Freitag, 24. Juni 2016

Jerusalem Sightseeing


Es fällt mir nach wie vor schwer, diese ganzen Eindrücke zu sortieren, mir eine Meinung zu bilden. Auf der einen Seite ist da so viel Kunst- und Religionsgeschichte, die sich kaum fassen lässt, auf der anderen Seite so viel Politik, die sich noch weniger begreifen lässt. 
Nachdem wir eine schöne Zeit in Tel Aviv verbracht hatten, mit der Gay Pride und dem wunderbaren Strand, den Bars und Cafes, kehrten wir erneut nach Jerusalem zurück. Die nächste Feier war vorprogrammiert. Der Jerusalem-Tag fand am Sonntag, den 5.Juni statt. Ganz kurz vor dem Ramadan.
Wikipedia sagt: "An diesem Tag feiert die jüdische Bevölkerung Israels, hauptsächlich diejenige von Jerusalem selbst, die Wiedervereinigung der Stadt Jerusalem. Während des Sechstagekriegs 1967 eroberte Israel Ostjerusalem. Durch den israelischen Sieg wurden die beiden bis dahin getrennten Teile von Jerusalem unter israelischer Kontrolle vereinigt und die Flagge Israels auf dem Tempelberg gehisst. Am Jerusalem-Tag 2011 skandierten hunderte der israelischen „Feiernden“ bei ihrem Umzug Hassparolen wie „Tod den Arabern, Tod den Linken“, „Den Tempel bauen, die Moschee zerstören“ (d.h. die Al-Aksa-Moschee bzw. den Felsendom zerstören, um an seiner Stelle den biblischen Tempel wieder zu errichten) und „Kahane lebt, Mohammed ist tot“. Für die arabische Bevölkerung Jerusalems stellt der Jerusalemtag eine Provokation dar."
Zitiere ich auch deswegen, weil wir vom Kotel (Klagemauer) aus durch das arabische Viertel wanderten an diesem Tage - und dann auf eine Horde junger Menschen trafen, die nationalistische Lieder sangen und Israel-Fahnen schwenkten. Die Araber ließen sich nicht provozieren. Zumindest sahen wir nichts davon. Andererseits standen sehr viele Soldaten überall herum, um irgendwelche Vorkommnisse zu verhindern. Ich stellte mir so eine Aktion in Deutschland vor und wie dann mit Sicherheit eine Woche lang Nazi-Vergleiche auf der ganzen Welt gezogen würden. Nein, nicht missverstehen: ich vergleiche ganz sicher nicht die israelischen feiernden Jungs mit Nazis, nur möchte ich damit aufzeigen, wie schwer ich mich mit einem Nationalismus dieser Art tue - zumindest sah das für mich nach Nationalismus aus (siehe: EM und Fahnen schwenken). Ich weiß, dass die Geschichte so ist, wie sie ist, und Israel sich immer bedroht fühlt, und auf der einen Seite, sich ständig selbstvergewissern muss, auf der anderen Seite Stärke demonstrieren möchte. Das verstehe ich durchaus, aber es ist einfach so - und das kann man mir auch nicht nehmen -, dass dies mit meinem Menschenbild kollidiert. Ich möchte in keiner Welt leben, in der Gewalt, Waffen und Hass eine Lösung darstellen. Seit Jahrzehnten sucht man eine andere Lösung für die Konflikte dort - und findet sie nicht. Dann muss das wohl so sein. Es ist vielleicht nicht anders zu regeln. Aber es ist eben kein Ort, an dem ich länger sein kann. 
Nicht missverstehen: Jerusalem ist wunderschön! Das sieht man hier auf den Fotos. Die Menschen sind wunderschön. Aber vor allem die vielen Kirchen, Moscheen, Synagogen, die Altstadt, Davids Stadt, die Kanäle und Ruinen, aber auch die schönen Häuser in der Stadt, der Markt, die Landschaft drum herum. Es ist alles so unglaublich hübsch und geschichtsträchtig und eigentlich bräuchte man mehrere Wochen für so einen Trip. Wir versuchten das alles in wenige Tage zu packen. Und mich machte das so müde. Kaum konnte ich die Eindrücke verarbeiten. So viel Input, so viele verschiedene Stimmen von Menschen, die ich kurz traf. Meine Begleiterinnen hatten in Jerusalem studiert und so erfuhr ich so viel mehr als andere Urlauber/innen über dieses Land, diese Stadt vor allem. Wir besuchten die wunderschöne Universität, an der Albert Einstein mal unterrichtet hatte. Wir machten Führungen mit, wir aßen uns durch die kulinarische Welt Jerusalems, wir tranken viel Arak und schauten uns die Kneipen an. 
Das Essen schmeckte besser als zuhause - sonnengereiftes Gemüse und Obst -, alles rundherum sah schöner aus als zuhause und wir fühlten uns wohl. Und doch: Geschichte hier, Geschichte dort, überall Geschichte(n). Wir versuchten die Dinge von allen Seiten zu betrachten, wir versuchten Einseitigkeit zu verhindern, besuchten auch Palästina, waren im arabischen Viertel, in den orthodoxen Kirchen usw. usw. 
Noch etwas zum Kotel am Jerusalem-Tag. Die Männer feierten ekstatisch, die Frauen blieben im Hintergrund. Fakt: Männer und Frauen sind am Kotel getrennt, schon klar, und auch dass der Männer-Teil sehr viel größer ist, jedoch durften die Frauen auch vor der Absperrung nicht in die Nähe der Männer, durften also weder mittanzen noch das Konzert näher betrachten noch einen Mann da abholen (mich nämlich). Meine Begleiterinnen waren stinksauer und wetterten gegen diese orthodoxen Frauen, die sie so grob des Platzes verwiesen hatten. Frauen weniger wert als Männer? So kam es mir da vor - und so etwas ist für mich immer befremdlich. Und als wir wieder Richtung Stadt liefen, sahen wir eine Masse von Menschen, tanzend, demonstrierend - und eine recht kleine Gruppe Linker, die gegen den Jerusalemtag demonstrierten ("Und denkt ihr auch an die arabischen Menschen in dieser Stadt?!"). 
Ja, vieles ist nun stark verkürzt und nichts ist vollständig. Es sind nur ein paar Eindrücke und Impressionen. Und wenn man mich trifft, kann man das alles mit mir ausdiskutieren ... :-)



























































































Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen