Samstag, 18. Juni 2016

Jerusalem - erste Impressionen


Zurück an den Anfang. Die Anreise. Nein, beginnen wir davor. Ganz weit davor. Meine Jugend als Migrantenkind. 
Was die damit zu tun hat? 
Die hat mit Integration zu tun. Oder: wie man sich nicht in Deutschland integrieren kann. Weil sich keiner für eine andere Herkunft interessiert. Weil sich keiner in einen hineinversetzt, der andere Wurzeln hat. Und weil es praktisch unmöglich ist, auf der anderen Seite, sich wirklich einzubringen. 
DDR? Verstand ich nie? Drittes Reich? Was habe ich damit zu tun? Juden? Griechen waren Zwangsarbeiter, ganze Dörfer wurden ausgelöscht. 
Was hat das mit der Reise zu tun?
Ich war immer ein sehr sensitives Kind, das viel vom Außen mitbekam. Spannungen, egal in welche Richtung spürte ich fast bevor sie auftraten. Ich hatte nie etwas mit der Mauer zu tun. Meine Familie wohnte einfach am anderen Ende Deutschlands, im tiefsten Südwesten - wir waren fast mehr Franzosen als Deutsche, so irgendwie. Ich hatte keine Verwandten im Osten Deutschlands, war nie nur in die Nähe davon gekommen. Ich schaute vor dem Mauerfall eine Doku über die Mauer an und begann in Tränen auszubrechen. 
War das möglich, dass es so etwas in meinem Deutschland gab? Ich konnte das nicht fassen, ich wollte das nicht fassen. Dann begann ich mich wegen der Schule mit den Nazis zu befassen. Ich identifizierte mich mit den Juden so sehr, dass es mir weh tat. Ich kannte keinen einzigen Juden damals, heulte aber bei jedem Film, bei jedem Buch und wurde so richtig wütend auf die Nazis und alles, was damit zu tun hatte. Vielleicht weil ich mich als Vertreter der Gastarbeiter/innen ebenso als Opfer Deutschlands fühlte? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass ich irgendwann begann, mich intensiv mit der jüngsten deutschen Geschichte zu befassen und Erklärungen zu suchen.
Dabei blieben immer Leerstellen. Dabei blieb immer eine Distanz. Ich studierte katholische Theologie, befasste mich innerhalb des Studiums aber vor allem mit der vergleichenden Religionswissenschaft, mit Gott in den Religionen. Ich schaute mir Kirchen an, ich schaute mir auch Moscheen und Synagogen an - besuchte Führungen. Es entstand der Wunsch, irgendwann nach Israel zu reisen. Zu verstehen. Viele Dinge zu erfahren. Wurzeln zu entdecken.
Doch es war auch immer Angst da. Und immer so ein Unverständnis, wieso es so arg in diesem Land kriselte - immer, fast ohne Pause.
Okay. Die Einreise. Das habe ich ja bereits auf Facebook geschrieben, wie ich mit 123456 Fragen gestriezt wurde, wie dann entschieden wurde, dass ich eine Gefahr für Israel sein könnte und gleich mehrmals gefilzt wurde. Das war okay, ich mache mich nur lustig. Sie kennen mich nicht. Und immer sind es die Harmlosen, denke ich. Lieber ein paar Menschen zu oft kontrolliert und dafür sichere Flüge als zu sterben, weil jemand es geschafft hat, eine Bombe an Bord zu bringen - oder sonstwas Gefährliches. Nein, die sollen ihren Job machen, das verkrafte ich schon. Nur war es schon sehr irritierend, wenn man so gar nichts zu verbergen hat und total unschuldig ist. 
Ich kam erst nachts an und versuchte ein Scherut nach Jerusalem zu bekommen, wartete mit Fremden auf den Beginn der Fahrt, der erst erfolgen konnte, wenn alle 9 Plätze belegt sein würden. Einer blieb dann doch frei - der neben mir. Und wir wurden gefragt, ob es okay sei, für 5 Schekel mehr nun loszufahren. Natürlich war es ok. Wir wollten alle ins Bett. Ich war froh, dass mir ein türkischer Mann, der in Berlin wohnte, half. Er sprach mehrere Sprachen fließend und war sehr hilfsbereit. Es war eine witzige Fahrt, schon hier ein Mix mehrerer Sprachen: französisch, hebräisch, arabisch, englisch, deutsch - und etwas erhitzt. Vor allem, als der Fahrer plötzlich anhielt und der einen Passagierin sagte, dass ein Taxi sie den Rest der Strecke mitnehmen werde. Unverständnis. Der Franzose neben mir, der Hebräisch und Arabisch sprach, sagte dauernd auf französisch, dass er vom ersten Schawarma träume ...
Ich jedenfalls wurde irgendwo in der Stadtmitte abgesetzt, es sei nur ein paar Schritte entfernt. Rechts, links, dann sei ich schon fast davor. Sagten sie. Offensichtlich hatte ich links und rechts vertauscht. Ich lief im Kreis und plötzlich stand ich vor einem Schild, auf dem die richtige Straße stand. Ein paar Schritte weiter dann das Hostel, in dem ich unterkommen sollte. Ich weckte meine Begleitungen auf und legte mich müde ins Bett ...
Am nächsten Morgen begann dann die Bilder- und Gedankenflut, alle Impressionen prallten auf mich ein, die ganzen Gerüchte und Visionen auf dem Markt, der Geschmack beim Essen, die Sonne, die auf mich schien, die ganze erlebte Geschichte in der Altstadt, der Besuch in der Grabeskirche, die griechischen Worte, die um mich herum schwirrten, die Klagemauer (Kotel) und die vielen jungen Leute, die da saßen und standen, redeten und beteten. Und dann die vielen Soldatinnen und Soldaten, die zu Dutzenden umherstanden, mit ihren großen Waffen und jung an Jahren. Ich sog alles in mich hinein und verschluckte mich fast daran. Mir war es von Anfang an zu viel, doch ich wusste nicht warum. 
Viele Fragezeichen bildeten sich und ich hoffte, dass sie in der nächsten Woche weniger würden ...
Bleibt gespannt! :-)



























































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