Dienstag, 1. März 2016

Sex Stories: Die Anfälligkeit der Sensation


Darauf bereitet doch keiner einen vor. Bist du ein Junge, sagen sie dir von früh an, dass du später eine Frau, zwei oder drei Kinder, ein großes Haus mit Garten und am besten einen Hund haben solltest. Mädchen wird gesagt, dass sie so einen Jungen finden sollen. Es wird nicht davon gesprochen, dass du einen anderen Mann finden könntest, und dem Mädchen nicht, dass es eine Frau als Partnerin auswählen könnte. Der Junge könnte vielleicht lieber ein Mädchen, das Mädchen lieber ein Junge sein, doch diese Möglichkeit scheint es nicht zu geben. Nicht in ihren Gedanken. Eltern haben ebenso wenig das Bild vor Augen, dass das Kind asexuell sein und ohne Partner durch das Leben wandeln könnte, noch weniger stellen sie sich eine Verbindung mit mehreren Erwachsenen vor.
Hollywood zeigt dieses Bild Mann/Frau/Kind/Haus/Auto, in Liebesromanen liest man das, die Politiker/innen fordern und fördern das, die Stammtische wollen das, die vielen Dummen in den sozialen Netzwerken wollen das – und wenn jemand etwas online stellt, was dem entgegenspricht, shitstormen sie wie auf Knopfdruck.

Doch was ist, wenn dir etwas zustößt, was diesem Bild nicht entspricht? Wenn du davon abweichst? Wenn du plötzlich etwas ganz anderes leben sollst/willst/musst?
Was denkst du, fühlst du, willst du, machst du dann?

Die letzten Tage dachte ich so viel über Cleo nach, fühlte mich ganz verliebt, hatte das Bedürfnis sie zu berühren, zu küssen, mit ihr zu schlafen. Doch sie hat schon zwei Typen, Kinder, lebt mit ihnen zusammen. Das ist so anders als alles das, was ich bisher gelebt habe, was ich von meinen Eltern, Verwandten und Freunden kenne. Und dann habe ich sie und ihren Ehemann doch getroffen und hatte eine wilde Nacht …

Ich wache morgens auf, ich kriege kaum die Augen auf, aber als ich es tue, frage ich mich, wo ich bin. Sonst wache ich an einem anderen Ort auf. In einem anderen Bett, mit anderer Bettwäsche, einem anderen Geruch – und sonst liegt niemand neben mir. Cleo?
„Hallo, Hübscher!“, höre ich nun. Es ist eine männliche Stimme.
Ich blicke den Typen an. Marc. Blond. Blauäugig. Keine Haare auf der Brust.
„Wo ist Cleo?“, frage ich ihn irritiert.
„Sie musste früher los, ein Termin bei der Arbeit.“
An der Wand hängt eine Uhr, es ist halb neun. Scheiße, ich muss mich fertig machen. Mir fällt auf, dass ich nackt bin. Und ich habe einen Ständer. So kann ich nicht aufstehen. Marc fragt mich, was los sei. Nichts, antworte ich. Er sagt, ich könne gerne das Bad benutzen, im Regal seien frische Badetücher. Ich könnte mir frische Unterwäsche von ihm ausleihen. Schüchtern bedanke ich mich, mir ist das alles unangenehm. Noch nie bin ich neben einem Mann morgens aufgewacht, und schon gar nicht nackt. Verschämt schäle ich mich aus dem Bett.
„Ich weiß, wie du nackt aussiehst“, lacht mich Marc aus.

Niemand bereitet dich auf so eine Situation vor, niemand. Du willst mit einer Frau schlafen und du schläfst mit ihr, aber auch mit ihrem Ehemann, gleichzeitig.
Die Dusche tut gut, der Wasserstrahl massiert meinen Rücken, ich schließe die Augen, lasse mich fallen. Dann spüre ich einen Lufthauch, die Türe öffnet sich. Ich öffne meine Augen und erkenne Marc vor mir, nackt, auf dem Weg in die geräumige Dusche.
„Ich hoffe, du hast nichts dagegen“, lächelt er süffisant, „ist ja genug Platz für beide.“
Und genug Brause. Trotzdem ist es mir unangenehm. Beim Sport habe ich schon mit anderen Männern geduscht, aber natürlich nicht so nah beieinander. Und sie haben mich nicht eingeseift, wie es plötzlich Marc tut. Entspann dich, flüstert er mir zu, und dann bearbeitet er meinen ganzen Körper, streift dabei immer meinen steifen Schwanz. Als die Seife abgewaschen ist, nimmt er ihn in den Mund, ich kann mich nicht wehren, will es auch nicht. Nach einer Weile jedoch steht Marc auf, flüstert mir ins Ohr, dass er genommen werden möchte. Er verreibt nun erneut etwas Duschgel auf meinen Ständer und auch etwas um sein Loch herum, dann dreht er sich um …

Nach dem Duschen trocknet Marc mich liebevoll ab, er lächelt selig dabei.
„Bin ich bisexuell?“, frage ich ihn leise.
„Keine Ahnung. Bist du es?“, sagt er lachend.
„Nimm mich bitte ernst! Für mich ist das nicht so einfach wie für dich. Ich bin in Cleo verliebt. Ich bin wegen ihr hier.“
„Und kein kleines Bisschen wegen mir?“
Was sage ich jetzt, ohne ihn zu verletzen? Ich bin gerade in ihm gekommen. Darf ich jetzt irgendetwas sagen, was ihn verletzen könnte?
Es bereitet dich wirklich keiner auf so etwas vor. Was mache, denke, sage ich?
Er lacht:
„Schon gut, schon gut!“
Dann ernster:
„Wir brauchen keine Schubladen, Lasar. Cleo nicht, ich nicht, und du solltest auch nichts von dem, was wir tun, irgendwie in eine Schublade tun, irgendetwas benennen. Außer vielleicht, wenn du das Wort LIEBE oder sich sehr lieb haben verwenden möchtest.“
Vielleicht hat er recht, doch es ist alles so neu und verwirrend für mich.
„Fandest du es in der Dusche gerade nicht erregend schön?“
Er blickt mich lange an, neugierig, offen, er macht sich damit verletzbar, sehr verletzbar. OMG! Es war erregend, es war schön, es war vertraut. Das sage ich ihm.
Dann:
„Mein erstes Mal Sex mit Cleo war mein erstes Mal Sex mit dir. Denke ich euch jetzt zusammen beim Sex?“
„Sag du es mir?“, fragt er mich.
„Ich weiß es nicht.“

Wir sind mittlerweile wieder im Schlafzimmer, liegen nackt nebeneinander. Ich spiele an meinem Smartphone herum, wähle die Nummer meiner Arbeitsstelle. Nein, so kann ich nicht arbeiten gehen, so aufgewühlt, voller Fragen. Also, melde ich mich krank, sage etwas von Magenproblemen, vielleicht etwas Schlechtes gegessen. Marc schaut mich erwartungsvoll an.
„Verbringen wir den Tag miteinander, Lasar? Ich muss später die Kinder vom Kindergarten abholen. Wir könnten in den Zoo mit ihnen.“
„Warum nicht?! Dann hole ich meinen Neffen Jonas ab und wir gehen alle zusammen. Cleo?“
Er neckt mich:
„Sie können wir erst heute Abend sehen. Wirst du das verkraften?“
Ich drehe mich zu ihm und gebe ihm eine sanfte Ohrfeige. Als ich an ihm hinunterblicke, merke ich, dass er wieder einen Ständer hat. Ich versuche es zu ignorieren und wende mich von ihm ab, um Cleo eine Whatsapp-Nachricht zu schreiben, ich frage sie, ob wir uns abends alleine sehen könnten. Sie erwidert: „Auf ein Weinchen, gerne!“

Es wird ein schöner Tag mit Marc und den drei Kindern, er ist so entspannt, so liebenswert, Cleo ist nicht von ihm wegzudenken, sie wäre verrückt, ihn zu verlassen. Ich mag ihn wohl schon ziemlich sehr.
Ich drifte in Gedanken immer wieder ab, ohne ihn kann ich sie nicht haben, ohne ihn will ich sie nicht haben! Moment! Habe ich das tatsächlich gerade gedacht?
Was ist das? frage ich mich. Ich denke an sie, schaue ihn an, begehre sie, will auch ihn. Verdammt! Wie gehe ich damit um? Wie erzähle ich es meinen Eltern, Verwandten, Freunden? Erzähle ich es überhaupt? Jonas wird von Marc erzählen. Was wird er erzählen? Was werden mich meine Schwester und ihr Mann fragen? Bin ich so abhängig von der Meinung anderer? Muss ich es anderen überhaupt erzählen?

Wann ist eine Beziehung eine Beziehung? Wann ist Liebe Liebe? Und brauche ich die anderen Menschen dafür, dass sie sowohl das eine als auch das andere legitimieren?
Letztendlich: Was will ich? Was stelle ich mir in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren vor?
Die Kinder sind gebannt von den süßen Pinguinen, Marc flüstert mir zu:
„Bei dir rattert es wohl die ganze Zeit. Worüber denkst du nach?“
„Über uns!“, sage ich knapp.
„Mach‘ dir keine Gedanken, lass es einfach laufen. Ja, Lasar?“
Ich nicke ihm zu und lächle. Jonas fragt, was wir reden. Ich sage:
„Wir haben nur überlegt, ob wir euch ein Riesen-Eis kaufen!“
„Oh ja!“, schreien drei Kinder lauthals.

Ich bin aufgeregt wie vor dem ersten Date, als ich in der Weinstube sitze und Cleo erwarte. Alles ist elektrisierend, plötzlich. Vom ersten kurzen Kuss bei der Begrüßung bis zu jeder zufälligen Berührung, so eng wie wir beieinander sitzen. Mein Knie an ihrem, meine Hand auf ihrer, elektrisches Gefühl. Ich blicke sie an und denke automatisch an Sex. Mann, ich bin wie ein Teenie und genauso nimmersatt. Kaum verstehe ich, was sie mir erzählt, ihr stressiger Tag, ihre vielen Termine, aber wunderbar, dass Marc und ich so einen schönen Tag mit den Kindern hatten, sie sind sofort nach dem Abendessen zufrieden eingeschlafen, sagt sie, kommt ja auch selten vor.
„Marc hat mir erzählt, dass du viel nachdenkst. Über uns! Was denkst du denn jetzt so?“
Sie lacht und blickt mich wie ein großes Kind an. Was erwartet sie?
Scheiße, ich kann gerade nichts anderes als an Sex mit dir denken, denke ich.
„Ich will dich! Alleine! Jetzt!“
„Darf ich zuerst meinen leckeren Wein austrinken?“, fragt sie schmunzelnd.
„Schluck ihn runter!“, sage ich lüstern.
„Wow!“, macht sie. Dann: „Lass uns in unseren Park gehen, ich kenne da eine Stelle …“
Sie zwinkert mir zu und ich habe wieder diese Gedanken in meinem Kopf: Darauf bereitet dich echt keiner vor. Aber was soll’s?! Ich schalte einfach meine Gedanken aus, schmeiße meine Schubladen auf die Müllhalde, interessiere mich nicht für das Geschwätz der anderen und lebe glücklich. Mit Cleo. Mit Marc. Mit beiden.

Fortsetzung der Geschichte: "Liebe zu dritt ist Hippie shit" aus der Anthologie Heartbeatclub

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