Dienstag, 17. Juni 2014

Zur Rückkehr Mirek Mackes aus dem "Exil" der Wanderausstellung 2012-2014. Eine Stellungnahme von Harald Etzemüller

Für eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung

Beim Nachdenken über den Stellenwert des Kunstvereins Familie Montez für die hiesige Kulturszene werden neben der selbstverständlich vorhandene Qualität künstlerischer Positionen des bisherigen Ausstellungsprogramms andere Aspekte kulturellen Handelns deutlich, für die Mirek Mackes Engagement steht. Mit der von ihm ausgehenden Aufforderung zur Partizipation, zur Emanzipation der Kreativität außerhalb kanonisierter Denkschemata und zur Identitätsfindung von Kunstschaffenden und dem interessierten Publikum – allesamt Leitbegriffe der kultur- und bildungspolitischen Diskussion vergangener Jahrzehnte – löst er ein, was Hilmar Hoffmann einmal unter dem Diktum »Kultur für alle« gefordert hatte. Den Menschen als kulturell und künstlerisch aktives Subjekt wahr- und ernst zu nehmen, den Wurzeln weit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, das war wohl auch ein tieferer Sinn dieses wachsenden Ausstellungsprojekts, welches mit dem Einzug in die neuen Räume des Kunstvereins unter den beiden Brückenbögen der sanierten Honsellbrücke einen Abschluss findet. Und es ist Aufforderung an Kulturverwaltung und -politik, der Erde, in die diese Pflanzen ihre Wurzeln verankern, weit mehr Pflege angedeihen zu lassen. Artgerecht zu gießen und zu düngen, um den unterschiedlichen Pflanzen ihre individuelle Entfaltung zu fördern. Eine Investition in blühende Landschaften.

Für jemanden, der im Exil ist, weil er seine alte Heimat hat verlassen müssen, und der nun dorthin nicht mehr zurückkehren kann, für so jemanden stellt sich irgendwann einmal die Frage, ob er sich an dem neuen Lebensort heimisch machen kann. Nimmt ihn die Exil gewährende Gesellschaft auf, bedingungs-frei? Bietet die Frankfurter Stadtgesellschaft ihm einen »Platz in ihrer Mitte«, dauer-haft? Oder ist Macke mit seinem Elan für Lebens- und Kunstformen »an verdeckten Rändern der Gesellschaft« (Prof. Jürgen Hasse) nur wiederum temporär und doch nicht auf Dauer angekommen, dort im Ostend, in direkter Nachbarschaft zum Epizentrum europäischer Finanzökonomie, dort: unter der Brücke – welch eine Symbolik?!

Die Autoren und Ermöglicher der Kunst – also die Künstler und Schauspieler, die Ausstellungs- und Theatermacher, die Kuratoren und Intendanten usw. – sie alle sollen und müssen in einem für die Demokratie unverzichtbaren zeitgemäßen Entscheidungsprozess zu Wort kommen. Der Komponist Wolfgang Rihm formuliert es so: »Kunst ist immer individuelle Setzung. Kultur dagegen kollektive Spannung«. Kunst fordert Qualität, zu deren Beurteilung es eines Maßstabs bedarf, der sich durch den sozialen und kulturellen Bezug der Akteure in einem fortwährenden Diskussions- und Wandlungsprozess befindet. Es bedarf für die unterschiedlichsten Formen von Kunst eine Unterstützung von einer Kulturpolitik, die sich nicht auf Fragen der finanziellen Förderung reduziert. Und einer Kulturverwaltung, die den unterschiedlichen Formen künstlerischen Ausdrucks – in gegenseitiger Anerkennung – Raum, Zeit und Ort gibt. Wurzeln weit mehr Aufmerksamkeit widmen.

© Harald Etzemüller, April 2014

Dieser Beitrag – angeregt durch Mirek Macke – anlässlich der Eröffnung der neuen Räume des Kunstvereins Familie Montez unter der Honsellbrücke mit der Ausstellung »Wurzeln weit mehr Aufmerksamkeit schenken«, sollte eigentlich im Ausstellungskatalog erscheinen, was leider nicht geklappt hat. Da der Katalog so schöne freie Seiten hat ("Notizen"), kann man sich ja den Text in sein Exemplar einfügen...



Harald Etzemüller, *1968 
Architekturstudium an der FH Frankfurt und an der École d‘Architecture de Lyon/Frankreich, 1995 Diplom. Als Architekt und Grafikdesigner in Stuttgart und Frankfurt tätig, zwischenzeitlich angestellt.
Seit 2003 eigenes Büro zukunftssysteme für Architektur, Ausstellungsgestaltung und Kommunikationsdesign in Frankfurt.
Harald Etzemüller engagiert sich ehrenamtlich in dem von ihm mitgegründeten Kunstverein EULENGASSE in Frankfurt-Bornheim.

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