Mittwoch, 11. Februar 2015

Batucada Frankfurt 2/3

Mittwoch, 21.1., 11.04 Uhr: Kristina vom Produktionsbüro ruft mich an. I am in! Ich sage: Ups, nein! Nicht nur überrascht bin ich, auch verwirrt, wollte ich doch gar nicht mehr mitmachen nach einer Nacht Überlegung. Ihre Irritation ließ mich sagen: Ich melde mich in einer Stunde wieder. Okay?

Mittwoch, 21.1., 12.05 Uhr: Ich mache mit. Sage ich. Denn ich denke: Du wirst sicher bereuen, wenn du es nicht machst. Du wirst dich ewig fragen, ob das ein Fehler war, deine einmalige Chance auf eine andere Art der Selbsterfahrung, eine Grenzerfahrung, die du nicht steuern kannst (sonst wäre es ja auch keine Grenzerfahrung). Also, es gilt: ich gehe nicht ins Dschungelcamp, sondern in ein hartes Dance-Camp!


Foto: Allen
Sonntag, 1.2., 12.05 Uhr: Das nächste Projekt beginnt, für die nächsten zwei Wochen bin ich nicht Tänzer, sondern Kurator. Meine Ausstellung beginnt so langsam. Das ist ganz gut für mich, denn ich habe den Blues, kann ihn aber nicht ausleben. Fuck! Das waren zwei wunderbare Wochen mit so intensiven Gefühlen, mit so vielen mindfucking Erfahrungen, vielleicht die schönsten meines Lebens. Und ich vermisse dieses Team, ich glaube, ich habe mich sogar verliebt. Aber das war in dieser Extremsituation auch leicht, sehr leicht!


Foto von Sofia, 30.1.
Mittwoch, 21.1., 19.08 Uhr: Verdammt! Wie soll ich das nur durchstehen? Das frage ich mich ernsthaft. Die anderen Tänzer*innen sind so nett, ich habe mich bereits jetzt ganz gut in die Gruppe eingefunden, aber scheiße nochmal die Übungen haben mich so ausgelaugt, ich weiß nicht mehr, wo mein Kopf steht. Geht das die ganze Zeit so? Ich will nicht, will nicht, will nicht. Ich sitze auf meinem Rad und mir kommen Tränen. Diese körperliche Nähe hat mich wahnsinnig gemacht, diese „Massa“-Übung hasse ich, will ich nicht mehr machen – nur dass wir sie tatsächlich jeden Tag machen MÜSSEN. Wir sind im Moment 16 Leute, die diese Übung gemeinsam durchführen – wie wird es mit 45 Leuten? Ich denke wirklich drüber nach aufzuhören. Wir stehen zu Beginn in einem Kreis, müssen dann so lange aufeinander zugehen, bis wir uns in einem Knäuel befinden. Danach müssen wir "kuschelnder Weise" und weiter bewegen, die anderen Personen berühren, das Knäuel besteht immer weiter, immer neue Konstellationen entstehen. Intime Berührungen, intensive Gerüche - und das eine halbe Stunde lang. Alles prallt auf mich ein, beginnt mich auszusaugen. Vor allem denke ich dauernd nach, nach, nach. Kann das Gehirn nicht ausschalten. Mir ist das alles zu viel! Noch kann ich doch aussteigen, oder?



Samstag, 1.2., 21.58 Uhr: Worum ging es in diesem Stück „Batucada“ überhaupt? Das werde ich gefragt. Am Montag hatten wir stundenlang darüber diskutiert. Und jede*r sollte sein eigenes Konstrukt dazu bauen. Das tue auch ich. Es ist ein ebenfalls altes Thema, eines, das mich mein ganzes Leben begleitet. Der schwule Mann mit Migrationshintergrund. Sozusagen. Also gleich zwei Stigmatisierungen. Als Mensch mit Migrationshintergrund benannt zu werden – ich bin übrigens nur ein Bundesland weiter migriert: von Baden-Württemberg nach Hessen. Und ich bin als Schwuler ebenfalls in einer Minderheit. Aber trotzdem habe ich für mich selbst, also für meine Konstruktion, eine ganz andere Gruppe ausgewählt: Flüchtlinge. Natürlich angesichts Pegida. Nur zum Beispiel. Da gibt es Schilder mit den Worten: „Flüchtlinge willkommen“. Wir Tänzer*innen treffen uns in einem Teil des Stückes im „Campo“, wir hocken auf dem Boden, trommeln behände auf unseren Pfannen und Töpfen, es ist unsere vielstimmige Kommunikation. Sie ist in fremden Sprachen, weil wir aus verschiedenen Orten stammen. Natürlich. Aber wir haben auch eine Gemeinsamkeit: hier in diesem neuen Land anzukommen. Unser „Asylantenheim“ ist nur temporär, wir möchten in die Gesellschaft aufgenommen werden. Die Mehrheitsgesellschaft (das Publikum) steht aber um uns herum, blickt auf uns herunter, es ist ein bisschen wie im Zoo. Wir versuchen uns gegenseitig zu schützen. Wir sagen in unserer jeweiligen Sprache, dass wir doch nur dazugehören wollen. Wir sind traurig. Aber dann merken wir, dass wir zusammenhalten müssen. Wir werden lauter, wir möchten gehört werden. Gehört werden, verdammt nochmal! Hört uns zu, Mehrheitsgesellschaft! Wir sind wie ihr! 

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