Montag, 9. Februar 2015

Batucada Frankfurt 1/3

Samstag, 31.1., 21.15 Uhr: Ich liege nackt auf dem kalten Boden, die wahrscheinlich attraktivste Frau der Welt (Wilena) ganz nah neben mir, mehr als 300 Menschen versuchen über uns hinwegzusteigen. Beginn eines Pornos? Nein! Teil einer Performance namens "Batucada" (von Marcelo Evelin), die zu einer krassen Selbsterfahrung für mich wurde. Wir befinden uns in unserem „Abschlussbild“, in dem 41 nackte Tänzer*innen auf dem Bauch liegend, teilweise ineinander verkeilt, den Kopf gen Boden gerichtet, darauf warten, dass die Leute an ihnen vorbei Richtung Ausgang laufen – was nicht ohne Schrammen zu bewerkstelligen ist. Eine Person fällt auf einen unserer Tänzer, er sieht Sterne, sie schiebt es auf das Instrument, das im Weg stand.


Bild: Georg Ladanyi, Premiere 30.1.
Freitag, 30.1., 19.48 Uhr: Ich erkenne dich, Janni, sagen meine lieben Freundinnen Luise, Dorothee und Lisa. Sie kichern. Selbstverständlich versuche ich sie zu ignorieren bzw. neutral zu bleiben. In unserer Performance geht es schließlich nicht um das einzelne Individuum. Wir tragen Masken, treten als Kollektiv auf, als Menschen, die das bestehende System als mangelhaft, nicht adäquat betrachten – die es zunächst zerstören möchten. Eine Lösung werden wir nicht finden und erst recht nicht anbieten, aber dass dieses System so nicht funktioniert, das wissen wir. Ich musste in einer Tombola eine Person ziehen, der ich bedingungslos folge, es ist Carol, die wohl witzig findet, dass mich meine Freundinnen erkennen - und um sie herumtänzelt. So muss ich ihr hinterher, denn sie ist ja meine Bezugsperson. Und bevor ich sie unter diesen vielen Menschen verliere ... Was sehr leicht passieren kann. Wir sind 41 Tänzer*innen, aber haben auch ein Publikum von 237 Menschen (am Samstag sind es fast 300) – und die stehen in der Halle herum, es ist unsere gemeinsame Bühne. Wie im wahren Leben: die Minderheit und die Mehrheitsgesellschaft leben zusammen – von Integration ist nicht die Rede, wir wollen INKLUSION! 


Foto: Luise, Freitag, 30.1.
Dienstag, 20.1., 18.03 Uhr: Es ist mein zweites Casting für das Tanztheater, das erste Mal, ebenfalls im Mousonturm, wurde ich vermutlich nicht genommen, weil auf Knien auf dem Boden rumrobben nicht wirklich meins ist – Gelenkarthrose am Knie (Nachfolgeerscheinung meines Tumors). Ich sitze aufgeregt vor der Hallentür, beobachte die anderen Wartenden, die alle sehr viel sportlicher aussehen, zwei Damen sehen aus, wie ich mir Tänzerinnen vorstelle. Später werde ich erfahren, dass eine davon tatsächlich eine ist (Gizam).

Dienstag, 20.1., 21.15 Uhr: Verschwitzt sitze ich auf meinem Rad, ich bin total fertig, das Casting war aufreibend, anstrengend – und ich bin bereits jetzt überfordert. Wenn sie mich nehmen wollen, was durchaus unsicher ist, dann werde ich ablehnen. DAS ist sicher für mich in diesem Moment! Es liegt nicht am Choreografen Marcelo Evelin, den ich sympathisch verrückt finde, es liegt nicht am Team, in den Japaner Sho habe ich mich bereits im ersten Moment verliebt, es gibt noch einen anderen Casting-Teilnehmer, den ich sehr schön finde. Ihn allerdings werde ich nicht mehr wiedersehen. Nein, es geht um etwas anderes. Die ersten Übungen, die wir in diesem Casting machen, bringen mich an die Grenze und geben mir das Gefühl, dass ich zwölf Tage lang alles geben werden muss, um es durchzustehen. Und das Interessante dabei ist, dass ich weder Angst vor den Tanzbewegungen, vor irgendeiner Choreografie, vielleicht Versagensängste habe, oder gar Probleme mit dem Nacktsein. Nein, das sogar am allerwenigsten von allem. Es ist etwas anderes, es ist etwas, das mir schon viele, viele Male in meinem Leben begegnet ist, etwas, das meine engsten Freunde wissen. Nein, es sind sogar zwei verschiedene Dinge. Die eine Sache mache ich sogar öffentlich publik: Ich hasse Menschenansammlungen, ich hasse es, wenn mir fremde Menschen körperlich zu nahe kommen, ich kann auch nicht darauf vertrauen, dass da nichts passiert. Nein, ich erwarte Katastrophen in diesen Momenten, zerquetscht, überrannt, totgetrampelt zu werden. Und ich hasse diese vielen aufeinanderprallenden Gerüche. Ich kriege in kürzester Zeit Kopfschmerzen in Menschenansammlungen. Das andere ist, dass ich generell nicht gerne körperliche Nähe habe, es gibt immer Menschen, bei denen ich es zulassen kann – aber halt immer auf meine Weise, mit meinen Spielregeln. Diese werden aber bei dieser Performance aufgehoben – und die Menschenmassen und sich darin verschwitzt, riechend, in einem Knäuel zu bewegen, genau DAS wird das Thema die nächsten zwölf Tage sein. Will ich das???

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