passt ja wunderbar in das Geschehen dieser Geschichte hinein, das Schicksal wollte es, dass ich dies verwende; ich spinne den Gedanken weiter: Dass dieses Ereignis passiert ist und ich es einflechten konnte, bedeutet ein gutes Omen, das Buch wird Qualität besitzen, man wird es echt finden, genau deswegen ist mir das zugestoßen. Ist das Leben eine einzige Geschichte, die der da oben erfindet, um sich zu amüsieren? Beginnen ihn fürchterliche Kriegsgemetzel zu langweilen und freut er sich mehr an der Furcht vor einem atomaren Endschlag? Hat er das Fernsehen erfinden lassen, damit die Leute auf mehr Ideen kommen, anderen Menschen Leid zuzufügen? Hat er Computer erfunden, um unpraktisch veranlagte Intellektuelle zu ärgern? ... Hat vielleicht Gott gar nichts damit zu tun? Ach, mir ist das sowieso egal, katholische Theologie ist lediglich mein zweites Nebenfach (!- was heißt das schon?!). 
Während ich mich geistig beschäftigte, telefonierte Alejandro durch die Gegend, um ein paar Dinge zu regeln. Ich dachte noch einmal über Tobi nach, wie hatte er vorhin reagierte, als ich ihm sagte, wir sollen die Sache mit dem Dreier vergessen? Er schien gleichgültig, es machte ihm nichts aus. Andererseits beschäftigte ihn das Verschwinden von Levent und Stefanie. Warum? Wieso war ihm das so wichtig? So als befürchtete er, dass sie sich aus dem Staub machen könnte. Flüchtete sie vor etwas, das hier in unserem Nest auf sie wartete? Ein schlimmer Vater? Nein, das wäre unlogisch. Irgendetwas Grausames? Was denn bitte? 
Kurze Zeit später wählte ich die Nummer von Christine, nur die Mailbox meldete sich, ich sprach drauf, dass sie mich sobald wie möglich zurückrufen solle. Dann setzte ich mich wieder auf den Balkon und begann die wichtigsten Begebenheiten der letzten Tage aufs Papier zu bringen, vielleicht verselbständigte sich meine Hand und schrieb etwas, was mir weiterhelfen könnte... 
Das war eine Hoffnung gewesen, die sich leider nicht bewahrheitete, ein Puzzleteil oder gleich mehrere fehlten noch. Ich musste Levent endlich ausquetschen. Der war ja wohl weg. Aber wo? Ich rief seine Freundin an, ich musste mich überwinden. Mit Levent stimmt etwas nicht, sagte ich ihr. Und ob da etwas nicht stimmt, ereiferte sie sich, der hat zuviel gefickt und ist davon noch wirrer geworden. Ich möchte dir helfen, schmeichelte ich ihr, ihn zurückzubekommen, aber dafür muss ich gewisse Dinge herausfinden, zunächst bräuchte ich die Telefonnummer von Yavuz und Kai, er hat mir soviel von ihnen erzählt, die können mir bestimmt weiterhelfen: Hast du die Nummern? Ja, warte, Apostoli. Sie gab sie mir und ich versprach ihr, mich zu melden. Sie sagte, sie fahre morgen Abend wieder, bis dahin könne ich sie hier erreichen, danach in München. Ich rief zuerst Yavuz an, fragte ihn, ob Levent bei ihm sei. Er verneinte, ich bat ihn eindringlich, die Wahrheit zu sagen, es wäre etwas Schlimmes geschehen, ich müsste unbedingt mit ihm sprechen, ob er nicht wisse, wo Levent stecken könnte, nein, wieder nichts. Ich sagte ihm, falls er etwas erfahre, solle er mich anrufen oder meinem besten Freund ausrichten, dass der Apostoli ihn suche, ich gab ihm meine Nummer und legte auf. Dann versuchte ich es bei Kai, mit dem gleichen Ergebnis, bei ihm übertrieb ich noch mehr, behauptete es ginge um Leben und Tod, ich bräuchte ihn dermaßen dringend, dass jede Minute zähle. Der liebe Junge versprach mir Hilfe. Yavuz und Kai waren Levents beste Freunde in München. Der erstere ein verplanter Türke, der Levent scheinbar sehr von der Art ähnelte. Der zweite ein goldiger Junge, der offen und ehrlich war, den man sich als Freund wünschen konnte. Im Nachhinein überlegte ich mir, dass ich sie vielleicht etwas über Stefanie hätte fragen sollen oder über die Zeit der ersten Flucht. Aber ich glaubte nicht, dass sie etwas davon wussten und wenn, ob es irgendetwas erhellte. Ich glaubte nicht, dass er ihnen etwas erzählte, was er mir gegenüber verschwiege. 
Danach setzte ich mich zu meinem Schatz, der mittlerweile Fernseh glotzte. Was machst du? fragte er. Alejandro, ich versuche schlauer zu werden. Aha, sagte der lächelnd, ich auch. Er schaute gerade eine der stupiden Daily-Soaps an. 
Ich wartete auf Anrufe, doch niemand meldete sich, also setzte ich mich wieder auf den Balkon, um zu schreiben. Alejandro folgte mir, legte seine Hand auf meine Schulter. Was machst du? fragte er. Ich verfasse ein Drehbuch, weil ich einen kleinen Film mit dir drehen möchte, antwortete ich. Echt? Um was geht es? wollte er wissen. Das sage ich dir, wenn es fertig ist, meinte ich. Er kannte meine Regel, ich zeigte ihm nie etwas Geschriebenes, bevor es vollständig beendet war. Abgesehen davon brauchte er ungefähr ein Jahr, um einen meiner Romane zu lesen, Levent hat den einen, den ich ihm gab sogar überhaupt nicht gelesen. Ich weiß auch gar nicht, wie er zu meinem Romananfang „Stelio“ gekommen war (den er im Zug vorgelesen hatte). 
Endlich rief Christine an. 

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